Rosenheim – Die Stimmung in Deutschland ist aktuell alles andere als gut. Das kennt wohl fast jeder aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten und aus dem, was täglich in den Medien zu lesen und zu hören ist. Sigmund Gottlieb setzt dieser Stimmung mit seinem neuen Buch „Cooles Land – trotz allem“ eine andere Sichtweise entgegen. Seine These: Deutschland ist besser als sein Ruf und gehört trotz aller Probleme nach wie vor zur Weltspitze. Beim Lesen hat mich diese Perspektive allerdings nicht vollständig überzeugt – dafür hat das Buch eine andere Stärke: Es regt zum Nachdenken und Widerspruch an.
Buchcover „Cooles Land“. Foto: re
Sigmund Gottlieb ist ein erfahrener Journalist und Publizist. Der 1951 in Nürnberg geborene Autor war von 1995 bis 2017 Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens. Bekannt wurde er unter anderem als Moderator der „Münchner Runde“ und als politischer Kommentator. Zuvor arbeitete er beim „Münchner Merkur“ und beim ZDF.
Gottlieb kennt also die politische und mediale Landschaft Deutschlands seit Jahrzehnten. Und er kennt auch die Macht von Schlagzeilen und Bildern. In „Cooles Land – trotz allem“ richtet er seinen Blick diesmal bewusst auf das Positive.
Vom Alarmruf zum Mutmacher
Interessant ist dabei der Vergleich mit seinem 2022 erschienenen Buch „So nicht! Klartext zur Lage der Nation“. Damals schlug Gottlieb deutlich alarmiertere Töne an. Eine zentrale Kritik lautete, Deutschland sei zu behäbig geworden, ruhe sich auf früheren Erfolgen aus und verschlafe wichtige Entwicklungen.
Sein neuer Blick auf das Land wirkt dagegen fast wie eine Kehrtwende. Diesmal ist der Hauptgegner der sogenannte „Immer Schlimmerismus“. Gottlieb wendet sich gegen eine seiner Meinung nach permanente Konzentration auf Krisen, Probleme und negative Nachrichten. Er kritisiert ein mediales Geschäftsmodell der Dauerempörung ebenso wie politische Panikmache.
Stattdessen möchte er daran erinnern, was in Deutschland funktioniert und worauf das Land stolz sein könne. „Cool. Ich finde, das trifft’s. Deutschland ist ein cooles Land. Das bedeutet, das Land ist außergewöhnlich“, schreibt Gottlieb. Er möchte den Blick nach vorne richten, „wo Deutschland spitze ist“. Dazu zählt er unter anderem den deutschen Mittelstand, Familienunternehmen, das duale Ausbildungssystem, Forschung und Universitäten sowie eine innovative Start-up-Szene. Auch den Wohlstand und die hohe Lebensqualität Deutschlands stellt er heraus. Eine weitere Stärke sieht er in der jungen Generation, der er mehr Optimismus und Leistungsbereitschaft zutraut, als es manche öffentliche Debatte vermuten lässt.
Die andere Seite der Medaille
Grundsätzlich gefällt mir der Gedanke, nicht immer nur auf das zu schauen, was nicht funktioniert. Gottlieb hat recht: Ein Land besteht nicht ausschließlich aus seinen Problemen. Und wer ständig erzählt bekommt, dass alles schlechter wird, kann irgendwann tatsächlich den Eindruck gewinnen, es gebe überhaupt keinen Grund mehr für Zuversicht.
Trotzdem hatte ich beim Lesen an manchen Stellen Schwierigkeiten, Gottliebs Argumentation zu folgen. Denn die schlechte Stimmung in Deutschland ist meiner Meinung nach nicht einfach ein Produkt des „Schlechtredens“. Sie hat sehr reale Ursachen.
Hohe Energiepreise, die Folgen der Inflation, wirtschaftliche Unsicherheit und die Schwierigkeiten der Industrie sind für viele Menschen keine abstrakten Nachrichten. Wenn Unternehmen um ihre Zukunft bangen und Arbeitsplätze gefährdet sind, wirkt das unmittelbar auf die Stimmung. Auch Probleme mit der Infrastruktur lassen sich nicht einfach wegdiskutieren. Wenn Züge regelmäßig verspätet sind, Brücken gesperrt werden, Schulen sanierungsbedürftig sind oder man monatelang auf einen Arzttermin wartet, ist das keine Erfindung eines besonders pessimistischen Journalismus. Es ist für die Betroffenen erlebter Alltag. Ähnliches gilt für die Bürokratie. Unternehmer wie Privatpersonen erleben immer wieder, wie kompliziert und langsam manche Prozesse geworden sind.
