Rosenheim – Als wir im vergangenen Jahr unser kurzes Video vom Christopher-Street-Day in Rosenheim auf Instagram stellten, war das für uns zunächst nichts Ungewöhnliches.
Eine bunte Veranstaltung mitten in der Stadt, viele Menschen, gute Stimmung – ein kurzer Einblick für alle, die nicht selbst vor Ort waren. So machen wir das oft: ergänzend zu unserer Berichterstattung noch ein kurzes Video, damit unsere Leser einen Eindruck bekommen, wie es tatsächlich ausgesehen hat.
Und ja: Dass Beiträge bei uns viral gehen, passiert inzwischen immer wieder. Hunderttausende Aufrufe sind auf unseren Social-Media-Kanälen längst keine Seltenheit mehr. Gerade auf Instagram erreichen Videos oft weit über 500.000 Menschen – manchmal sogar deutlich mehr. Natürlich freuen wir uns darüber jedes Mal, denn Reichweite bedeutet auch: Menschen interessieren sich für Themen aus Rosenheim und der Region.
So war es auch damals.
Das Video vom Christopher-Street-Day verbreitete sich rasant. Menschen aus ganz Deutschland – und weit darüber hinaus – diskutierten plötzlich über eine Veranstaltung in Rosenheim.
Und genau da beginnt die andere Seite von Social Media. Denn Reichweite bedeutet nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Kontrollverlust.
Man weiß nie genau, in welche digitalen „Blasen“ ein Beitrag vom Algorithmus gespült wird. Plattformen wie Instagram, TikTok, X oder Facebook leben von dem, was Emotionen auslöst. Und je stärker diese Reaktion ist, desto größer wird oft auch die Reichweite.
Plötzlich diskutieren nicht mehr nur Menschen aus Rosenheim über ein lokales Thema, sondern tausende, die weder die Stadt noch die Hintergründe kennen.
Wenn Kritik kippt
Neben vielen positiven Reaktionen gab es auch sehr viele negative Kommentare. Und wie immer gilt: Kritik gehört dazu. Auch harte Kritik. Wer öffentlich berichtet, muss Widerspruch aushalten.
Was diesmal aber darüber hinausging, waren Forderungen, Kommentare zu löschen oder die Kommentarfunktion komplett zu schließen. Viele würden in solchen Situationen sofort reagieren: löschen, blockieren, Ruhe reinbringen.
Wir haben das nicht gemacht.
Nicht, weil uns der Ton egal ist, sondern weil wir überzeugt sind, dass offene Kommentarspalten Teil einer funktionierenden öffentlichen Debatte sind – solange sie sich im rechtlich zulässigen Rahmen bewegen.
Wir löschen nur in seltenen Fällen: bei Bedrohungen, strafrechtlich relevanten Inhalten oder klaren persönlichen Grenzüberschreitungen. Ansonsten halten wir uns in der Regel bewusst zurück und greifen nur in Ausnahmefällen ein, wenn Diskussionen deutlich entgleisen oder Grenzen überschritten werden. Vielleicht ist das manchmal anstrengender, aber für uns gehört es dazu.
Denn wir erleben immer wieder: Wenn alles sofort gelöscht wird, verschwindet nicht nur das Unangenehme, sondern oft auch die Möglichkeit, Diskussionen überhaupt noch einzuordnen.
Wenn aus Kritik Druck wird
Doch in diesem Fall hat sich die Dynamik verselbstständigt. Aus Kritik wurde Wut. Und aus Wut wurde eine Welle, die sich irgendwann auch gegen uns selbst gerichtet hat.
Plötzlich waren wir nicht mehr nur die Redaktion, die über eine Veranstaltung berichtet, sondern selbst Teil der Diskussion geworden.
Es gab Beleidigungen, massive persönliche Angriffe, Aufrufe zum Boykott unserer Plattform und die Forderung, künftig nicht mehr über den CSD zu berichten. Einzelne Grenzen wurden dabei deutlich überschritten – bis hin zu Drohungen und Kontakten, die weit in den privaten Bereich hineinreichten.
