Rosenheim – Chronische Schmerzen können den Alltag stark einschränken. Doch auch wenn sie nicht immer vollständig verschwinden, gibt es Wege zu mehr Lebensqualität. Christoph Burkl, Ärztlicher Leiter der Abteilung für Schmerzmedizin und konservative Orthopädie an der RoMed Klinik Prien am Chiemsee, erklärt im Interview, warum eine Kombination verschiedener Therapieansätze helfen kann und welche Rolle Bewegung, Psyche und ein frühzeitiger Behandlungsbeginn spielen.
Chronische Schmerzen betreffen viele Menschen und schränken das Leben oft stark ein. Ein Gespräch über Ursachen, das „Schmerzgedächtnis“ und warum ein multimodaler Ansatz oft mehr hilft als einzelne Maßnahmen.
Frage: Herr Burkl, wie groß ist das Problem chronischer Schmerzen in Deutschland?
Antwort: Wir sprechen über ein relevantes Volksgesundheitsthema. Etwa jede zweite betroffene Person berichtet über spürbare Auswirkungen auf Arbeit und Alltag. Schätzungen gehen von 10 bis 20 Prozent betroffener Erwachsener aus, manche Erhebungen nennen – je nach Definition – sogar bis zu einem Drittel. Viele warten sehr lange auf wirksame Hilfe: Mehr als die Hälfte sucht über zwei Jahre nach einer passenden Behandlung.
Frage: Ab wann gelten Schmerzen eigentlich als „chronisch“?
Antwort: Wenn Beschwerden wie Rücken‑, Gelenk‑ oder Nackenschmerzen länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren, sprechen wir von chronischen Schmerzen. Häufig hat sich dann ein sogenanntes Schmerzgedächtnis gebildet: Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft und sendet weiter Schmerzsignale, obwohl die ursprüngliche Ursache längst abgeklungen sein kann.
Frage: Was bedeutet das für die Therapie – warum reicht eine einzelne Maßnahme oft nicht aus?
Antwort: Schmerz ist selten nur rein körperlich. Stress, Ängste, Schonhaltungen und soziale Faktoren wirken mit. Deshalb kombinieren wir in der Regel mehrere Bausteine: ärztliche Behandlung, Physiotherapie, Bewegungstraining, psychologische Begleitung, Entspannungsverfahren sowie ergänzend etwa Yoga- und Kunsttherapie. Die Erfahrung zeigt: Die Kombination vergrößert die Chance, dass Menschen wieder aktiver und belastbarer werden.
Frage: Ihr Team setzt einen Schwerpunkt auf konservative Orthopädie. Was heißt das konkret?
Antwort: Nicht immer ist eine Operation die beste Lösung. Häufig lassen sich Beschwerden durch gezielte Übungen, das Umlernen ungünstiger Bewegungsmuster, Muskelaufbau und ein gutes Verständnis der eigenen Belastungsgrenzen deutlich reduzieren. Unser Ansatz ist: stärken, was trägt – mit möglichst wenig Nebenwirkungen.
Frage: Wann empfehlen Sie eine stationäre Behandlung?
Antwort: Wenn ambulante Maßnahmen ausgeschöpft sind, wenn zusätzliche psychosoziale Belastungen bestehen oder wenn eine enge Verzahnung vieler Therapieelemente in kurzer Zeit sinnvoll ist. Stationär können wir täglich justieren, unmittelbar reagieren und die Bausteine eng miteinander koppeln.
Frage: Wie sieht ein typischer Therapiealltag bei Ihnen aus?
Antwort: Sehr strukturiert und gleichzeitig individuell: medizinische Visiten, Physiotherapie und Bewegungseinheiten, psychologische Gespräche, Üben von Entspannung, ergänzende Angebote wie Yoga- oder Kunsttherapie – und dazwischen alltagsnahe Aufgaben, die helfen, neue Routinen zu verankern. Wichtig ist, dass die Elemente aufeinander aufbauen.
Frage: Was dürfen Patienten realistisch erwarten?
