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Innpuls-Tagebuch: Muss wirklich alles politisch sein?

Karin Portrait-Foto. Flotomontage mit Hintergrund.

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

11. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

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Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich der Politik kaum noch entkommen kann. Im Fernsehen, im Radio, in den sozialen Medien, auf dem Handy – und inzwischen auch dort, wo ich eigentlich gar keine Politik erwartet hätte. Beim Erntedankfest zum Beispiel. Oder auf der Wiesn.

Beim Erntedankfest hätte ich mir nach einem für die Landwirtschaft schwierigen Sommer mit Hitze und Trockenheit vor allem eines gewünscht: dass es um die Ernte geht. Um die Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren. Um Dankbarkeit, Demut und um die Hoffnung auf ein besseres Erntejahr. Stattdessen landete die Predigt wieder bei Trump, der Wahl in Sachsen-Anhalt und der Diskussion um Sozialleistungen.

Das hat mich ehrlich gesagt geärgert. Gerade beim Erntedankfest hätte es in diesem Jahr so viele unmittelbare Dinge gegeben, über die man hätte sprechen können: die Hitze, die Trockenheit, die schwierigen Bedingungen für die Landwirtschaft und die Frage, wie dankbar wir dafür sein sollten, dass trotz solcher Bedingungen überhaupt geerntet werden konnte.

Wenn selbst Erntedank politisch wird

Genau das löst bei mir Unbehagen aus. Politik ist inzwischen so allgegenwärtig, dass selbst Veranstaltungen, bei denen ich mir eine kleine Auszeit davon wünsche, immer häufiger zum Ort für politische Botschaften werden.
Dabei geht es mir nicht darum, dass Kirche keine gesellschaftlichen Fragen ansprechen oder Stellung beziehen darf. Aber muss wirklich jeder Anlass genutzt werden, um die großen politischen Themen unserer Zeit aufzugreifen?

Ein paar Tage zuvor hatte ich auf der Wiesn ein ganz anderes Erlebnis, das mir ebenfalls gezeigt hat, wie schnell heute aus einer ganz normalen Situation etwas Politisches gemacht werden kann.
Beim traditionellen Stadtratsbesuch auf dem Rosenheimer Herbstfest haben wir uns an einen Tisch gesetzt, an dem noch Platz war. Da saß ein AfD-Stadtratsmitglied mit seiner Begleitung. Wir haben uns nicht deshalb dorthin gesetzt, weil wir damit irgendein politisches Zeichen setzen wollten. Da war einfach noch ein Platz frei.

Im Gespräch kamen wir auf die Esche, die inzwischen gefällt wurde und deren Fällung in Rosenheim nach wie vor für viel Aufregung sorgt. Wir diskutierten darüber, was bei dieser Fällung aus unserer Sicht falsch gelaufen ist und wie Rosenheim künftig mit alten Bäumen umgehen sollte. Ein Grünen-Stadtrat, der an der Bierbank hinter uns saß, bekam das Gespräch mit, drehte sich um und beteiligte sich kurz an der Diskussion.
Ganz normal. Warum auch nicht?

Ich habe mir dabei überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wer mit wem an welchem Tisch sitzt. Für mich war das einfach ein Gespräch auf der Wiesn über ein Thema, das gerade viele Menschen in Rosenheim beschäftigt.

Wenn aus einer Bierbank ein politisches Signal wird

Umso interessanter fand ich später einen Instagrambeitrag eines Grünen-Stadtratsmitglieds, in dem eine andere Tischrunde dieses Stadtrats-Wiesntreffens zum Thema gemacht wurde. Dort saßen Mitglieder von CSU und Freien Wählern zusammen mit einem AfD-Stadtratsmitglied.

Ich hatte diese Tischrunde während des Abends überhaupt nicht bewusst wahrgenommen. Warum auch? Für mich ging es bei diesem Termin nicht vordergründig um Politik. Es ging um die Wiesn, um ein paar unbeschwerte Stunden, um Gespräche, Essen, Musik und darum, miteinander eine gute Zeit zu haben. Natürlich kamen dabei auch politische Themen zur Sprache – wie eben die Esche. Aber daraus musste für mich kein politisches Signal werden.

Bei einer anderen Tischrunde desselben Stadtrats-Wiesntreffens wurde die Sitzordnung später allerdings genau unter diesem Gesichtspunkt betrachtet und Social Media kontrovers diskutiert.
Da frage ich mich: Muss wirklich alles politisch sein?

