Rosenheim – Möglichst lange selbstbestimmt leben, am besten in den eigenen vier Wänden: Dieser Wunsch verbindet viele Menschen. Genau hier setzt die neue Sozialraumorientierte Hilfe im Alter an, die am Dienstagnachmittag (3. Februar 2026) im Bürgerhaus „Miteinander“ in der Lessingstraße offiziell vorgestellt wurde. Mit der Unterzeichnung eines Grundlagenvertrags bereitet sich die Stadt Rosenheim gezielt auf die Auswirkungen des demografischen Wandels vor.
Schon bei der Unterzeichnung des Grundsatzvertrags zeigte sich, um was es bei der Sozialraumorientierten Hilfe im Alter in Rosenheim geht – um das Miteinander vieler verschiedener Akteure. Foto: Karin Wunsam
Schon der Ort des Pressetermins war dabei mehr als nur Kulisse. „Es ist bezeichnend, dass wir uns in einem Bürgerhaus treffen, das auch noch Miteinander heißt“, sagte Oberbürgermeister Andreas März zu Beginn. Denn genau dieses Miteinander soll künftig eine zentrale Rolle spielen – mit den Bürgerhäusern als wichtigen Anlaufstellen in den Sozialräumen der Stadt.
Ein Ansatz mit großer Tragweite
Die Tragweite des neuen Konzepts werde sich erst in einigen Jahren vollständig zeigen, so März. Dann könnte sich die Sozialraumorientierte Hilfe im Alter zu einem ähnlichen Leuchtturmprojekt entwickeln wie die sozialraumorientierte Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Rosenheim. Dieses Modell feierte 2023 sein 20-jähriges Jubiläum und gilt bundesweit als Vorreiter für die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern sowie für eine bedarfsgerechte Budgetierung.
Diesen bewährten Ansatz überträgt die Stadt nun auf einen Bereich, der angesichts des demografischen Wandels immer drängender wird: das Leben im Alter und die Pflege.
Zahlen, die zum Handeln zwingen
Sozialdezernent Christian Salberg erläuterte, worauf sich Rosenheim in den kommenden zehn Jahren einstellen muss. Prognosen zufolge werden dann rund 15.100 Menschen über 65 Jahre in der Stadt leben. Besonders deutlich wächst die Gruppe der Hochaltrigen zwischen 86 und 99 Jahren – um elf Prozent im Vergleich zu heute.
Gleichzeitig scheiden die sogenannten Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt aus. Das trifft den Pflegesektor doppelt: Einerseits verlassen viele Fachkräfte ihren Beruf, andererseits steigt die Zahl der Menschen, die selbst Pflege benötigen. Hinzu kommt, dass auch die Zahl der Pflegeplätze begrenzt sein wird.
„Darum gehen wir neue Wege“, betonte Oberbürgermeister März. „Die Sozialraumorientierte Hilfe im Alter ist das wesentliche Instrument, damit unsere Stadtgesellschaft auch in 20 Jahren gut funktioniert. Durch sie können ältere Menschen künftig länger zuhause bleiben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ihr Leben selbstbestimmt gestalten.“
Drei Sozialräume, viele Akteure, ein gemeinsames Ziel
In der Praxis orientiert sich das neue Modell eng an der Rosenheimer Jugendhilfe. Die Stadt wird in drei Sozialräume aufgeteilt, in denen Akteure aus unterschiedlichen Bereichen eng zusammenarbeiten – künftig nicht nur für Jugendliche, sondern auch für ältere Menschen.
„Ein solches Projekt funktioniert nur im großen Miteinander“, so März. Entsprechend breit war der Kreis der Unterzeichner des Grundlagenvertrags: Vertreter des Diakonischen Werks Rosenheim, des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising mit dem Caritaszentrum Rosenheim sowie der Startklar Soziale Arbeit GmbH.
Darüber hinaus wird die Stadt unterstützt vom Seniorenbeirat, dem Verein Pro Senioren, der Sozialen Stadt, der Kontaktstelle Bürgerschaftliches Engagement, der Nachbarschaftshilfe, dem BRK-Kreisverband Rosenheim – und von sechs städtischen Sozialraumlotsinnen.