Antwort: Vielen Betroffenen ist das Finden der Ursache der Schmerzen wichtig. Diese klären wir zu Beginn der Behandlung. Darauf aufbauend erstellen wir einen Behandlungsplan, der über den stationären Aufenthalt hinausreicht. Bereits während der zweiwöchigen Schmerztherapie ist regelhaft bezüglich der am häufigsten genannten Behandlungsziele Schmerzlinderung, Medikamentenreduktion, Verbesserung der Beweglichkeit, Mobilität und Funktion sowie Gewinn an Teilhabe und Lebensfreude, also Lebensqualität, eine deutliche Verbesserung zu beobachten, dies bemerken wir auch an Verbesserungen bei Schlaf und Stimmung.
Frage: Welche Rolle spielt die Psyche – und wie erklären Sie das, ohne den Schmerz zu „psychologisieren“?
Antwort: Grundsätzlich ist die Schmerzwahrnehmung real und keine Einbildung. Diese Wahrnehmung und Wertung der Signale des Körpers ist abhängig von unseren Gedanken und Gefühlen, das heißt der Psyche, eine Erfahrung die jeder Mensch im Alltag macht, beispielsweise kann gerade chronischer Schmerz in angenehmen Situationen ausgeblendet werden.
Psychologische Verfahren helfen, Kraftquellen zu finden, Freude zu empfinden sowie Angst und Vermeidungsverhalten zu reduzieren und den Umgang mit Schmerz zu verändern. Das senkt nachweislich Leidensdruck und kann die Schmerzintensität beeinflussen.
Frage: Wie wichtig ist der Zeitpunkt des Eingreifens?
Antwort: Sehr wichtig. Je früher wir eine drohende Chronifizierung erkennen, desto größer ist die Chance, diese zu verhindern. Hausärztinnen und Hausärzte sind hier die zentrale erste Anlaufstelle und wichtige Wegweiser in spezialisierte Behandlungen.
Frage: Was können Betroffene selbst tun, bis ein spezialisiertes Angebot greift?
Antwort: In Bewegung bleiben – dosiert und regelmäßig, achtsam mit sich selbst umgehen und das Genießen nicht verlernen. Erholung, Pausen und Entspannung regelmäßig im Alltag einbauen, Schonhaltungen hinterfragen, und wenn Belastungen gesteigert werden sollten, dann langsam und schrittweise. Und frühzeitig das Gespräch in der Hausarztpraxis suchen, um gemeinsam den nächsten Schritt zu planen.
Frage: Ihr persönliches Fazit?
Antwort: Chronische Schmerzen lassen sich nicht immer vollständig beseitigen. Mit einem guten Therapiekonzept und Unterstützung können viele Menschen ihren Alltag wieder selbstbestimmter und hoffnungsvoller gestalten. Darum geht es – Tag für Tag.
Informationsveranstaltung zur Schmerztherapie am 13. November
Wie lässt sich chronischer Schmerz auch ohne Medikamente behandeln? Unter dem Motto „Schmerztherapie – Geht´s auch ohne Medikamente?“ laden Christoph Burkl und sein Team am Freitag, 13. November, von 15 bis 17 Uhr zu einer Informationsveranstaltung in die RoMed Klinik Prien (Harrasser Straße 61–63) ein.
Auf dem Programm stehen Informations- und Mitmachangebote aus verschiedenen Fachbereichen. Die Physiotherapie zeigt Bewegungsübungen und Möglichkeiten zur Haltungsverbesserung. Das Pflegeteam informiert über TENS zur Schmerzbehandlung, Aromatherapie, physikalische Therapie und weitere unterstützende Maßnahmen. Außerdem stellt die Psychotherapie Entspannungsverfahren und Strategien zur Schmerzbewältigung vor.
Die Veranstaltung richtet sich an Menschen mit chronischen Schmerzen und möchte ihnen neue Wege im Umgang mit ihren Beschwerden aufzeigen. Neben modernen Therapieansätzen stehen dabei auch praktische Strategien für den Alltag im Mittelpunkt.
Weitere Informationen und Anmeldung hier.
(Quelle: Pressemitteilung RoMed Kliniken / Beitragsbild: Christoph Burkl, Ärztlicher Leiter der Abteilung für Schmerzmedizin und konservative Orthopädie an der RoMed Klinik Prien am Chiemsee; Copyright RoMed Kliniken)


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