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Innpuls-Tagebuch – Hinter den Schlagzeilen: Wenn ein Baum plötzlich nicht mehr da ist

Karin Portrait-Foto. Flotomontage mit Hintergrund.

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

21. August 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

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Rosenheim – Ich kann gerade nicht mehr aus meinem Fenster schauen. Zumindest versuche ich, es zu vermeiden. Denn dort, wo seit mehr als 80 Jahren ein mächtiger Baum steht, sieht es inzwischen aus wie nach einem schweren Sturm. Große Äste sind abgesägt, die Krone ist zerschunden. Bald wird von der Esche nichts mehr übrig sein.

Bis zum letzten Tag habe ich gehofft, dass wir es noch schaffen, diesen Baum zu retten. Einmal waren die Baumfäller sogar schon da und mussten wieder unverrichteter Dinge abziehen. Also blieb die Hoffnung: Vielleicht gibt es doch noch eine Wendung. Vielleicht können wir diesen mächtigen Riesen noch behalten.

Jetzt weiß ich, dass es nicht mehr so ist.

Als ich vor mehr als 30 Jahren in die Kastenau gezogen bin, war die Esche bereits ein mächtiger Riese. Seitdem gehörte sie für mich einfach dazu. Von fast jedem Fenster unseres Hauses fällt der Blick auf diesen Baum. Beim Zähneputzen habe ich ihn angeschaut. Bei Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen war er oft die Kulisse für meine Fotos. Im Herbst habe ich mich gefreut, wenn ganze Schwärme von Zugvögeln auf seinen Ästen landeten.
Und bei schweren Stürmen habe ich, wenn ich Angst bekam, ebenfalls oft aus dem Fenster geschaut. Dieser mächtige Baum stand einfach da. Seine Standhaftigkeit gab mir immer ein Gefühl von Sicherheit.

Diese Woche war die private Karin stärker

Aber diese Woche hat bei mir eben nicht nur die Journalistin reagiert, sondern vor allem die private Karin – und mit ihr die ganze Familie. Gemeinsam haben wir eine kleine Aktion auf die Beine gestellt: Auf unserem Grundstück stellten wir ein Bild der Esche auf, dazu Andachtslichter und einen bewusst provokanten Text: „Ich wollte Euch doch nur Schatten und Sauerstoff schenken. Warum muss ich jetzt sterben?“ Daneben Bilder von Tieren, die mit dem Baum ihren Lebensraum verlieren. Und der ebenfalls zugespitzte Hinweis, dass manchen Menschen offenbar saubere Fenster und ein laubfreier Rasen wichtiger sind.
Ja, das war bewusst provokant.

Wir wollten damit niemanden persönlich an den Pranger stellen. Wir wollten zum Nachdenken und zum Austausch anregen. Und das hat tatsächlich funktioniert.
In den letzten Tagen kamen immer wieder Menschen zu dem Baum. Manche blieben stehen, machten Fotos oder erzählten uns, was diese Esche ihnen bedeutet. Es war fast eine kleine Pilgerstätte – und das haben wir tatsächlich alle so erlebt. Viele waren genauso betroffen wie wir.

Wir haben in diesen Tagen gemerkt, dass wir mit unserer Traurigkeit keineswegs allein sind.

Natürlich gab es auch andere Stimmen. Einige Menschen waren der Meinung, dass ein so großer Baum grundsätzlich nicht in ein Wohngebiet gehört. Zu groß, zu viel Schatten, zu viel Laub und letztlich auch eine mögliche Gefahr. Eine Anwohnerin meinte sinngemäß, wir könnten leicht reden, schließlich müssten wir uns nicht über das Laub ärgern und hätten keine Angst vor der Größe des Baumes.

Ich kann diese Sorge sogar verstehen. Ein Baum von dieser Größe ist kein Gartenzwerg. Auch bei uns im Garten stehen zwei mächtige, sehr hohe Fichten. Wir wissen also durchaus, was es bedeutet, große Bäume in unmittelbarer Nähe zu haben. Und natürlich muss die Sicherheit von Menschen berücksichtigt werden.

Es geht mir deshalb nicht darum, jeden großen Baum um jeden Preis stehen zu lassen.

Auch die Baumbesitzer leiden

Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist die Situation der Menschen, denen die Esche gehört.
Nach den mittlerweile öffentlich einsehbaren Gutachten der Baumbesitzer war der Baum gesund. Auf die Einzelheiten dieses über Jahrzehnte gehenden Konflikts möchte ich an dieser Stelle gar nicht eingehen. Denn was mich viel mehr berührt, ist, was die Fällung mit den Baumbesitzern macht.