Orientierung geben, bevor Probleme entstehen
Die Sozialraumlotsinnen sollen künftig eine Schlüsselrolle einnehmen. Sie helfen älteren Menschen, sich im oft unübersichtlichen „Dschungel“ von Behörden, Beratungsstellen und sozialen Diensten zurechtzufinden, stellen bei Bedarf den Kontakt zu passenden Anlaufstellen her, hören zu und beraten in vertrauter Umgebung.
Ein zentraler Gedanke dabei: Die Sozialraumorientierte Hilfe im Alter soll möglichst früh greifen – noch bevor echte Problemfälle entstehen. Ähnlich wie in der Jugendhilfe sollen die festangestellten Sozialraumlotsinnen frühzeitig Zugang zu Menschen mit Unterstützungsbedarf finden, Hilfsangebote in der Nachbarschaft sichtbar machen, Versorgungslücken erkennen und gemeinsam Strategien für einen Lückenschluss entwickeln.
Ziel ist es, die bereits vorhandenen Strukturen in den Sozialräumen besser zu verzahnen und Schritt für Schritt eine sorgende Gemeinschaft rund um die ältere Bevölkerung in Rosenheim aufzubauen.
Nachbarschaft als wichtiger Baustein
Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist die Stärkung der nachbarschaftlichen Hilfe. Schon kleine Gesten können viel bewirken: wenn jemand für ältere Menschen im Haus oder in der Straße mit einkauft, kurz vorbeischaut oder sich Zeit für einen Ratsch nimmt. So soll Einsamkeit gemildert und das Miteinander im Alltag wiederbelebt werden.
Dabei gilt stets: Der Wille der Senioren steht im Mittelpunkt. Die Sozialraumlotsinnen besuchen ältere Rosenheimer auch zuhause – aber ohne Druck. „Wir drängen uns nicht auf“, betonte eine der Lotsinnen.
Keine Konkurrenz für Pflegedienste
Klar betont wurde auch: Die Sozialraumorientierte Hilfe im Alter ist keine Konkurrenz zu Pflegediensten. Um pflegerische oder medizinische Tätigkeiten geht es dabei ausdrücklich nicht. Vielmehr soll das neue Konzept dazu beitragen, dass sich Pflegedienste wieder stärker auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können – ein entscheidender Punkt angesichts knapper werdender Kapazitäten in der Zukunft.
Persönliche Geschichten zeigen, worum es geht
Wie emotional das Thema ist, zeigte sich auch bei der Vertragsunterzeichnung. Viele Beteiligte brachten persönliche Geschichten ein. Ein Teilnehmer berichtete von seiner Großmutter, die im 1. Stock wohnt, während seine Mutter im Erdgeschoss lebt. Ein Umzug nach unten würde ihr vieles erleichtern, da sie nicht mehr ständig Treppen steigen müsste – doch die Oma lehnt ab. „Nun lebe ich schon so lange hier, da will ich auch bleiben, bis der Herrgott eine Wohnung bei sich für mich hat“, so der Teilnehmer.
Auch Oberbürgermeister Andreas März erinnerte sich an seine Oma – eine willensstarke Frau, die bis zu ihrem Tod im Alter von 100 Jahren in ihrer Wohnung am Salzstadel lebte. Möglich gewesen sei das nur durch die Unterstützung von Familie, Freunden und Helfern.
Wissenschaftliche Begleitung und Blaupause für andere Kommunen
Das neue Projekt wird von der Technischen Hochschule Rosenheim wissenschaftlich begleitet. Eine Evaluation soll Qualität, Wirksamkeit und Effizienz überprüfen, um Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Auf diese Weise soll die Sozialraumorientierte Hilfe im Alter – ähnlich wie die Jugendhilfe – langfristig auch zur Blaupause für andere Kommunen werden.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Copyright Karin Wunsam – Hintergrund ai generiert)



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