Rosenheim – Am 8. März 2026 wählen die Bayern ihre kommunalen Gremien, also Stadträte, Gemeinderäte und Kreistage, sowie die meisten Bürgermeister und Landräte neu. Wer in der Stadt Rosenheim wohnt, hat 45 Stimmen: eine Stimme für den Oberbürgermeister und 44 Stimmen für die Stadträte. Im Landkreis ist es noch komplexer: Jeder Wähler hat eine Stimme für Bürgermeister und Landrat, 70 Stimmen für den Kreistag und je nach Größe der Gemeinde zwischen acht und 24 Stimmen für Stadt- bzw. Gemeinderäte.
Um die Besonderheiten des bayerischen Kommunalwahlrechts besser zu verstehen, hat Innpuls.me mit dem Rosenheimer Politik-Analysten und Diplom-Verwaltungswirt Bernhard Baron Boneberg gesprochen. Boneberg hat Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert, an etwa 30 Wahlen eigenhändig ausgezählt und war bereits bei US-Präsidentschaftswahlen aktiv.
In einer mehrteiligen Reihe will Innpuls.me erklären, wie man das System versteht und den Wahlvorgang leichter meistern kann.
Frage:: Herr Baron Boneberg, Sie haben Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert, haben schon bei US-Präsidentschaftswahlen mitgemacht und in Ihrer Laufbahn an etwa 30 Wahlen eigenhändig ausgezählt. Wenn man so viel gesehen hat: Erschüttert einen das bayerische Kommunalwahlsystem noch?
Antwort: Bernhard Baron Boneberg: Erschüttern nicht gerade, aber es nötigt einem schon Respekt ab – im positiven wie im negativen Sinne. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist eines der demokratischsten, aber auch eines der komplexesten Systeme überhaupt. Durch das Panaschieren und Kumulieren wird dem Bürger eine Mitwirkungsmöglichkeit in die Hand gegeben, die weit über das „Listenkreuz“ hinausgeht. Aber genau hier liegt auch die Tücke: Die Komplexität ist eine Hürde für den Wähler am Küchentisch, aber auch für die Wahlhelfer bei der Auszählung.
Hinweis: Mehrteilige Serie zum bayerischen Kommunalwahlrecht auf Innpuls.me
Kumulieren, Panaschieren … alles Begriffe, die nicht jedem etwas sagen. Innpuls.me startet ab dem morgigen Samstag (14.2.2026) eine mehrteilige Reihe: Tipps zum richtigen Wählen bei der bayerischen Kommunalwahl – und wie kann ich mit meinem Stimmzettel maximale Wirkung erzielen?“
Frage: Sie sprechen die Auszählung an. Was macht die bayerische Kommunalwahl für die Wahlvorstände so viel schwieriger als etwa eine Bundestagswahl?
Antwort: Bei einer Bundestagswahl hat jeder zwei Stimmen. Das ist für ein geübtes Team in wenigen Stunden erledigt.
Bei der Kommunalwahl in Bayern haben wir es oft mit 40, 60 oder in Großstädten und Landkreisen noch mehr Stimmen pro Stimmzettel zu tun. Ein Wähler kann Stimmen häufeln, sie über verschiedene Listen verteilen und Streichungen vornehmen. Wenn Sie dann am Wahlabend vor einem Stapel Stimmzettel sitzen, die wie „Schnittmusterbögen“ aussehen, brauchen Sie nicht nur volle Konzentration, sondern ein tiefes Verständnis des Wahlsystems. Ein einziger falscher Strich kann einen ganzen Zettel ungültig machen – oder eben nicht, je nach dem Willen des Wählers.
Frage: Gibt es einen „Klassiker“ unter den Fehlern, den Sie immer wieder beobachten?
Antwort: Der häufigste Fehler ist die Überreizung des Kontingents. Wer mehr Stimmen vergibt, als ihm zustehen, macht seinen Stimmzettel ungültig. Ein weiteres Problem sind Zusätze: Viele Bürger wollen ihrem Unmut Luft machen und schreiben Kommentare auf den Zettel, um sich vom klassischen Nichtwähler zu unterscheiden, aber dennoch Protest zu zeigen. Dabei ist die mit Abstand häufigste Aufschrift ein „Ungültig“ quer über den Wahlzettel.
