Rosenheim – Noch stehen dort Fahrzeuge und Geräte der Straßenmeisterei – mitten auf einer der idyllischsten Flächen Rosenheims. Das rund 1,5 Hektar große Areal an der Greidererstraße liegt auf der Landzunge zwischen Inn und Mangfall und gehört damit zu dem Bereich, den die Rosenheimer meist einfach als „Innspitz“ bezeichnen. Doch die Straßenmeisterei soll diesen Standort verlassen. Und damit stellt sich eine Frage, die Rosenheim noch lange beschäftigen dürfte: Was soll aus dieser besonderen Fläche werden?
Auf der einen Seite Inn mit Inndamm und auf der anderen Seite Mangfall mit Mangfalldamm – so idyllisch gelegen ist das Gelände am Innspitz, das in den kommenden Jahren noch für einige Diskussionen sorgen könnte. Fotos: Josefa Staudhammer
Die Straßenmeisterei des Staatlichen Bauamtes Rosenheim nutzt das Gelände seit Jahrzehnten. Inzwischen sind die Gebäude nicht mehr zeitgemäß, außerdem fehlt es an Platz für den Fuhrpark, technische Geräte sowie Lager- und Abstellflächen. Deshalb soll die Straßenmeisterei nach Schechen umziehen. Dort hat der Freistaat ein rund 17.700 Quadratmeter großes Grundstück im Gewerbegebiet Nord direkt an der B15 gekauft. Mit der Planung für den Neubau wurde bereits begonnen.
Frei wird die Fläche am Innspitz allerdings nicht so schnell. Nach derzeitiger Einschätzung des Staatlichen Bauamts ist eine Nachnutzung des Standorts nicht vor 2031 zu erwarten.
Zeit also, sich Gedanken über die Zukunft eines Grundstücks zu machen, das nicht nur aufgrund seiner Lage besonders ist. Schon die Landesgartenschau 2010 hat den Bereich an der Mündung von Mangfall und Inn deutlich verändert: Wege und Stege machten die Flusslandschaft besser zugänglich, rund um den Innspitz entstand ein Naherholungsraum.
CSU will Grundstück möglichst früh sichern
Genau hier setzt der aktuelle Antrag der CSU-Stadtratsfraktion an. Sie fordert Oberbürgermeister Abuzar Erdogan auf, unverzüglich Kaufverhandlungen mit dem Freistaat Bayern über das Grundstück der Straßenmeisterei an der Greidererstraße 10 aufzunehmen.
Wichtig dabei: Es geht zunächst um Kaufverhandlungen, nicht um einen bereits beschlossenen Erwerb. Parallel dazu soll die Stadtverwaltung ein städtebauliches Gesamtkonzept für das Areal vorbereiten. Die CSU schlägt dafür einen städtebaulichen Wettbewerb oder ein Rahmenplanverfahren vor.
Was danach auf der Fläche entstehen könnte, beschreibt die CSU unter dem Leitbild „Leben am Fluss“. Vorgesehen sind Wohnungen mit einem angemessenen Anteil an gefördertem und bezahlbarem Wohnraum, Gastronomie, Kultur- und Veranstaltungsflächen sowie öffentliche Freiräume und Zugänge zum Wasser. CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Wolfgang Bergmüller sieht darin eine besondere Entwicklungschance: „Der Innspitz ist ein großes Entwicklungsareal in dieser einzigartigen Lage am Wasser. Wenn die Straßenmeisterei nach Schechen geht, dürfen wir nicht tatenlos zusehen, wie dieses Filetstück anderweitig verwertet wird. Rosenheim muss als Erstes am Verhandlungstisch sitzen. Unser Ziel ist ein lebendiges neues Quartier, in dem Wohnen, Gastronomie, Kultur und Naherholung am Wasser zusammenkommen, ein echtes ‚Leben am Fluss‘, wie es unsere Stadt bisher noch nicht kennt.“
Für Bergmüller gehört dabei auch die Schaffung von Wohnraum zu den zentralen Punkten: „Rosenheim braucht dringend mehr Wohnraum, für junge Familien, für Seniorinnen und Senioren, für Menschen mit mittleren Einkommen. Der Innspitz bietet die seltene Chance, attraktives und gleichzeitig bezahlbares Wohnen in unmittelbarer Flusslage zu schaffen. Diese Gelegenheit kommt nicht wieder.“
Die Vorstellungen reichen bis zum Biergarten am Wasser
Auch der Zweite Bürgermeister Daniel Artmann berichtet von Gesprächen mit der Immobilien Freistaat Bayern, kurz IMBY. Er habe seit mehreren Monaten Kontakt mit der IMBY und den zuständigen Stellen in München. Nach seinen Angaben sei der Freistaat grundsätzlich bereit, über einen Verkauf an die Stadt Rosenheim zu sprechen.
