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Innpuls-Tagebuch: Wie viele Menschen verträgt Rosenheim

Karin Portrait-Foto. Flotomontage mit Hintergrund.

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

18. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

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Warum diskutieren wir eigentlich ständig darüber, wie viele Wohnungen noch gebaut werden können – aber kaum darüber, wie viele Menschen Rosenheim langfristig überhaupt verträgt?

Schon wieder geht es um ein neues Quartier. Diesmal um das Gelände der Straßenmeisterei am Innspitz. Die Rosenheimer CSU möchte dort nach dem geplanten Umzug der Straßenmeisterei ein neues Stadtquartier entwickeln – mit Wohnungen, Gastronomie, Kultur und öffentlichen Freiflächen.

Ob dieses konkrete Vorhaben sinnvoll ist, ist für mich dabei gar nicht die entscheidende Frage. Der Innspitz ist vielmehr ein aktueller Anlass für eine Diskussion, die uns in Rosenheim schon länger begleitet: Wohnraum schaffen auf der einen Seite, Grün- und Freiflächen erhalten auf der anderen. Dieses Spannungsfeld ist nicht neu. Auch in früheren Tagebuch-Themen ging es immer wieder genau darum.

Natürlich brauchen Menschen Wohnungen. Natürlich sollen junge Rosenheimer die Möglichkeit haben, hier zu bleiben. Genau damit wird zusätzlicher Wohnraum immer wieder begründet. Aber irgendwann muss man meiner Meinung nach auch die Gegenfrage stellen: Was passiert eigentlich, wenn wir immer weiter Wohnungen bauen?

Mehr Wohnraum – und trotzdem nicht automatisch mehr Wohnraum für die Rosenheimer

Denn die Gleichung „mehr Wohnungen = mehr Wohnungen für unsere Kinder“ ist mir inzwischen zu einfach.
Ich höre immer wieder die Beobachtung, dass neu entstehender Wohnraum nicht nur von Menschen genutzt wird, die bereits in Rosenheim leben und hier dringend eine Wohnung suchen. Gerade der Zuzug aus München wird dabei häufig genannt. Der Wohnungsdruck dort ist hoch, Rosenheim liegt nicht weit entfernt und bietet gleichzeitig vieles von dem, was Menschen an einer kleineren Stadt schätzen.
Das ist zunächst einmal ein Zeichen dafür, dass Rosenheim attraktiv ist. Aber genau darin steckt für mich ein Widerspruch.

Vielleicht kommen Menschen nicht nur nach Rosenheim, weil sie hier eine Wohnung suchen. Vielleicht kommen manche auch gerade deshalb, weil Rosenheim noch etwas bietet, das in einer dicht bebauten Großstadt schwerer zu finden ist: Grün, Wasser, die Nähe zu den Bergen, überschaubare Strukturen und ein anderes Lebensgefühl.
Und wenn wir nun immer mehr Menschen unterbringen wollen, stellt sich die Frage, was mit genau diesen Qualitäten passiert.

Was macht Rosenheim eigentlich attraktiv?

Rosenheim kann nicht einfach größer werden. Die Stadtfläche bleibt begrenzt. Mehr Menschen müssen also auf derselben Fläche leben. Man kann höher und dichter bauen. Aber dadurch wird die Fläche nicht mehr.
Und mit jedem neuen Quartier verschwindet zumindest ein Stück dessen, was vorher dort war. Vielleicht kein großer Naturraum. Vielleicht einfach eine Wiese, ein Stück Grün, ein freier Blick oder ein ruhiger Ort am Wasser.

Gerade solche Flächen werden leicht unterschätzt. Sie sind keine Wohnungen, bringen keine zusätzlichen Einwohner und tauchen in keiner Wohnungsbaustatistik auf. Aber sie sind Teil dessen, was eine Stadt lebenswert macht. Ich würde sie deshalb als Wohlfühlzonen bezeichnen. Und davon haben wir nicht unbegrenzt viele.

Ein einzelnes neues Quartier verändert Rosenheim nicht. Aber viele einzelne Quartiere können es. Jedes Vorhaben lässt sich für sich genommen begründen: Hier wird Wohnraum gebraucht, dort wird eine Fläche frei, an anderer Stelle kann nachverdichtet werden. Erst in der Summe wird sichtbar, wohin die Entwicklung führt.
Wir schaffen also Wohnraum, weil Rosenheim attraktiv ist – und müssen gleichzeitig aufpassen, dass wir durch dieses Wachstum nicht genau das verlieren, was Rosenheim attraktiv macht.