Sie wollten diese Esche behalten. Sie haben bis zuletzt für ihren Erhalt gekämpft. Und nun müssen sie danebenstehen und mitansehen, wie dieser Baum auf ihrem eigenen Grundstück Stück für Stück verschwindet.
Für sie ist das kein nüchterner Vorgang, bei dem eben ein Baum gefällt wird. Sie leiden enorm darunter. Es fließen Tränen, und die Situation setzt ihnen auch psychisch zu.

Und dann stehen da die Baumfäller, die täglich mit solchen Situationen zu tun haben, und sagen: „Und dann noch so eine gesunde, schöne Esche.“ Zu der Baumbesitzerin fällt außerdem der Satz: „Ein wirklich wunderschöner Baum.“

Ich finde, viel mehr muss man dazu eigentlich gar nicht sagen.

Was ist uns ein alter Baum wert?

Vielleicht beschäftigt mich diese Geschichte auch deshalb so sehr, weil sie weit über diesen einen Baum hinausweist.

Das Eschentriebsterben setzt der Baumart seit Jahren zu. Der Pilz Hymenoscyphus fraxineus ist inzwischen in weiten Teilen Europas verbreitet. Viele Eschen werden krank, verlieren Äste und können irgendwann ihre Stand- und Bruchsicherheit verlieren. Wenn ein Baum tatsächlich zur Gefahr wird, muss gehandelt werden.

Aber eben nicht jede Esche ist gleich.

Forschungen zeigen, dass es einzelne Eschen gibt, die mit dem Pilz deutlich besser zurechtkommen. Genau diese besonders vitalen und widerstandsfähigen Bäume sind für die Forschung interessant. Sie könnten möglicherweise dazu beitragen, die Baumart langfristig zu erhalten.

Und da frage ich mich: Wenn wir solche Bäume suchen – sollten wir dann nicht besonders genau hinschauen, bevor wir einen alten, gesunden Baum aufgeben?

Vielleicht war unsere Esche einfach ein gesunder alter Baum. Vielleicht wäre sie irgendwann doch krank geworden. Vielleicht gehörte sie aber auch zu den wenigen Exemplaren, die mit dem Erreger besonders gut zurechtkommen. Wir werden es nie erfahren.

22 Eschen auf Rosenheims Fällliste

Diese Frage bekommt für mich noch mehr Gewicht, wenn ich auf Rosenheim schaue.

Am 20. Juli haben wir darüber berichtet, dass für dieses Jahr insgesamt 58 Bäume auf städtischen Flächen zur Fällung vorgesehen sind. 22 davon sind Eschen. Die Maßnahmen sollen voraussichtlich ab September beginnen.

Damals haben wir bei der Stadt nachgefragt, wie es um die Eschen in Rosenheim steht. Die Antwort war: Eschen würden nicht allein deshalb gefällt, weil sie Eschen sind. Entscheidend seien die individuelle Vitalität sowie die Stand- und Verkehrssicherheit. Ein eigenes Erhaltungsprogramm für die Baumart gibt es in Rosenheim derzeit allerdings nicht.

Gleichzeitig ist die Esche ökologisch ausgesprochen wertvoll. Eine Veröffentlichung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft nennt 899 Arten, die mit der Esche vergesellschaftet sind. Darunter befinden sich auch Arten, die besonders eng an diese Baumart gebunden sind.

Ein alter Baum ist eben nicht nur ein Stamm mit Ästen und Blättern. Er ist Lebensraum. Er spendet Schatten. Er kühlt. Er bindet Kohlenstoff. Er prägt einen Ort. Und irgendwann ist er so groß geworden, dass er selbst zu einem kleinen Ökosystem geworden ist.

Wo liegt die Grenze?

Ich möchte die Sorgen der Menschen, die mit großen Bäumen leben, ausdrücklich nicht kleinreden. Natürlich kann Laub nerven. Natürlich kann Schatten stören. Und natürlich kann ein sehr großer Baum Angst machen, wenn ein schwerer Sturm aufzieht.
Auch ich kenne diese Gedanken. Unsere beiden großen Fichten im eigenen Garten erinnern mich daran, dass große Bäume nicht nur romantisch sind.

Aber vielleicht müssen wir irgendwann die Frage stellen, wie wir diese unterschiedlichen Interessen gegeneinander abwägen.
Was wiegt für uns schwerer: ein Fenster, das häufiger geputzt werden muss, mehr Laub auf der Wiese – oder der Verlust einer alten Esche als Lebensraum für unzählige Lebewesen?

Ich habe darauf keine einfache Antwort. Aber ich glaube, dass wir uns diese Frage stellen müssen.

