Rosenheim erlebt Wahlabend mit Paukenschlag: März abgewählt – Erdogan schreibt Geschichte
Rosenheim – Es ist kurz nach 19 Uhr im Rosenheimer Rathaus, als aus ersten Zahlen Gewissheit wird: Diese Stadt hat sich entschieden – und zwar anders, als viele erwartet hatten. Ein Wahlabend, der leise beginnt und mit einem politischen Umbruch endet.
Die Spannung liegt spürbar in der Luft an diesem Sonntagabend im Rathaus. Gespräche laufen gedämpft, immer wieder richten sich die Blicke nach vorne auf die große Leinwand. Dort erscheinen nach und nach die Ergebnisse der Stichwahl.
Zwei Wochen lang hatte sich dieser Moment aufgebaut. Ein intensiver Wahlkampf zwischen Amtsinhaber Andreas März (CSU) und Herausforderer Abuzar Erdogan (SPD), der im Ton zunehmend schärfer geworden war – besonders auf Seiten Erdogans. In den sozialen Netzwerken hatte sich bereits abgezeichnet, dass sich hier etwas zusammenbraut.
Doch wie groß diese Dynamik tatsächlich ist, zeigt sich erst jetzt.
Zu Beginn der Auszählung liegt März vorne. Kein Grund für Jubel, aber auch kein Anlass zur Sorge. Noch ist alles offen.
Dann beginnen die Zahlen zu kippen.
Erst langsam, dann immer deutlicher. Mit jedem neuen Stimmbezirk verändert sich das Bild. Gespräche verstummen, Blicke werden länger, ernster. Die Leinwand wird zum Taktgeber eines Abends, der sich Stück für Stück zuspitzt.
Als kurz nach 19 Uhr das Ergebnis feststeht, wird es still. Ungewöhnlich still für einen Wahlabend.
Selbst erfahrene Medienvertreter schauen sich an, manche schütteln ungläubig den Kopf. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, ist immer wieder zu hören.
In den Reihen der CSU breitet sich Fassungslosigkeit aus. Betretene Gesichter, feuchte Augen, vereinzelt fließen Tränen.
Dann tritt Andreas März vor die Kameras.
Gefasst, aber sichtlich traurig tritt Andreas März kurz gegen 19 Uhr vor die Medien, als klar ist, dass seine Ära als Rosenheimer Oberbürgermeister endet. Fotos: Josefa Staudhammer
Die Zahlen sind eindeutig: 46,6 Prozent für ihn, 53,3 Prozent für Abuzar Erdogan. In Stimmen ausgedrückt: 9.829 zu 11.283 – ein Rückstand von 1.454 Stimmen.
„Die Enttäuschung ist groß. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren gute Arbeit geleistet. Aber es ist uns offensichtlich nicht gelungen, diese Botschaften rüberzubringen“, sagt März.
Und ergänzt: „Mein Herausforderer hat es offensichtlich geschafft, mehr Menschen für sich zu gewinnen.“
Die Worte sind gefasst, fast nüchtern – doch sie fallen sichtbar schwer. Nach einem kurzen Statement verlässt März den Saal. Ohne Zögern, ohne Umwege.
Die Stille bleibt noch einen Moment länger.
Denn was sich hier gerade vollzieht, ist eine Zäsur: Nach 65 Jahren wird wieder ein Sozialdemokrat Oberbürgermeister in Rosenheim.
Und dann schlägt die Stimmung um.
Nur wenige Augenblicke später tritt Abuzar Erdogan vor die Kameras. Hinter ihm drängen sich Unterstützer, Parteifreunde, Wegbegleiter. Jetzt ist Bewegung im Raum, Stimmen werden lauter, erste Glückwünsche werden ausgetauscht.
„Ich bin überwältigt und sprachlos“, sagt Erdogan.
Er habe in den vergangenen zwei Wochen viel Zuspruch erlebt, aber mit diesem Ausgang habe er nicht gerechnet. „Ich konnte es überhaupt nicht einschätzen.“
Zwischen Angriff und Aufmerksamkeit: Der Wahlkampf
Der Weg zu diesem Ergebnis war intensiv.
In den zwei Wochen zwischen erstem Wahlgang und Stichwahl zogen beide Kandidaten noch einmal alle Register. Andreas März setzte auf klassische Präsenz – und prominente Unterstützung: Gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verteilte er kostenlos Döner.
Abuzar Erdogan ging einen anderen Weg. Er suchte die direkte Nähe zu den Bürgern, lud zur Kneipentour ein – und war vor allem eines: ständig präsent.
Vor allem in den sozialen Medien. Täglich neue Bilder, neue Videos, klare Botschaften. Dazu auch immer wieder scharfe Angriffe auf seinen Kontrahenten. Mehrfach forderte er März öffentlich zu Duellen heraus – ohne Erfolg.
Ob genau diese Strategie am Ende den Ausschlag gegeben hat, bleibt offen.
Auffällig ist auch die Wahlbeteiligung: Mit 45,5 Prozent lag sie deutlich unter der ersten Runde (53,3 Prozent). Welche Wähler am Ende zu Hause geblieben sind – und wem das genutzt oder geschadet hat – lässt sich nur schwer beantworten.
Und jetzt? Ein politischer Neustart
Für Abuzar Erdogan beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Der bisherige Syndikusrechtsanwalt und Leiter der Rechtsabteilung bei der meine Volksbank Raiffeisenbank übernimmt die Verantwortung im Rosenheimer Rathaus.
Doch einfach wird der Start nicht.
Im Stadtrat gibt es keine klare Mehrheit, auch wenn die SPD einen Sitz hinzugewinnen konnte. Viele Gespräche werden nötig sein, um tragfähige Entscheidungen zu treffen.
Und auch für Andreas März ist die politische Bühne noch nicht ganz verlassen. In seiner letzten Woche im Amt stehen mehrere Ausschusssitzungen und eine Stadtratssitzung an. Entscheidungen, die noch unter seiner Verantwortung fallen.
Was danach kommt, ist offen.
Für beide.
Was bleibt, ist dieser Abend.
Ein Abend, an dem sich die Stimmung langsam drehte. An dem aus Zahlen Emotionen wurden. Und an dem Rosenheim gezeigt hat, dass politische Gewissheiten manchmal nur bis zur nächsten Auszählung gelten.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Archiv Innpuls.me)