Natürlich kann darüber trotzdem positiv berichtet werden. Aber meiner Meinung nach darf Optimismus nicht bedeuten, diese Probleme kleiner zu machen, als sie sind. Gottlieb schreibt an einer Stelle: „Es geht um die andere, die glänzende Seite der Medaille, die noch nie richtig ins Licht gehalten wurde, weil es immer um die stumpfe, die abgenutzte, die dunkle Seite ging.“
Ich finde diesen Gedanken durchaus interessant. Nur verschwindet die dunkle Seite einer Medaille nicht dadurch, dass man sie umdreht.
Die politische Schlagseite
Noch mehr beschäftigt hat mich eine andere Frage: die politische Einordnung des Buches. Gottlieb grenzt sich deutlich von der AfD ab und macht sie in seiner Argumentation zu einem wichtigen Akteur jenes „Immer Schlimmerismus“, gegen den er anschreibt. Eine solche Kritik an einer Partei ist selbstverständlich legitim. Gerade als politischer Publizist muss Gottlieb seine Meinung nicht verstecken.
Mich hat allerdings gestört, dass dadurch ausgerechnet in einem Buch, das einen Perspektivwechsel und mehr Zuversicht propagiert, erneut stark das politische Lagerdenken in den Vordergrund rückt. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass Gottlieb die Parteien insgesamt außen vor lässt und stattdessen jede Form von Populismus, Panikmache und ideologischer Verengung kritisiert – unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommt.
Das hätte für mich besser zu seinem eigentlichen Anliegen gepasst. Denn wer Menschen wieder für das eigene Land begeistern und eine gemeinsame Aufbruchstimmung schaffen möchte, sollte meiner Meinung nach möglichst viele mitnehmen. Gerade diejenigen, die sich von Politik und Medien nicht mehr verstanden fühlen, erreicht man vermutlich nicht, indem man ihnen gleichzeitig erklärt, welche politische Richtung für die schlechte Stimmung verantwortlich sei.
Das ist allerdings ausdrücklich meine persönliche Bewertung des Buches. Gottlieb vertritt eine klare Position, und diese darf selbstverständlich kritisch diskutiert werden.
Ein Medienprofi versteht sein Handwerk
Was ich Sigmund Gottlieb dagegen eindeutig zugutehalte: Er versteht sein Handwerk. Das Buch ist leicht verständlich, flüssig und unterhaltsam geschrieben. Komplexe politische und gesellschaftliche Themen werden nicht in schwer verständlicher Fachsprache abgehandelt. Gottlieb formuliert direkt und pointiert und weiß, wie man Leser bei der Stange hält. Man merkt ihm seine jahrzehntelange Erfahrung als Journalist und Medienmacher an. Er kann zuspitzen, Argumente verständlich vermitteln und auch schwere Themen so aufbereiten, dass sie sich angenehm lesen. Das macht das Buch auch dann interessant, wenn man seine Einschätzungen nicht teilt.
Und genau das ist vielleicht die größte Stärke von „Cooles Land – trotz allem“: Das Buch hat bei mir schon während des Lesens innere Diskussionen ausgelöst. Ich habe an vielen Stellen gedanklich widersprochen, über seine Argumente nachgedacht und mich gefragt, ob man manche Dinge tatsächlich auch aus einer anderen Perspektive betrachten sollte. Ein Buch muss schließlich nicht immer die eigene Meinung bestätigen, um einen Wert zu haben.
Mein Fazit
„Cooles Land – trotz allem“ hat mich nicht davon überzeugt, dass die schlechte Stimmung in Deutschland hauptsächlich auf einen „Immer Schlimmerismus“ zurückzuführen ist. Dafür sind mir die tatsächlichen Probleme, die viele Menschen erleben, zu real. Gleichzeitig finde ich Gottliebs grundsätzlichen Gedanken richtig, dass Deutschland nicht nur aus seinen Schwächen besteht. Es gibt viele Dinge, die funktionieren, auf die man stolz sein kann und die im täglichen Krisengerede tatsächlich zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Auch politisch hätte ich mir allerdings mehr Zurückhaltung gewünscht. Gerade ein Buch, das für einen neuen Blick auf Deutschland wirbt, hätte meiner Meinung nach davon profitiert, die Parteien außen vor zu lassen.
Trotzdem ist „Cooles Land – trotz allem“ gut geschrieben, unterhaltsam und leicht zu lesen. Vor allem aber regt es zur Diskussion an. Und das hat es bei mir bereits während der Lektüre getan.
Meine Empfehlung fällt deshalb eingeschränkt aus: Wer Lust auf einen pointierten, optimistischen Debattenbeitrag über Deutschland hat und sich gerne mit einer anderen Perspektive auseinandersetzt, dem kann ich das Buch empfehlen. Wer dagegen eine politisch vollkommen ausgewogene Betrachtung erwartet, könnte enttäuscht sein.
(Quelle: Buchkritik von Karin Wunsam / Cover: Verlag rosenheimer)
Cooles Land – trotz allem
Sigmund Gottlieb
Verlag rosenheimer
ISBN 9783475550546
25 Euro



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