Rosenheim – Es gibt so eine Art Reflex in politischen Diskussionen, der mir immer wieder auffällt: Wenn ein Problem auftaucht und keine einfache Lösung in Sicht ist, kommt früher oder später ein Vorschlag, der erstaunlich oft gleich klingt – „Dann stellen wir halt ein Schild auf.“
Eintrag vom Freitag, 24. April 2026
Genau daran musste ich bei der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Energie und Klima denken. Und im Laufe der Diskussion kam mir dann eine Redewendung in den Sinn, die es ziemlich gut trifft: „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.“
Eine Formulierung, die übrigens auf den Dichter Christoph Martin Wieland zurückgeht, der sie schon im 18. Jahrhundert geprägt hat. Und ich finde: Selten war sie so passend wie heute – auch, oder vielleicht sogar ganz besonders, wenn es um das Thema Beschilderung geht.
Denn genau dieser Eindruck entsteht manchmal, wenn über Lösungen für einzelne Probleme gesprochen wird: dass recht schnell der Gedanke aufkommt, man könne es mit einem weiteren Schild regeln.
Dabei ist die Ausgangslage eigentlich schon eindeutig genug.
In Deutschland stehen schätzungsweise rund 25 Millionen Verkehrsschilder. Dazu kommen etwa 2,5 Millionen Wegweiser. Und dann reden wir noch gar nicht von all den Verbotsschildern, Hinweistafeln und Infotafeln, die sich zusätzlich überall finden.
Ein „Schilderwald“ also – im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn das Schild zur Standartlösung wird
Und obwohl viele Städte inzwischen versuchen, genau diesen wieder etwas zu lichten, passiert in der Praxis oft das Gegenteil: Wenn ein Problem auftaucht, landet schnell auch der Gedanke auf dem Tisch, ob ein weiteres Schild helfen könnte.
So auch diesmal.
Tauben, Tafeln – und die Hoffnung auf Wirkung
In der Sitzung ging es unter anderem um ein altbekanntes Thema: Tauben in der Innenstadt. Ihre Zahl soll begrenzt werden. Die Frage ist nur – wie?
Eine wirklich überzeugende Lösung fand sich auch nach längerer Diskussion nicht. Und dann kam er wieder, dieser Vorschlag, den man gefühlt immer wieder einmal hört: Man könne doch zumindest ein Verbotsschild aufstellen.
„Tauben füttern verboten.“
Die Idee dahinter: Vielleicht ist manchen gar nicht bewusst, dass das Füttern untersagt ist. Und mit einem Schild ließe sich das Problem zumindest ein Stück weit eindämmen.
Ich muss gestehen: Ich habe da meine Zweifel.
Denn seien wir ehrlich – diejenigen, die Tauben füttern, tun das oft ganz bewusst. Für manche ist es ein liebgewonnenes, festes Ritual im Alltag. Und ich bezweifle stark, dass ausgerechnet ein zusätzliches Schild daran etwas ändern wird.
Zwischen guter Idee und Alltagstauglichkeit
Kurz zuvor ging es an diesem Abend noch um eine andere Form der Beschilderung – und die hat mich mindestens genauso beschäftigt.
Kommunikationstafeln auf Spielplätzen.
Eine schöne Idee – aber braucht es dafür wirklich ein weiteres Schild?
Die SPD-Stadtratsfraktion hatte vorgeschlagen, solche Tafeln an allen 45 Spielplätzen in Rosenheim aufzustellen. Mit bunten Piktogrammen, die Kindern mit Sprach- oder Hörbeeinträchtigung helfen sollen, sich besser zu verständigen – etwa für typische Spielsituationen wie Schaukeln, Rutschen oder Ballspielen, aber auch für Begriffe wie „Hilfe“ oder „Trinken“.
Ein Ansatz, der auf den ersten Blick absolut unterstützenswert ist. Inklusion, Teilhabe – Themen, die auch mir sehr wichtig sind.
Und trotzdem bin ich auch hier innerlich nicht überzeugt.
Braucht es dafür wirklich noch mehr Beschilderung?
Ich habe oft beobachtet, wie Kinder miteinander spielen – damals, als meine drei Kinder noch klein waren und ich selbst viel Zeit auf Spielplätzen verbracht habe. Und genau aus dieser Erfahrung heraus habe ich immer wieder erlebt: Kinder finden sehr schnell zueinander, auch ohne gemeinsame Sprache. Da wird gezeigt, gelacht, ausprobiert – und plötzlich funktioniert es einfach. Ohne große Erklärungen. Ohne Anleitung. Ohne Piktogramm.
Kinder finden ihren Weg.
Vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie nicht alles vorgegeben bekommen.
Die Idee mit den Kommunikationstafeln stieß letztlich auch im Ausschuss auf wenig Begeisterung. Ein Stadtrat brachte es mit einem Satz auf den Punkt, der mir im Gedächtnis geblieben ist:
„Dann wird aus dem Spielplatz ein Tafelplatz.“
Ich musste schmunzeln. Und gleichzeitig steckt darin viel Wahrheit. Zwischen gut gemeint und gut gemacht
Und damit sind wir wieder bei dem eingangs erwähnten Bild.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass bei einzelnen Problemen sehr schnell der Blick auf eine zusätzliche Beschilderung fällt – weil sie greifbar ist, schnell umgesetzt werden kann und vermeintlich Klarheit schafft.
Der einfachste Weg?
Ein Schild ist schnell aufgestellt. Vergleichsweise günstig. Und man hat zumindest das Gefühl, etwas getan zu haben.
Aber ist es auch der beste Weg?
Ich bin mir da nicht so sicher.
Und genau das ist der Gedanke, der mir am Ende dieses Abends noch gekommen ist – wieder eine dieser Redewendungen, die einem in solchen Momenten durch den Kopf gehen: Der einfachste Weg ist nicht immer der beste.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


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