Rosenheim – Wo heute in Rosenheim das Sparkassenhochhaus steht, suchten einst Mägde und Knechte einen neuen Dienstherrn. Am „Bräu am Anger“ wurde Bier ausgeschenkt, gefeiert und einmal im Jahr auf dem Schlenklmarkt sogar um Arbeitskräfte gefeilscht. Der Straßenname „Am Anger“ erinnert an diesen längst verschwundenen Ort – und an eine Zeit, in der dieser Teil Rosenheims noch ganz anders aussah.
Über 500 Straßen gibt es inzwischen im Rosenheimer Stadtgebiet. Ihre Namen erinnern an Menschen, Orte, Landschaften oder historische Ereignisse. Bei „Am Anger“ führt die Spur zu einem alten Flurnamen – und zu einem Ort, an dem sich über Jahrhunderte ganz unterschiedliche Kapitel Rosenheimer Geschichte abspielten.
Das „Bräu am Anger“ lag einst außerhalb der damaligen Stadtgrenzen an der Kufsteiner Straße. Die Brauerei und Gastwirtschaft ist bereits seit dem 16. Jahrhundert belegt und prägte über lange Zeit das Leben in diesem Teil Rosenheims. Besonders bekannt war der Schlenklmarkt, der alljährlich am Donnerstag nach Maria Lichtmess stattfand. Dabei ging es nicht um Waren, sondern um Arbeitskräfte: Mägde und Knechte suchten eine neue Stelle, während Bauern nach geeignetem Personal Ausschau hielten. Für die ländliche Arbeitswelt war der Markt ein wichtiger Termin im Jahresablauf.
Vom Dienstbotenmarkt zum Siechhaus
Die Geschichte des Hammerviertels hat allerdings auch eine deutlich ernstere Seite. Im Viertel befand sich das alte Rosenheimer Leprosenhaus, auch Siechhaus genannt. Es lag an der Kufsteiner Straße und damit ebenfalls außerhalb des damaligen Stadtzentrums. 1813 wurde es durch das erste Rosenheimer Krankenhaus abgelöst.
Ein Siechhaus diente im Mittelalter und in der frühen Neuzeit dazu, schwer oder ansteckend erkrankte Menschen außerhalb der eigentlichen Stadt unterzubringen. Gerade Krankheiten wie Lepra gehörten zu den großen Ängsten der damaligen Zeit. Auch die Pest stellte Rosenheim und andere Städte immer wieder vor enorme Herausforderungen. Das Siechhaus erzählt damit von einer Zeit, in der Krankheit und die Absonderung Erkrankter noch ganz anders zum Stadtbild gehörten als heute.
Gleichzeitig war der Anger ein Ort des Alltags und der Geselligkeit. Das „Bräu am Anger“ war über Jahrhunderte Brauerei, Gastwirtschaft und Treffpunkt. Joseph Graf hielt das stattliche Gebäude 1854 auf einer Zeichnung fest. Wenig später veränderte sich der Ort grundlegend: Um 1865 wurde das alte Bräu- und Gasthaus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.
Auch danach blieb das Gebäude mit Arbeit verbunden. Der Braubetrieb wurde 1919 eingestellt. Nach dem Ende der Brauerei wurde das Gebäude später als Arbeitsamt genutzt. 1968 schließlich wurde der Bau abgebrochen. An seiner Stelle entstand der Neubau der Sparkasse.
Woher der Name „Anger“ kommt
Der Straßenname selbst ist allerdings noch älter als das „Bräu am Anger“. Das althochdeutsche Wort „angar“ bezeichnete ursprünglich ungepflügtes beziehungsweise grasbewachsenes Land. Später wurden damit häufig gemeinschaftlich genutzte Flächen innerhalb oder am Rand von Siedlungen bezeichnet. Solche Anger konnten als Weidefläche, Treffpunkt oder Veranstaltungsort dienen.
Auch die Lage des Rosenheimer Angers passt zu dieser Geschichte. Das Gebiet gehörte lange nicht zur Stadt, sondern zur Landgemeinde Roßacker. Erst 1837 wurde Roßacker nach Rosenheim eingemeindet. Das Hammerviertel entwickelte sich anschließend immer stärker zu einem von Handwerk und Industrie geprägten Stadtteil. Hammer- und Mühlbach lieferten die Energie für verschiedene Betriebe, darunter den namensgebenden Kupferhammer.
Heute erinnert kaum noch etwas an den alten Anger. Wo einst das „Bräu am Anger“ stand und der Schlenklmarkt Mägde und Knechte auf der Suche nach einer neuen Stelle zusammenbrachte, steht heute das Sparkassenhochhaus. Geblieben ist der Straßenname – und damit ein kleines Stück Rosenheimer Geschichte, das auf den ersten Blick ziemlich unscheinbar wirkt aber auch wieder viel zu erzählen hat.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Symbolfoto re)


Vor dem Abriss des Angerbräu war dort auch die Volksbücherei untergebracht. Die Straße hieß damals übrigens nicht „Am Anger“, sondern Angerweg.