Rosenheim – Übertreibung gilt im Alltag oft als Störung des guten Maßes – in der Kunst kann sie jedoch genau das Gegenteil sein. Mit der neuen Ausstellung „Big Promises“ zeigt die Städtische Galerie Rosenheim handgemalte Filmplakate aus Ghana, in denen genau diese Überzeichnung zum zentralen Gestaltungsmittel geworden ist. Die Schau wurde am Samstagabend (27.6.2026) eröffnet.
Auch Werbeplakate können Kunst sein.
Mehr als 100 Werke aus der Sammlung des Rosenheimer Sammlers Wolfgang Stäbler sind nun in Rosenheim zu sehen. Ergänzt wird die Ausstellung durch Fotografien aus dem ursprünglichen Umfeld der Plakate sowie ein Video, das ein Gespräch mit einem der beteiligten Künstler zeigt.
Filme, die die Maler nie gesehen haben
Das Besondere an den ghanaischen Filmplakaten liegt in ihrer Entstehungsgeschichte: Die Maler erhielten meist nur kurze Beschreibungen oder mündliche Vorgaben von Kinobetreibern. Den eigentlichen Film sahen sie oft nie.
Aus diesen fragmentarischen Informationen entwickelten sie eigenständige Bildwelten – frei, expressiv und bewusst überhöht. Action, Gewalt und Fantasie werden dabei drastisch zugespitzt dargestellt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Publikum für die mobilen Wanderkinos zu gewinnen. Hollywood-Stars sind auf den Plakaten häufig kaum wiederzuerkennen.
Das Filmplakat für Stephen Kings Klassiker.
Gemalt auf gebrauchten Mehlsäcken
Auch das Material erzählt eine eigene Geschichte: Da Leinwände zu teuer waren, nähten die Künstler gebrauchte Baumwoll-Mehlsäcke zusammen und bemalten diese weiter. Die unregelmäßige, grobe Oberfläche prägt den unverwechselbaren Charakter der Werke bis heute.
Die Blütezeit dieser sogenannten „Mobile Cinemas“ lag zwischen den späten 1980er-Jahren und den 2000er-Jahren. Mit der Verbreitung von Video, DVD und später digitalen Medien verloren die Wanderkinos zunehmend ihre Bedeutung – und damit auch die klassische Form der Plakatkunst.
Heute gelten die Werke als begehrte Sammlerstücke und erzielen international hohe Preise. Was einst reine Werbung für Dorfkinos war, ist längst Teil des globalen Kunstmarkts geworden.
Zwischen Werbung und individueller Handschrift
Jeder Maler entwickelte im Laufe der Zeit einen eigenen Stil, an dem seine Arbeiten bis heute erkennbar sind. Einer der bekanntesten Vertreter ist Mr. Brew, dessen Werke ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.
Auch ganz schön gruselig.
Er lernte das Malen bereits als Kind von seinem Vater Atta Brew, der zunächst Porträts fertigte, bevor er sich der Filmplakatkunst widmete. In einem in der Ausstellung zitierten Statement beschreibt Mr. Brew seinen Arbeitsprozess: Zunächst versuche er, sich anhand der Informationen ein Bild vom Film zu machen, dann entstehe vieles aus der eigenen Fantasie heraus.
Heute arbeitet er weiterhin als Künstler und verdient seinen Lebensunterhalt auch mit Schildermalerei und Bannern, da die klassische Filmplakatproduktion in Ghana weitgehend verschwunden ist.
Ein fast verschwundenes Handwerk
Mit der Verbreitung von Fernsehen, Videoverleih und später digitalen Medien verloren die Kinos in Ghana ab der Jahrtausendwende zunehmend an Bedeutung. Damit verschwand auch der Bedarf an handgemalten Filmplakaten weitgehend.
Der US-amerikanische Sammler Ernie Wolfe gilt als einer der ersten, der diese Werke bereits in den 1980er-Jahren als Kunstform erkannte. In Europa folgten später weitere Sammler – darunter auch der Rosenheimer Wolfgang Stäbler.
Ganz verschwunden ist die Tradition bis heute nicht: Einige Künstler fertigen weiterhin Plakate an – allerdings weniger als klassische Werbung, sondern zunehmend als eigenständige Kunstobjekte für Sammler.
Eröffnung zwischen Farbe und Kontrast
Die Eröffnung der Ausstellung war gut besucht. Bei hochsommerlichen Außentemperaturen boten die klimatisierten Räume der Städtischen Galerie Rosenheim einen ruhigen Gegenpol, um die intensiven Bildwelten in Ruhe auf sich wirken zu lassen.
Unter den Gästen war auch Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan, der ebenso wie viele Besucher die Gelegenheit nutzte, die ungewöhnlichen Werke aus nächster Nähe zu betrachten.
In die Ausstellung führte Sammler Wolfgang Stäbler selbst ein. Er erläuterte dabei, wie er auf diese besondere Kunstform aufmerksam wurde und warum sie ihn bis heute fasziniert.
Auch Monika Hauser-Mair ordnete die Arbeiten ein: „Wir sind es gewohnt, auf Kunst und Gestaltung durch eine westliche Brille zu schauen. Diese Ausstellung erinnert uns daran, dass Kreativität, Bildsprache und künstlerische Qualität nicht an europäischen Maßstäben gemessen werden dürfen.“
Übertreibung als künstlerisches Prinzip
Was die Werke verbindet, ist ihre konsequente Übertreibung: grelle Farben, übersteigerte Körper, dramatische Szenen, makabre und zugleich humorvolle Elemente. Genau das, was im Alltag oft als zu viel gilt, wird hier zum künstlerischen Prinzip.
„Big Promises“ zeigt damit nicht nur eine außergewöhnliche Bildwelt, sondern auch, wie aus funktionaler Kinowerbung eine eigenständige Kunstform wurde – entstanden aus Improvisation, Materialknappheit und großer erzählerischer Freiheit. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 16. August.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Fotos: Hendrik Heuser)









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