Rosenheim – Selten ist der große Sitzungssaal im Rosenheimer Rathaus so voll. Bei der jüngsten Stadtratssitzung drängten sich ungewöhnlich viele Zuhörer auf den Besucherplätzen – und selbst die reichten nicht aus. Der Grund: ein umstrittenes Großbauprojekt im Norden der Stadt, über das seit fast 18 Jahren diskutiert wird. Nun hat der Stadtrat grünes Licht gegeben. Die Kritik aus der Bürgerschaft bleibt jedoch laut.
Schon einen Tag zuvor hatte die Interessengemeinschaft „Rosenheim Nord“ zu einer Veranstaltung unter dem Motto „Fehlplanung stoppen – Für eine lebenswerte Stadt – Nein zur maßlosen Bebauung“ ins Gasthaus Höhenteiger in Westerndorf St. Peter eingeladen. Dsas Interesse war groß. Einige der Teilnehmer waren nun auch zur Stadtratssitzung gekommen, um die Debatte über das Bauvorhaben zu verfolgen.
Landwirtschaftliche Flächen betroffen
Im Mittelpunkt steht die 55. Änderung des Flächennutzungsplans „Marienberger Straße Nord“. Der Geltungsbereich umfasst nach Angaben der Stadtverwaltung rund 10,54 Hektar. Ein Großteil der Fläche wird derzeit landwirtschaftlich genutzt – etwa acht Hektar würden durch die Planungen künftig dieser Nutzung entzogen.
Das Gebiet liegt im Norden der Stadt:
- im Osten begrenzt durch die Westerndorfer Straße (derzeit noch B15),
- im Westen durch die Bahnlinie Rosenheim – Wasserburg am Inn – Mühldorf,
- im Norden durch den Siedlungsbereich von Westerndorf St. Peter,
- im Südosten durch den Hochschulkomplex der Kernstadt
- sowie im Südwesten durch bestehende Wohnbebauung.
Im Norden des Geltungsbereichs befindet sich derzeit ein Wohngebäude mit Nebenanlagen. Einbezogen in die Änderung werden auch Teilflächen der Marienberger Straße und der Westerndorfer Straße.
Zum Ziel der Planung heißt es in der Sitzungsvorlage:
„Die vom Geltungsbereich umfassten Flächen der Gemarkung Westerndorf St. Peter sollen einer sinnvollen und städtebaulich vorteilhaften Entwicklung zugeführt werden. Es soll eine Brücke von der Bebauung im Norden der Stadt Rosenheim zum Ortsteil Westerndorf St. Peter geschlagen werden, die eine respektvolle Verbindung der Bebauung ermöglicht ohne jedoch die Ortsgrenzen zwischen den einzelnen Stadtteilen völlig zu verwischen.“
Neues Quartier mit vielen Nutzungen geplant
Auf der Fläche könnten künftig zahlreiche Einrichtungen entstehen. Vorstellbar sind unter anderem:
- ein Nahversorgungszentrum mit Discountern und Drogeriemarkt
- weitere Einzelhandelsflächen
- Wohnbebauung
- eine Grundschule mit Turnhalle
- eine Kindertageseinrichtung
- ein mehrgeschossiges Alten- und Pflegeheim
- sowie ein Parkhaus
Kritik: „Wir sind nicht komplett gegen eine Bebauung“
Vor allem aus Reihen der Grünen und der Interessengemeinschaft Rosenheim Nord kommt deutliche Kritik. Grünen-Stadträtin Anna Rutz sagte in der Sitzung: „Wir sind nicht komplett gegen eine Bebauung. Wir sind nur gegen die Massivität.“
Sie verwies auf zahlreiche Stellungnahmen im Verfahren, die ebenfalls, teils scharfe Kritik äußerten – darunter sogar von der Regierung von Oberbayern. In ihren Augen würden bei den Planungen eher Investoreninteressen als Bürgerwünsche im Vordergrund stehen. Für diese Aussage erhielt sie Applaus von Zuhörern im Saal. Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März wies daraufhin darauf hin, dass derartige Gefühlsäußerungen keinen Platz in einer Stadtratssitzung hätten.
Sorge um den Charakter von Westerndorf St. Peter
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die mögliche Entwicklung der Stadtstruktur. Gegner befürchten, dass es nach einer Bebauung keine klare räumliche Trennung mehr zwischen Rosenheim und dem Stadtteil Westerndorf St. Peter geben könnte – und damit der dörfliche Charakter des Ortsteils verloren geht.
Die Interessengemeinschaft Rosenheim Nord fordert darum unter anderem eine echte Grünzäsur zwischen Hochschule und Westerndorf
Befürworter sehen Chance für bessere Versorgung
Die Stadträte der übrigen Fraktionen begrüßten das Projekt hingegen weitgehend.
Dr. Wolfgang Bergmüller, Fraktionssprecher der CSU, sieht darin auch eine Chance, eine Versorgungslücke im Norden der Stadt zu schließen. „Wir freuen uns, dass im Rosenheimer Norden endlich ein Nahversorgungszentrum gebaut wird“, sagte er. Viele Menschen seien derzeit gezwungen, für ihren Einkauf durch die Stadt in den Aicherpark zu fahren.
Auch Abuzar Erdogan, Fraktionsvorsitzender der SPD, sprach sich für das Projekt aus. Er erinnerte an die Schließung des REWE-Marktes an der Ebersberger Straße im September 2025. Aktuell gebe es im Norden nur noch die Aldi-Filiale an der Mößlstraße. Sollte auch dieser Standort einmal schließen, könnte ein ernsthaftes Versorgungsproblem entstehen.
Debatte dürfte weitergehen
Mit dem Beschluss des Stadtrats ist das Bauvorhaben einen Schritt weiter im Verfahren. Der große Besucherandrang im Rathaus machte jedoch deutlich, wie kontrovers das Projekt weiterhin diskutiert wird. Auch nach der Entscheidung im Stadtrat dürfte die Debatte über die geplante Bebauung im Rosenheimer Norden weitergehen.
(Quelle: Artikel Karin Wunsam / Beitragsbild: Symbolfoto ai generiert)