Rosenheim – Unsere fotografische Zeitreise geht heute zurück in die Zeit um ca. 1890. Auf der historischen Aufnahme zu sehen ist der Rosenheimer Ludwigsplatz mit Mittertor.
Das Mittertor erkennen wir auch heute sofort wieder. Rundherum aber zeigt sich Rosenheim in einer längst vergangenen Zeit. Menschen in langen Kleidern und mit Hüten sind auf dem Platz unterwegs,
Ein besonders interessantes Detail befindet sich auf dem Dach des Hauses unmittelbar neben dem Mittertor: Dort ist eine auffällige Konstruktion mit Stangen zu sehen. Sie erinnert an die damaligen Dachständer, die für die Verlegung von Telegrafen- und Telefonleitungen genutzt wurden. Drähte wurden damals vielfach noch oberirdisch über die Dächer geführt. An den Konstruktionen mit Querträgern und Isolatoren konnten die Leitungen befestigt und zu anderen Gebäuden oder zur Poststation weitergeführt werden.
Auch in Rosenheim begann in dieser Zeit das Zeitalter der modernen Kommunikation. Telegrafie gab es bereits, in den 1890er-Jahren wurde auch das Telefonnetz ausgebaut. Die erste handbediente Telefonzentrale im Rosenheimer Stadtpostamt nahm 1893 ihren Betrieb auf.
Doch nicht nur der Dachaufbau erzählt von der technischen Entwicklung jener Zeit. Auch die Fassade des Hauses darunter ist bemerkenswert. Sie ist reich bemalt und deutlich aufwendiger gestaltet als heute. An der Seite ist „Bazar“ zu lesen, an der Front wird für ein „Zigarren Spezialgeschäft Mittertor“ geworben.
Das Haus steht noch heute. Die historische Fassadenmalerei ist allerdings verschwunden. Auch das Zigarrengeschäft hat seinen Standort inzwischen gewechselt: Das Zigarrenhaus am Mittertor zog 2017 auf die andere Seite des Mittertors.
Das Mittertor selbst hat die Zeiten überdauert. Es ist das letzte erhaltene der einst sechs Stadttore Rosenheims. Der Kern und der untere Torbogen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Heute gehört das Tor zu den markantesten historischen Bauwerken der Rosenheimer Innenstadt.
So zeigt die Aufnahme nicht nur einen alten Blick auf den Ludwigsplatz. Sie hält auch einen Moment fest, in dem Rosenheim zwischen Pferdefuhrwerk und moderner Kommunikation stand – und sich technisch wie auch im Stadtbild langsam eine neue Zeit ankündigte.
(Quelle: Beitragsbild: Archiv Herbert Borrmann / Artikel: Karin Wunsam)


Das Foto stammt ganz bestimmt nicht aus der Zeit um 1890.
Bei den „Telegrafenmasten“ handelt es sich in Wirklichkeit um auf dem Dach montierte Halterungen, über die die damals noch fast ausschließlich oberirdisch verlaufende Stromversorgung lief. Die Stromversorgung wurde nach der Eröffnung des E-Werks am Mangfallkanal ab 1897 schrittweise in Rosenheim aufgebaut. Masten wie der hier sichtbare sind damit für die ersten zwei Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts typisch. Bei Alamy ist ein Foto von 1901 veröffentlicht, auf dem die Strommasten am Mittertor noch nicht installiert sind, also dürfte das hier vorliegende Foto auf jeden Fall jünger sein.
https://c8.alamy.com/compde/2j29jmy/mittertor-aus-ludwigsplatz-1901-rosenheim-historische-fotografie-oberbayern-bayern-deutschland-2j29jmy.jpg