Denn wenn eine Baumart ohnehin unter einer Krankheit leidet und Wissenschaftler gleichzeitig nach den wenigen besonders widerstandsfähigen Exemplaren suchen, dann sollte ein gesunder alter Baum vielleicht mehr sein als einfach nur ein Baum, der noch nicht gefällt werden muss. Vielleicht ist er eine Chance.

Einen alten Baum kann man nicht nachpflanzen

Natürlich werden für gefällte Bäume neue gepflanzt. Das ist richtig und wichtig. Aber ein junger Baum kann einen alten Baum nicht einfach ersetzen. Er kann irgendwann groß werden. Er kann Schatten spenden und Lebensraum bieten. Aber dafür braucht er Jahrzehnte.

Einen Baum kann man pflanzen. Einen alten Baum kann man nicht nachpflanzen. Vielleicht sollten wir deshalb bei unseren Eschen nicht nur darüber sprechen, wie viele wir verlieren und welche Bäume wir danach pflanzen.

Vielleicht sollten wir auch darüber sprechen, welche der verbliebenen Eschen wir unbedingt erhalten wollen. Meine Esche werde ich nicht mehr retten können. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich gerade jeden Tag ein bisschen weniger von ihr. Das tut weh.

Aber vielleicht kann aus diesem Verlust wenigstens eine Frage entstehen, die uns auch über diesen einen Baum hinaus beschäftigt: Was ist uns ein alter, gesunder Baum wert – und sind wir bereit, ihm diesen Wert auch dann zuzugestehen, wenn er nicht immer nur bequem ist?

Vielleicht sollten wir bei den Eschen, die uns noch bleiben, besonders genau hinschauen.

Liebe Grüße aus der Redaktion

Karin

3 Kommentare

  1. Ja, es ist eine Schande wie wir Menschen mit unserer Natur umgehen. Jahrtausende haben Mensch und Natur nebeneinander gelebt, sich geschützt und unterstützt. Die Natur hat uns Menschen ernährt und gesund erhalten. Nun hat der Mensch seit etwa zweihundert Jahren gelernt, nach und nach auf diese Natur zu verzichten. Nun ist er der Flora und der Fauna überdrüssig. Sie steht ihm scheinbar im Weg, wenn es darum geht, die Bequemlichkeit und den Reichtum zu vermehren. Jahrtausende sind keine oder nur geringe Schäden durch die Tiere entstanden. Tiergattung um Tiergattung muss jetzt unseren Lebenraum verlassen. Der Mensch hat Waffen, Tiere nicht und trotzdem müssen sie vollständig vernichtet werden. Nun auch die Bäume?

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  2. Jeder Baum, welcher der Axt zum Opfer fällt macht mich traurig! So lange hat es gedauert, bis er groß und stark geworden ist! Es waren gar nicht die Besitzer des Baumes, welche die Fällung angestrebt haben! Wozu gibt es eine Baumschutzverordnung, wenn Hinz und Kunz erreichen können, daß ein Baum, der sie stört entfernt wird?
    Auch als die Baywawiese gerohdet wurde war es nur einfach schrecklich. So vielem Getier wurde dort der Lebensraum genommen. Ebenfalls an der Mangfall/ Leitzachstraße ist es leer geworden. Man muß kein Anwohner sein, um das zu sehen!
    Alt, krank und gefährlich für andere, da versteht man, weshalb eine Entfernung nötig ist – aber alt und gesund. . . ! ?
    Gute Wünsche habe ich für den Baummörder nicht!!!!

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  3. Es ist zutiefst bedauerlich zu sehen, wie ein historisch und ökologisch so prägender und dominanter grüner Riese leise aus unserem Stadtbild verschwindet.

    Mit dem stummen Rückzug der Natur verlieren die Menschen zunehmend den Bezug zu ihrer eigenen Umwelt.

    Die heranwachsenden Generationen sind mittlerweile mit ihren Handys schon dermaßen von der Natur entfremdet, dass ihnen dieser schleichende Verlust gar nicht mehr auffällt – denn vermissen kann man schließlich nur, was man vorher bewusst wahrgenommen hat.

    Dass die Stadt immer betonierter, immer stahlbetoniger und glasflächiger wird, fällt eigentlich nur noch älteren Leuten auf.

    Mich persönlich ärgert diese Entwicklung maßlos:
    Da ich in meinem germanischen Baumhoroskop selbst „Eberesche“ bin, leide ich mit jedem einzelnen Baum und mit jeder einzelnen Esche, die uns verlassen muss.

    Wir sollten diese schleichende Verödung unserer Lebensräume nicht einfach hinnehmen.

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