Natürlich darf und soll über Politik gesprochen werden. Politik bestimmt viele Bereiche unseres Lebens. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen, wählen gehen, Entscheidungen hinterfragen und unterschiedliche Meinungen aushalten. Aber nicht bei jeder Begegnung muss die politische Haltung der Beteiligten eine Rolle spielen.

Für mich war die politische Haltung früher viel mehr eine sehr private Angelegenheit. Wenn ich jemanden neu kennenlernte, wollte ich nicht als Erstes wissen, welche Partei er wählt. Ich wollte wissen, woher der Mensch kommt, was er macht, was ihn interessiert, was er lustig findet, welche Musik er mag oder was er von Rosenheim hält. Irgendwann konnte man natürlich auch über Politik sprechen. Aber die politische Haltung war nicht die Visitenkarte, mit der sich ein Mensch zuerst vorstellte.

Heute werden Menschen viel schneller in politische Schubladen gesteckt. Grün, schwarz, rot, blau – und schon glauben wir zu wissen, wer uns da gegenübersitzt. Dabei ist ein Mensch mehr als seine politische Meinung.

Genau das geht verloren, wenn wir in jeder Begegnung ein politisches Signal suchen. Dann wird aus einem Gespräch am Biertisch eine politische Botschaft. Aus einem gemeinsamen Foto wird eine Aussage. Aus einer zufälligen Sitzordnung eine vermeintliche Nähe. Und aus einem Abend, an dem Menschen einfach miteinander feiern wollten, wird eine politische Debatte. Diese permanente Bewertung macht mich müde.

Auch Politiker dürfen einmal einfach Menschen sein

Für Stadträte ist das sicherlich schwieriger. Sie sind gewählte Vertreter und stehen damit zwangsläufig auch für Politik. Natürlich wird deshalb genauer hingeschaut, mit wem sie sich treffen, worüber sie sprechen und auf welchen Fotos sie zu sehen sind.

Aber auch Stadträte sind Menschen. Und ich finde, auch ihnen muss man zugestehen und kann von ihnen erwarten, dass die politische Haltung bei bestimmten Gelegenheiten einfach einmal Pause machen darf. Gerade bei einem Termin wie der Wiesn sollte für ein paar Stunden nicht der Politiker im Vordergrund stehen, sondern der Mensch.

Das bedeutet nicht, dass politische Unterschiede verschwinden oder dass man plötzlich keine klare Meinung mehr hat. Ein respektvoller persönlicher Umgang ist für mich sogar die Voraussetzung dafür, dass man anschließend im Stadtrat hart und kontrovers über politische Fragen diskutieren kann.
Man muss sich bei einer Sachfrage nicht einig sein, nur weil man sich persönlich respektiert. Man kann trotzdem streiten, argumentieren und am Ende eine Entscheidung treffen – hoffentlich zum Wohl der ganzen Stadt.

Genau diese Trennung vermisse ich zunehmend: zwischen dem politischen Streit auf der einen und dem normalen menschlichen Umgang auf der anderen Seite.
Politik ist wichtig. Aber sie ist nicht alles.
Wenn Politiker meinen, permanent darauf achten zu müssen, mit wem sie gesehen werden, sitzen wir irgendwann in einer Welt, in der menschliche Begegnungen selbst zu politischen Statements werden. Das kann auf Dauer zu einer ziemlich künstlichen Gesellschaft führen. Dann überlegt man irgendwann nicht mehr: „Mit wem möchte ich mich unterhalten?“ Sondern: „Wie wirkt es, wenn ich mich mit diesem Menschen unterhalte?“

Ein Erntedankfest darf einfach einmal von der Ernte handeln.  Und auf der Wiesn darf ein Mensch neben einem anderen Menschen sitzen, mit ihm reden und anstoßen, ohne dass daraus automatisch eine politische Botschaft gemacht wird.

Ich wünsche mir Orte und Momente, an denen wir nicht alles kommentieren, einordnen und bewerten müssen. An denen Politik einfach einmal Pause macht. Nicht, weil sie unwichtig wäre. Sondern weil sie inzwischen so allgegenwärtig ist.

Ein Tisch darf einfach ein Tisch sein.

Ein Gespräch einfach ein Gespräch.

Und ein Mensch einfach ein Mensch.

Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin

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