Frage: Sie analysieren auch Politiker-Wahlkampagnen und werden dazu öfter in Sendungen eingeladen. Hat sich die Dynamik der Wahlen über die Zeit verändert?
Antwort: Ja, schon. Wir sehen eine Polarisierung, die bis in die Gemeinderäte vordringt. Früher war die Kommunalwahl eine reine Persönlichkeitswahl: „Den Alois oder die Lisa kenne ich, die kriegen je drei Stimmen.“ Heute wird die Kommunalwahl auch schon mal zur Denkzettelwahl gegen Landes- oder Bundespolitik genutzt. Das liegt auch daran, dass uns in Deutschland Volksbegehren und Volksentscheide zumindest auf Bundesebene größtenteils vorenthalten werden. Anders als beispielsweise in der Schweiz. Daher benutzen zunehmend mehr Bürger die wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ein Stimmungsbild abgeben können, um ihren Unmut auszudrücken. Das hat aber auch Schattenseiten, weil auf kommunaler Ebene eher konstruktive Sacharbeit gefragt ist.
Frage:: Was ist Ihr wichtigster Rat an die Wähler für den kommenden Urnengang?
Antwort:: Nehmen Sie sich Zeit! Die bayerische Kommunalwahl ist kein „Drive-through“. Wer erst in der Wahlkabine anfängt, die Listen zu studieren, hat schon verloren. Nutzen Sie die Möglichkeiten des Kumulierens und Panaschierens, um Einfluss zu nehmen, wer genau – also personell – Ihre Interessen in den nächsten Jahren in Ihrer Stadt oder Gemeinde vertreten soll. Ein gültiger Stimmzettel ist Ihre schärfste Waffe in der Demokratie.
Wer bei der Wahl von der Möglichkeit der Vorzugsstimmen Gebrauch machen möchte, dem rate ich dringend, die Briefwahl zu nutzen und die Wahlzettel zu Hause in Ruhe auszufüllen. Manche Wahlzettel – z. B. für die Kreistagswahl im Landkreis Rosenheim – sind so groß, dass sie kaum auf einer Tischplatte Platz finden.
(Quelle: Interview Karin Wunsam / Beitragsbild: Copyright BBB, eingeblockt Zeichnung Urnengang: re)


Das ist ein guter Beitrag von dem Herrn Baron Boneberg. Leider viel zu selten, dass die Wählerinnen und Wähler auf dieses System neutral und objektiv hingewiesen werden. Doch ist es gerade zu wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Wahlrecht, ihre Stimme „erheben“ und demokratische Instrumente nutzen, um die Politik mit zu steuern, soweit das eben möglich ist. Es geht immerhin um das eigene Lebensumfeld und den nächsten Lebensraum, in dem wir alle wohnen, leben und vielleicht auch arbeiten.
Danke für diesen Service.
Na, das nenne ich doch mal einen hilfreichen und vor allem verständlich formulierten Impuls zur Aufmerksamkeit für das berüchtigte bayerische Kommunalwahlsystem.
Jetzt heißt es: unter die Leute bringen!
Danke an den AfDler B.von Boneberg für den guten Beitrag.
Ich lese das INNPULS erst seit ein paar Wochen.
Weil ich als Anlieger am unteren Inn ja auch nicht so direkt mit Rosenheim in Bezug stehe.
Aber genau solche Artikel machen das INNPULS lesenswert, weilman solche Informationen sonst kaum irgenwo verständlich dargebracht findet.
Alois Knödelmayer, Niederbayern
Das sind sehr Interessante Informationen! Das man bei diesen Wahlen z.B. auch sogenannte Streichungen vorneh,en kann, wusste ich z.B. noch gar nicht !
Ich hoffe hier von Herrn Baron Boneberg noch mehr detalierte Informationen zu unserem Wahlrecht zu erfahren!