Und das ist der Punkt, an dem es kippt.
Denn so sehr man sich innerlich auf Gegenwind vorbereitet – die Realität ist etwas anderes, wenn er plötzlich geballt auf einen einprasselt. Wir haben gemerkt, wie sehr das an einem zieht.
Und ja – vielleicht müssen wir an dieser Stelle ehrlich sein: Ein Stück weit sind wir eingeknickt.
In diesem Jahr waren wir beim CSD in Rosenheim zwar kurz vor Ort. Wir haben jedoch kein eigenes Video mehr produziert. Stattdessen haben wir ein Foto eines befreundeten Fotografen verwendet und dazu einen sehr kurzen, nüchternen Beitrag mit den wichtigsten Fakten veröffentlicht. Im Nachhinein ärgert uns das.
Nicht, weil wir Kritik ignorieren wollen, sondern weil wir gemerkt haben, wie gefährlich es ist, wenn digitale Lautstärke am Ende beeinflusst, worüber berichtet wird – und worüber nicht mehr. Denn genau dort beginnt ein Problem, das über diesen einzelnen Fall hinausgeht.
Die Frage ist nicht nur, wie viel Meinung Social Media aushält. Sondern auch, wie viel Druck Menschen aushalten, die öffentlich berichten, arbeiten oder sich einbringen.
Und genau hier wird die Debatte über Regulierung interessant – und gleichzeitig kompliziert.
Natürlich gibt es politische Diskussionen über strengere Regeln, über Klarnamenpflichten oder über den Umgang mit Hass im Netz. Gleichzeitig schützt das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ausdrücklich auch zugespitzte, emotionale und harte Kritik. Und genau diese Balance ist schwer zu halten.
Denn nicht alles, was laut ist, ist automatisch strafbar. Aber auch nicht alles, was legal ist, ist automatisch folgenlos.
Hinzu kommt: Die Dynamik der Plattformen selbst verstärkt vieles. Algorithmen auf Instagram, TikTok, X oder anderen Netzwerken belohnen oft genau die Inhalte, die am stärksten polarisieren. Je emotionaler, desto sichtbarer. Je konflikthafter, desto größer die Reichweite.
Das verändert den Ton im Netz massiv.
Mehr Regeln können schützen – aber sie können auch in die Freiheit eingreifen, die eine offene Debatte überhaupt erst ermöglicht. Weniger Regeln lassen mehr Raum – aber auch mehr Raum für Missbrauch, Druck und digitale Einschüchterung.
Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Bild, das ich selbst im Kopf habe: die Pippi-Langstrumpf-Mentalität – „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“.
Denn genau dieser Mechanismus lässt sich in sozialen Medien manchmal beobachten, nur eben in unterschiedlichen Richtungen.
Die einen versuchen, sich ihre digitale Welt durch Löschung und Kontrolle möglichst „sauber“ zu halten. Die anderen versuchen durch Lautstärke, Empörung und Druck zu bestimmen, was gesagt werden darf und was nicht.
Beides greift zu kurz.
Denn eine Demokratie braucht weder einen Raum, in dem nur noch Unangenehmes verschwindet, noch einen Raum, in dem nur noch die Lautesten dominieren.
Am Ende bleibt ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Für uns selbst hat dieser Fall jedenfalls eine Konsequenz: Wir werden unsere Kommentarfunktionen weiterhin offen halten. Wir werden weiterhin nur in klaren Ausnahmefällen löschen. Wir haben gelernt, solche Dynamiken früh zu erkennen. An unserer grundsätzlichen Entscheidung, die Kommentarfunktion offen zu halten, ändert das jedoch nichts.
Denn das darf nicht passieren. Kritik gehört zur Demokratie. Einschüchterung nicht.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung dieser digitalen Öffentlichkeit: einen Raum zu bewahren, in dem harte Debatten möglich bleiben, ohne dass am Ende nur noch die Lautesten bestimmen, wer sich noch traut, etwas zu sagen.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


🙏👏👏👏👏ohne Worte