Unterreit / Landkreis Mühldorf am Inn – Ein Hof, der seit 631 Jahren besteht, seit 90 Jahren biologisch-dynamisch bewirtschaftet wird und Kühe als „coole Viecher“ bezeichnet: Hof Kasten in Unterreit bei Gars am Inn hat eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen. Rund 250 Gäste kamen am Sonntag (23. August) zum Jubiläum. Und mittendrin fiel auch ein Vergleich mit einem 7er BMW.
Wenn ein Hof erzählen könnte, hätte Hof Kasten einiges zu berichten. Erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1395. Damals gehörte er zum Augustinerchorherrenstift Kloster Gars, später zum Bistum Salzburg. Nach der Säkularisation 1803 ging der Lehenshof in Privatbesitz über.
Seine besondere landwirtschaftliche Geschichte begann in den 1920er-Jahren. Gertrud und Adolf Stickforth, die Großeltern des heutigen Hofbesitzers Michael Ackermann, erwarben den Hof. Über die Verbindung zu Graf Keyserlingk, auf dessen Gut im schlesischen Koberwitz Rudolf Steiner seinen Landwirtschaftlichen Kurs zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise gehalten hatte, kam dieser Gedanke nach Kasten.
Seit 1936 wird der Hof nach den biologisch-dynamischen Richtlinien bewirtschaftet. Über drei Generationen hinweg wurde dieser Weg fortgesetzt – durch Kriegs- und Nachkriegszeit, wirtschaftliche Veränderungen und den Strukturwandel in der Landwirtschaft.
Heute führen Michael und Annette Ackermann den Hof. Für Michael Ackermann bedeutet das vor allem eines: Verantwortung für das, was die Generationen vor ihm aufgebaut haben – und für jene, die nach ihm kommen. „Wir haben einzig und allein die Verantwortung, den Hof so zu erhalten, dass er weiterhin lebensfähig ist. Nichts anderes ist unsere Aufgabe“, betonte Ackermann bei der Begrüßung.
Kühe, Kreisläufe und ein 7er BMW
Was auf Hof Kasten unter biologisch-dynamischer Landwirtschaft verstanden wird, lässt sich am besten direkt vor Ort erklären: Grünland, Kühe, Milch, Acker und Wald gehören zusammen. Die Kühe fressen Gras und Klee, ihr Mist liefert Nährstoffe für den Boden, die Beweidung trägt zum Erhalt der Kulturlandschaft bei.
„Kühe sind coole Viecher“, sagt Michael Ackermann gerne. Auch Ute Rönnebeck, Vorständin des Demeter e.V., griff diesen Gedanken auf. Kühe würden Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verbinden und dem Hof einen Rhythmus geben, der sich nicht beliebig beschleunigen lasse.
Rönnebeck würdigte Hof Kasten als den ältesten durchgehend biologisch-dynamisch bewirtschafteten Betrieb Bayerns. „90 Jahre von insgesamt gut 100 Jahren biologisch-dynamischer Geschichte – das ist eine kaum vorstellbare Kontinuität“, sagte sie. Für sie ist die lange Geschichte aber nicht nur ein Grund zum Zurückblicken. „Tradition bedeutet: Zu wissen, aus welchem Impuls man kommt – und aus diesem Impuls heraus immer wieder neu zu entscheiden, was jetzt notwendig ist.“, so Rönnebeck.
Und dann kam der 7er BMW ins Spiel. Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land, gratulierte der Familie und erinnerte an die lange Verbindung des Hofes zur Biomilchverarbeitung. „Bio ist unser 7er BMW, wir verkaufen zwar mengenmäßig mehr Dreier und Fünfer, imageprägend ist aber der 7er – auf den wir sehr stolz sind.“
Die Geschichte dieser Verbindung reicht bis ins Jahr 1973 zurück. Damals wurden in der Chiemgau-Molkerei in Truchtlaching erstmals 200 Liter Biomilch verarbeitet. Drei Betriebe lieferten sie – darunter der Hof von Lilly und Reinhard Ackermann. Heute wird mehr als ein Drittel der Milch der Molkerei in Demeter- und Naturland-Qualität verarbeitet. Pointner sieht dabei Gemeinsamkeiten zwischen Landwirtschaft und Genossenschaft: „Nicht auf Verschleiß fahren, sondern Substanz bewahren und in Generationen denken.“
Eine Hofgeschichte über Generationen
Die Geschichte von Hof Kasten ist dabei längst nicht nur eine Geschichte über Landwirtschaft. Die Familie Ackermann engagiert sich seit Jahrzehnten auch in der biologisch-dynamischen Bewegung.
Michael Ackermann ist unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft Chiemgau, im Erzeugerring, in der Biodynamischen Vereinigung und im Landesverband Bayern aktiv. Sein Bruder Jochen engagierte sich ebenfalls in verschiedenen Demeter-Gremien sowie im Vorstand und Aufsichtsrat der Molkerei. Er kam 2009 bei einem tragischen Bergunglück am Hochkalter gemeinsam mit dem Demeterberater Andreas Amberger ums Leben.
Auch Annette Ackermann, die als Quereinsteigerin in die Landwirtschaft kam, trägt heute Verantwortung auf dem Hof. Rönnebeck würdigte beide als Menschen, die den Hof gemeinsam weiterführen. „Deshalb gilt der Dank heute ausdrücklich Euch beiden“, sagte sie.
Geschichte zum Anfassen
Beim Jubiläumsfest konnten die rund 250 Gäste die Geschichte des Hofes schließlich nicht nur hören, sondern auch anschauen. Sie besichtigten die Stallungen, die Kühe auf der Weide und das Hofgelände.
In der historischen Tenne präsentierte Prof. Dr. Clemens Albrecht eine Ausstellung mit Bildern und Informationen zur Hofgeschichte. Michael Ackermann erzählte an der hofeigenen Urnenkapelle weitere Anekdoten aus der Familiengeschichte.
631 Jahre Hofgeschichte, 90 Jahre biologisch-dynamische Landwirtschaft und drei Generationen, die diesen Weg weitergeführt haben: Auf Hof Kasten ging es beim Jubiläum deshalb um weit mehr als eine Jahreszahl. Es ging um die Frage, was bleibt, wenn ein Hof nicht für eine Generation, sondern für viele Generationen gedacht wird.
(Quelle: Pressemitteilung Molkerei Berchtesgadener Land / Beitragsbild: Fotomontage Copyright Molkerei Berchtesgadener Land)


0 Kommentare