Rosenheim – Mit der letzten Stadtratssitzung unter Oberbürgermeister Andreas März (CSU) geht in Rosenheim eine Ära zu Ende. Sein Nachfolger Abuzar Erdogan (SPD) übernimmt in wenigen Tagen – und mit ihm verbinden viele Bürger große Hoffnungen. Doch wie viel Einfluss hat ein Oberbürgermeister tatsächlich? Was kann er verändern – und wo sind ihm Grenzen gesetzt?
Es war eine dieser Sitzungen, bei denen man spürt: Hier geht eine Ära zu Ende.
Am Mittwochabend (29.4.2026) kam der Rosenheimer Stadtrat ein letztes Mal in seiner bisherigen Besetzung im Rathaus zusammen. 24 Punkte standen auf der Tagesordnung – doch vieles wirkte an diesem Abend wie ein geordneter Schlussstrich.
Gleich zu Beginn wurde ein Thema, das noch für Diskussionen hätte sorgen können, kommentarlos von der Tagesordnung genommen: der Punkt zur Wahl eines berufsmäßigen Stadtrats für das Dezernat III. Zuvor hatte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen beantragt, die Entscheidung dem neuen Stadtrat zu überlassen.
Danach ging es schnell. Punkt für Punkt wurde abgearbeitet, ohne große Debatten, bereits nach rund einer Stunde war der öffentliche Teil beendet. Doch dann wurde es persönlich.
Abschiedsworte und Applaus
Zum Abschluss ergriff Robert Multrus, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler UP Rosenheim, das Wort. Auch für ihn war es ein Abschied nach drei Amtsperioden, er verlässt den Stadtrat aus eigenem Entschluss.
„Es war ein schönes Miteinander“, sagte er und blickte auf die vergangenen Jahre zurück, bevor er sich auch an Oberbürgermeister Andreas März wandte. Er erinnerte an ein vertrauliches Gespräch vor sieben Jahren, in dem März ihm eröffnet habe, dass er Oberbürgermeister werden wolle, und dass für ihn damals schon festgestanden habe, dass er aus seiner Sicht der beste und qualifizierteste Kandidat aus den Reihen der Rosenheimer CSU gewesen sei.
Stehender Applaus für Andreas März
Die Arbeit im Stadtrat sei nie ein Gegeneinander gewesen, sondern immer ein Miteinander, betonte Multrus und lobte damit ausdrücklich den Führungsstil des scheidenden Oberbürgermeisters. Am Ende erhoben sich die Stadträte, es gab stehenden Applaus für Andreas März.
„Es darf niemanden geben, mit dem man nicht spricht“
Der scheidende Oberbürgermeister zeigte sich sichtlich bewegt. Die vergangenen Jahre seien „spannend, interessant und teils auch sehr unterhaltsam“ gewesen, sagte er und betonte, dass für ihn von Anfang an festgestanden habe: Als Oberbürgermeister sei man letztlich für alles verantwortlich, was im Rathaus passiert.
Besonders wichtig sei ihm immer gewesen, dass es niemanden geben dürfe, mit dem man nicht spreche. Politische Überzeugungen seien auch auf kommunaler Ebene wichtig, entscheidend sei jedoch, dass gute Ideen Vorrang haben.
März erinnerte auch an seinen Start mitten in der Corona-Pandemie, deren gesellschaftliche Auswirkungen die Stadt bis heute begleiteten.
Sein Fazit zu den vergangenen 6 Jahren: „Wir haben viel beschlossen und viel umgesetzt.“
Der Neue ist schon präsent
Während der Abschied im Mittelpunkt stand, war der künftige Oberbürgermeister bereits präsent. Abuzar Erdogan, aktuell noch SPD-Fraktionsvorsitzender, saß im Stadtrat und sprach Andreas März in seinen Wortbeiträgen noch selbstverständlich mit „Herr Oberbürgermeister“ an – ein Detail, das den Übergang zwischen alter und neuer Amtszeit deutlich machte.
Große Erwartungen – aber was kann ein Oberbürgermeister wirklich bewegen?
Mit dem Machtwechsel im Rathaus verbinden viele Rosenheimer große Hoffnungen. In sozialen Netzwerken ist häufig die Rede von einem Neuanfang, von frischem Wind und einem anderen Stil. Doch was kann ein Oberbürgermeister tatsächlich bewegen?
Viele Erwartungen lassen sich dabei auf drei zentrale Bereiche verdichten: Wohnen, Verkehr und Lebensqualität. Beim Wohnungsbau kann ein OB Projekte politisch priorisieren, Gespräche mit Investoren führen und Verfahren anstoßen oder beschleunigen, gebaut wird jedoch nur im Zusammenspiel von Stadtrat, Verwaltung, Investoren und rechtlichen Vorgaben – und damit über Jahre hinweg.
Ähnlich verhält es sich bei Stadtentwicklung und Grünflächen. Auch hier kann der Oberbürgermeister Schwerpunkte setzen und Entwicklungen anstoßen, die konkrete Entscheidung über Flächen liegt jedoch beim Stadtrat gemeinsam mit den zuständigen Fachstellen. Beim Verkehr wiederum lassen sich Konzepte vorantreiben und politische Prioritäten setzen, viele zentrale Fragen hängen jedoch an übergeordneten Behörden, Fördermitteln und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Die größte Wirkung eines Oberbürgermeisters zeigt sich deshalb weniger im Einzelentscheid als im Zusammenspiel: Er setzt Prioritäten, steuert Abläufe, prägt den Stil der Zusammenarbeit im Rathaus und vermittelt zwischen Fraktionen und Interessen. Ohne tragfähige Mehrheiten im Stadtrat bleibt vieles dabei im Ansatz stecken, mit ihnen kann sich eine Stadt spürbar entwickeln – allerdings nicht nach dem Prinzip schneller Umbrüche, sondern in langfristigen Prozessen.
Fazit: Große Erwartungen treffen auf lange Prozesse
Die letzte Sitzung des alten Stadtrats markiert damit nicht nur das Ende einer Amtszeit, sondern auch den Beginn einer Phase hoher Erwartungen. Mit Abuzar Erdogan übernimmt ein neuer Oberbürgermeister das Rathaus, die Hoffnungen auf Veränderung sind groß, wie aktuell viele Kommentare auf Social Media zeigen.
Die Möglichkeiten eines Oberbürgermeisters sind es ebenfalls – doch sie entfalten sich nicht im Alleingang, sondern im Zusammenspiel vieler Akteure und über lange Zeiträume hinweg.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: re)


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