Die unbequeme Frage nach einer Obergrenze

Vielleicht ist genau deshalb die Frage nach einer Obergrenze des Wachstums irgendwann unausweichlich.
Allein darüber nachzudenken, ist unbequem. Denn was würde eine solche Obergrenze bedeuten? Was wäre mit jungen Menschen, die hier geboren sind und bleiben möchten? Was mit Familien, die eine Wohnung suchen? Was würde sie für den Wohnungsmarkt, für Unternehmen, Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Entwicklung bedeuten?
Ich habe darauf keine fertige Lösung im Kopf. Je länger man darüber nachdenkt, desto komplexer wird die Frage. Aber dennoch muss man meiner Meinung nach diese Frage stellen.

Denn bislang reden wir vor allem darüber, wie wir noch mehr Wohnraum schaffen können. Vielleicht müssen wir irgendwann genauso ernsthaft darüber reden, wie viele Menschen Rosenheim überhaupt aufnehmen kann, ohne dass die Stadt dabei ihre eigenen Qualitäten aufbraucht.

Der Gedanke an eine solche Obergrenze ist übrigens nicht völlig neu. Auch aus dem Rosenheimer Stadtrat gab es vor einigen Jahren schon einmal die Überlegung eines Stadtratsmitglieds, ob eine solche Grenze des Wachstums irgendwann notwendig werden könnte.

Ich finde, man darf diesen Gedanken heute wieder aufgreifen. Nicht als Forderung nach einem Baustopp. Nicht als Antwort auf die Wohnungsfrage. Und schon gar nicht als einfache Lösung. Sondern als Gegenfrage zu dem scheinbar selbstverständlichen „immer mehr“.

Manchmal muss man auch in die andere Richtung schauen

Denn vielleicht ist genau das unser Problem: Wir schauen bei der Stadtentwicklung sehr oft auf das, was noch fehlt. Auf Wohnungen, die noch gebraucht werden. Auf Flächen, die noch entwickelt werden können. Auf Möglichkeiten, noch mehr Menschen unterzubringen.
Weniger sprechen wir darüber, was irgendwann nicht mehr da ist.

Die Wiese, die bebaut wurde. Der Freiraum, der einem Quartier weichen musste. Der ruhige Ort, der plötzlich an einer Straße liegt. Die Fläche, die nicht spektakulär war, aber dafür sorgte, dass sich Rosenheim nicht überall gleich dicht anfühlt. Und vielleicht müssen wir uns irgendwann ehrlich fragen, ob „immer mehr“ tatsächlich noch das richtige Ziel ist.

Ich weiß nicht, wo eine Obergrenze für Rosenheim liegen würde. Ich weiß nicht einmal, ob sie sich am Ende überhaupt in einer konkreten Einwohnerzahl festlegen ließe. Und ich weiß, dass eine solche Diskussion schwierige Fragen nach Wohnraum, Preisen, Zuzug und wirtschaftlicher Entwicklung aufwerfen würde. Aber wir müssen ja nicht erst eine fertige Lösung haben, um eine Frage stellen zu dürfen.

Wie viele Menschen verträgt Rosenheim, ohne das zu verlieren, was diese Stadt für so viele Menschen attraktiv macht? Eine Frage, die Politik und Stadtgesellschaft irgendwann beantworten müssen – vielleicht tatsächlich früher, als uns lieb ist.

Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin

2 Kommentare

  1. Interessante Idee mit der Obergrenze, nur wie feststellen wer bleiben darf und wer nicht? Vielleicht eine Auswahl danach wer wieviel zum BIP beiträgt? Damit müssten Rentner dann leider nach München, aber das würde Rosenheim ja dann nicht nur die Freiräume lassen die es jetzt dank geringer Bebauungsdichte hat, sondern diese Freiräume auch endlich mal mit Leben füllen. Coole Sache, Bürgerentscheid Obergrenze für Rosenheim jetzt!

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  2. Liebes Innpuls Team

    Danke für diese unbequeme Frage. Ich bin immer noch ein Rosenheimer obwohl ich seit 30 Jahren nicht mehr in Rosenheim lebe, aber regelmäßig nach Rosenheim komme. Von außen betrachtet sind das genau die richtigen Fragen. Durch die Versiegelung von Freiflächen und bauen in die Breite wir Rosenheim unattraktiv. Meine Überlegung in meine Heimat zurück zu kommen wird dadurch nicht einfacher.
    Ich hoffe das diese Frage einer besonderen Bedeutung beigemessen wird

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