Artmann formuliert in diesem Zusammenhang eine weitreichende Vorstellung für das Areal: „Ich stehe seit einigen Monaten in engem Austausch mit der IMBY und den zuständigen Stellen in München. Die Rückmeldungen stimmen mich sehr zuversichtlich, denn der Freistaat ist grundsätzlich bereit, über einen Verkauf an die Stadt Rosenheim zu sprechen. Diese Tür steht offen, und wir sollten sie jetzt entschlossen durchschreiten. Der Innspitz hat das Potenzial, ein echtes Leuchtturmprojekt zu werden, nicht nur für unsere Stadt, sondern für die gesamte Region.“
In einem zweiten Statement beschreibt Artmann auch, wie er sich das mögliche Quartier konkret vorstellen könnte: „Wo Inn und Mangfall zusammenfließen, liegt einer der schönsten Orte Rosenheims, und bisher nutzen wir dieses Potenzial kaum. Mit dem Leitbild ‚Leben am Fluss‘ können wir das ändern. Ich stelle mir ein Quartier vor, das Rosenheim ein ganz neues Lebensgefühl schenkt: ein Biergarten direkt am Wasser, Konzerte unter freiem Himmel, Spazierwege entlang des Ufers und mittendrin Wohnraum für Menschen, die sich das Leben in unserer Stadt auch leisten können. Viele Städte in Bayern würden uns um eine solche Lage beneiden. Es liegt an uns, daraus etwas Besonderes zu machen.“
Damit wird auch klar: Bei der CSU geht es nicht allein um Wohnungen. Geplant ist vielmehr eine Mischung aus Wohnen, Gastronomie, Kultur und öffentlichen Aufenthaltsflächen. Wie dicht dort gebaut werden könnte und wie diese Nutzungen konkret angeordnet würden, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch offen.
Die Idee einer Entwicklung ist nicht neu
Dass das Straßenmeisterei-Areal irgendwann eine andere Nutzung bekommen könnte, wird in Rosenheim schon länger diskutiert. Bei einer städtischen Bürgerwerkstatt zur Stadtentwicklung im Juni 2023 wurde die Fläche an der Greidererstraße unter anderem als möglicher Standort für Wohnmodelle genannt.
Auch aus der Kommunalpolitik gab es bereits zuvor Überlegungen zur städtebaulichen Entwicklung des Bereichs. Die Freien Wähler/UP hatten sich 2022 mit einem Antrag dafür eingesetzt, sich mit der Entwicklung des Innspitzes auseinanderzusetzen. Dabei spielte ausdrücklich auch der Erhalt des Landschaftsbildes an Inn und Mangfall eine Rolle.
Der aktuelle CSU-Antrag setzt nun einen anderen Schwerpunkt: Die Stadt soll möglichst früh versuchen, das Grundstück selbst zu erwerben und dadurch später bei der Entwicklung mitbestimmen zu können.
Wohnraum oder mehr Freiraum?
