Rosenheim – Rund 90 Darsteller, der Ludwigsplatz mit seinen historischen Häusern als Bühne und eine kaum bekannte Episode aus der Stadtgeschichte: Mit dem neuen Stadtspiel „Hoch hinaus oder Die Weltverbesserer“ hat das Theater Rosenheim am Freitagabend (27.6.2026) eine Premiere gezeigt, die tief in die Vergangenheit führt – und ein Kapitel beleuchtet, das selbst in Rosenheim kaum jemand kennt.
Ratsch und Tratsch auf dem Rosenheimer Ludwigsplatz. Nicht jedem gefällt die „Rosenheimer Akademie) Fotos: Josefa Staudhammer.
Dass es eine „Rosenheimer Akademie“ tatsächlich gegeben hat, sorgte sogar für Staunen im Rathaus. „Da musste ich auch erst einmal beim Autor nachfragen“, meinte Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan bei der Premiere.
Auch er war an diesem Abend im Publikum und verfolgte das Stadtspiel aus der ersten Reihe. Horst Rankl, Ehrenvorsitzender des Theater Rosenheim, hat für das neue Stück erneut viel Zeit in Recherchen in Archiven und historischen Gerichtsprotokollen verbracht. „Ohne ihn würde es das Rosenheimer Stadtspiel nicht geben“, würdigte Erdogan seine Verdienste um die Vermittlung der Stadtgeschichte.
Akademie, Aufklärung und wachsende Gerüchte
Im Mittelpunkt der Handlung steht die Gründung einer „Rosenheimer Akademie“ im Jahr 1787. Bürger des damaligen Marktes Rosenheim versuchen im Geist der Aufklärung, ihre Lebensumstände zu verbessern – zunächst in kleinen, fast unscheinbaren Treffen.
Doch schon bald kippt die Stimmung. Während die Mitglieder der Gruppe auf Stillschweigen setzen, wächst im Ort das Misstrauen. Ehefrauen äußern öffentlich Kritik, Gerüchte über geheime Gesellschaften wie Illuminaten oder Freimaurer verbreiten sich.
von links: Regisseur Jogi Gaschke, Autor und Ehrenvorsitzender des Theater Rosenheim Horst Rankl und Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan freuen sich über die gelungene Premiere.
Auch die Obrigkeit wird aufmerksam. Eine Untersuchung aus München wird eingeleitet, bleibt jedoch ohne Ergebnis. Parallel verschärfen sich die Spannungen im Ort weiter, bis hin zu Konflikten und Übergriffen im Umfeld der „Akademie“.
Alltag, Anspruch und neue dramaturgische Wege
Im Vergleich zu früheren Stadtspielen setzt die neue Produktion bewusst andere Schwerpunkte. Weder kriegerische Auseinandersetzungen noch ein klassisches Liebespaar stehen im Mittelpunkt. Stattdessen geht es um bürgerliche Dynamiken, soziale Spannungen und das Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Ein Großteil der Handlung spielt sich im „Wirtshaus“ ab.
Neu ist auch die zeitliche Struktur: Während frühere Stücke oft über Jahrzehnte angelegt waren, spielt „Hoch hinaus“ innerhalb weniger Monate. Das erleichtert die Darstellung auf der Bühne, verlangt aber zugleich ein hohes Tempo in der Erzählung.
Figuren, Proben und Regiearbeit am Ludwigsplatz
Die Inszenierung lebt vom Zusammenspiel der rund 90 Mitwirkenden. Neben Erwachsenen wirken auch Kinder und Jugendliche mit, zudem sind auch Pferde Teil der Aufführung.
Einer, der das Stück von Beginn an begleitet, ist Walter Weinzierl. Er verkörpert in „Hoch hinaus“ Bürgermeister Johann Rieder – eine Rolle, die für ihn nicht neu ist. Schon bei vielen früheren Stadtspielen stand er in ähnlicher Funktion auf der Bühne. „Das ist meine Paraderolle“, sagte er kurz vor der Premiere schmunzelnd.
Nach den Proben in Innenräumen übernahm in diesem Jahr erstmals Jogi Gaschke die Regie. Für ihn bedeutete das bei dieser Größenordnung eine besonders koordinationsintensive Aufgabe. Im weiteren Verlauf wurde die Inszenierung direkt am Ludwigsplatz weiterentwickelt, wo die historische Umgebung selbst Teil des Spiels ist.
Schein und Sein – die aufgebrezelten Frauen der Herren „Akademiker“.
Wirtshaustisch, Rollenwechsel und soziale Dynamiken
Im Zentrum der Inszenierung steht ein langer Wirtshaustisch. Hier treffen sich die Bürger der „Akademie“, diskutieren über Sprache, Reime, Geselligkeit oder Glücksspiel – und entwickeln Schritt für Schritt ein eigenes Selbstverständnis.
Aus den Treffen wird schnell ein Kreis mit wachsendem Anspruch. Die Beteiligten inszenieren sich zunehmend selbst als „Akademiker“ und versuchen, gesellschaftlich aufzusteigen. Auch die Frauen im Stück reagieren zunächst kritisch auf die geheimen Treffen, werden später jedoch selbst Teil der sich verändernden sozialen Ordnung.
„Ich finde, vieles in diesem Stück ist wieder sehr aktuell“, sagte Weinzierl. Gerade deshalb sei das Stadtspiel wichtig, auch um Stadtgeschichte lebendig zu vermitteln. „Ich habe dadurch selbst schon viel über Rosenheim gelernt.“
Auch Pferde gehören diesmal wieder zum Ensemble.
Kostüme und ein überraschend mildes Ende
Ein prägender Teil der Inszenierung sind die historisch angelehnten Kostüme, dafür verantwortlich ist Renate Benner. Sie machen die Zeit um 1787 visuell greifbar und tragen wesentlich zur Atmosphäre bei.
Nach einer Eskalation im Ort endet die „Affäre“ schließlich vor Gericht. Die Verhandlung in München fällt jedoch überraschend mild aus: Die vermeintliche Verschwörung entpuppt sich als gut gemeinter Bürgerverein.
Und auch die Auflösung der „Rosenheimer Akademie“ erklärt das Stück mit einem augenzwinkernden Blick: Die Treffen dienten weniger der großen Weltverbesserung als vielmehr geselligen Abenden mit Wein und Gespräch. Als Druck und Misstrauen zunahmen, war der Rückzug letztlich die einfachste Lösung.
Das gesamte Ensemble auf der Bühne.
Premiere bei Sommerabendstimmung
Auch das Publikum zeigte sich gut vorbereitet auf die hochsommerlichen Bedingungen. Obwohl die Premiere erst um 20.30 Uhr begann, war es auf dem Ludwigsplatz noch immer spürbar warm. Viele Zuschauer hatten sich mit Fächern und Wasserflaschen ausgestattet und machten es sich so gut es ging bequem.
Die Spielfreude er Theaterspieler wird auch bei dem neuen Stadtspiel wieder spürbar.
Immer wieder sorgten die humorvollen Dialoge für Schmunzeln im Publikum. Am Ende des Abends gab es für das Ensemble viel Applaus für eine Premiere, die Geschichte und Gegenwart auf dem Ludwigsplatz unmittelbar zusammenbrachte.
Noch neun weitere Aufführungen unter freiem Himmel stehen auf dem Programm. Informationen dazu gibt es beim Theater Rosenheim.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild, Fotos: Josefa Staudhammer)
















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