Dass diese Vorstellung nicht von allen geteilt wird, zeigt eine persönliche Stellungnahme eines Rosenheimer Stadtrats, die Innpuls.me erreicht hat. Seine Kritik richtet sich grundsätzlich gegen eine weitere bauliche Verdichtung innerhalb der bestehenden Stadtfläche. Die frei werdende Fläche am Innspitz sieht er deshalb nicht automatisch als neues Bauareal. „Haben wir verlernt, Freiräume einfach Freiräume sein zu lassen?“, fragt er. Aus seiner Sicht könnte der Wegzug der Straßenmeisterei vielmehr die Chance eröffnen, den bestehenden Freiraum rund um den Innspitz zu erweitern und den Bereich stärker für Natur und Naherholung zu nutzen. Seine grundsätzliche Haltung formuliert er so: Eine lebenswerte Stadt zeichne sich nicht nur dadurch aus, wie dicht man in ihr wohnen könne, sondern vor allem dadurch, „wie gut man in ihr durchatmen kann“.
Damit ist ein Konflikt beschrieben, der bei der weiteren Entwicklung des Areals eine Rolle spielen dürfte: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach zusätzlichem, möglichst bezahlbarem Wohnraum und einer stärkeren Nutzung der Lage am Wasser. Auf der anderen Seite steht die Frage, welchen Wert freie Flächen, Natur und Naherholung an einem solchen Ort haben.
Kulturstrand zeigt: Über die Nutzung wird schon länger diskutiert
Dass die Vorstellungen über den Innspitz auseinandergehen, ist nicht neu. Das zeigte sich bereits bei der Diskussion um den Kulturstrand. Der BUND Naturschutz Rosenheim lehnte das damalige Konzept 2021 ab. Die Ortsgruppe verwies darauf, dass der Innspitz bei der Landesgartenschau bewusst als ruhiger und naturnaher Bereich gestaltet worden sei. Der Mündungsbereich von Mangfall und Inn habe zudem eine besondere Bedeutung für Natur und Landschaft. Kritisch gesehen wurden unter anderem zusätzlicher Verkehr, Lärm und Müll. Der Kulturstrand fand in den vergangenen Jahren dennoch statt und erfreute sich auch in diesem Sommer wieder großer Beleibtheit.
Die damalige Auseinandersetzung drehte sich um Veranstaltungen und ist nicht mit einer aktuellen Stellungnahme des BUND Naturschutz zum CSU-Antrag gleichzusetzen. Sie zeigt aber, dass bereits heute unterschiedliche Vorstellungen davon bestehen, wie intensiv dieser besondere Bereich genutzt werden soll.
Viel Zeit für die Debatte
Eine tatsächliche Umnutzung steht ohnehin nicht unmittelbar bevor. Die Straßenmeisterei arbeitet weiterhin am Innspitz, während am neuen Standort in Schechen erst die weiteren Planungs- und Bauschritte folgen. Nach derzeitiger Einschätzung des Staatlichen Bauamts ist eine Nachnutzung des Rosenheimer Standorts nicht vor 2031 zu erwarten.
Bis dahin wird deshalb noch viel zu klären sein. Zunächst geht es um die Frage, ob und zu welchen Bedingungen die Stadt das Grundstück vom Freistaat erwerben kann. Danach müsste ein städtebauliches Verfahren zeigen, was an diesem besonderen Ort überhaupt möglich und gewollt ist.
Wie viel Wohnraum könnte dort entstehen? Wie dicht dürfte gebaut werden? Welche Flächen müssten frei und öffentlich zugänglich bleiben? Welche Bedeutung haben Natur- und Hochwasserschutz? Und wie lassen sich Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen mit dem Charakter des Bereichs zwischen Inn und Mangfall verbinden?
Noch ist keine dieser Fragen entschieden. Der CSU-Antrag bringt sie jetzt allerdings auf den Tisch. Und weil es um eine Fläche geht, die im Stadtgebiet kaum eine vergleichbare Lage haben dürfte, wird die Diskussion darüber vermutlich weit über die Frage hinausgehen, wer das Grundstück künftig besitzt.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Josefa Staudhammer)



0 Kommentare