Happing / Rosenheim – Sie kommen jedes Jahr wieder: Zwei kleine Fledermäuse haben sich die Terrasse von Bernhard Baron Boneberg in Happing als Sommerquartier ausgesucht. In seinem neuen Gastbeitrag erzählt der Natur- und Tierschützer von seinen ungewöhnlichen Untermietern, ihrer besonderen Wohngemeinschaft und davon, warum geeignete Quartiere für Fledermäuse zunehmend schwieriger zu finden sind.
Über den Autor
Bernhard Baron Boneberg engagiert sich seit über 45 Jahren in Vereinen und Verbänden für den Natur- und Tierschutz. Er ist Mitglied des Rosenheimer Stadtrats und schreibt als Gastautor für Innpuls.me über ökologische Themen aus seiner persönlichen Perspektive.
Jedes Jahr etwa Mitte bis Ende Juli geschieht auf unserer Terrasse dasselbe vertraute Schauspiel. Wer an einem sonnigen Nachmittag den Blick nach oben wandern lässt, entdeckt sie meist schnell: Zwei winzige, dunkle Fellknäuel, die sich dicht aneinandergequetscht oder in ruhiger Nachbarschaft im Gebälk der Terrassenüberdachung festklammern. Wenn sie dort nicht hängen, wählen sie alternativ den geschützten Hohlraum direkt hinter der eingezogenen Markise.
Spätestens wenn man auf den Terrassenfliesen darunter die typischen kleinen, trocken-krümeligen Hinterlassenschaften entdeckt, bestätigt sich: Unsere beiden berühmten Sommergäste haben ihr gewohntes Quartier in Happing bezogen.
Wir haben sie auf die Namen Statler und Waldorf getauft – in Anlehnung an die beiden unzertrennlichen, grummeligen alten Herren aus der „Muppet Show“.
Und der Vergleich mit den legendären Mecker-Opas aus der Theaterloge kommt nicht von ungefähr. Bei unseren zwei tierischen Untermietern handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls um zwei Herren im fortgeschrittenen Alter. Wenn Fledermäuse nicht in großen Kolonien – den sogenannten Wochenstuben, in denen die Weibchen gemeinsam ihren Nachwuchs großziehen – auftreten, sondern als treue Einzeltiere Sommer für Sommer an denselben Ort zurückkehren, handelt es sich nach unserer Beobachtung wahrscheinlich um Männchen.
Da wir die beiden nun schon seit vielen Jahren lückenlos jedes Jahr aufs Neue bei uns begrüßen dürfen, haben sie für Fledermausverhältnisse bereits ein stattliches Alter erreicht. Im Normalfall kann ein Fledermausleben in etwa 12 bis 15 Jahre dauern, wobei die Lebenserwartung je nach Art unterschiedlich ist.
Zwei Arten, ein gemeinsames Quartier
Besonders faszinierend ist ihre ganz eigene Zweckgemeinschaft: Statler und Waldorf sind nämlich keineswegs Artgenossen. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die beiden vermutlich zwei unterschiedlichen Fledermausarten angehören.
Während der eine aufgrund seiner Schnauzenform und des silbrig-grauen Bauchfells sehr wahrscheinlich eine Wasserfledermaus ist, gehört der andere Vertreter einer kleineren, dunkleren Art an. Obwohl sie unterschiedliche Jagdhabitate bevorzugen mögen, teilen sie sich tagsüber friedlich denselben Holzbalken.
Dort verschlafen sie die heißen Stunden Seite an Seite, bevor sie in der Dämmerung lautlos in die Nacht entfliehen, um auf Insektenjagd zu gehen.
Dass Statler und Waldorf ausgerechnet unser Haus als ihr Sommerdomizil erwählt haben, ist vermutlich kein Zufall. Es dürfte an der Bauweise liegen. Unser Haus stammt in seinen zentralen Elementen aus den späten 1970er Jahren. Was aus energetischer Sicht heutzutage oft kritisiert wird, ist für die heimische Tierwelt durchaus ein Glücksfall: Das Gebäude besitzt noch zahlreiche Ecken, Nischen, Überstände und Holzverkleidungen.
Es gibt Spalten zwischen den Balken, Hohlräume hinter Verblendungen und offene Zugänge, die den Tieren Schutz vor Fressfeinden und Witterung bieten. Hier herrscht genau das Mikroklima, das die kleinen Säugetiere benötigen, um tagsüber ihre Körpertemperatur anzupassen und Energie zu sparen.
Wenn Quartiere verschwinden
Leider werden Häuser wie unseres in der modernen Baulandschaft immer mehr zur Seltenheit. Der Wandel in der Architektur stellt Fledermäuse und andere Tiere in städtischen Gebieten sowie an den Stadträndern vor Probleme.
Durch energetische Sanierungen, das lückenlose Verschließen von Fassaden und den Trend zu glatten Beton- und Glasbauten verschwinden traditionelle Quartiere. Wo früher Ritzen unter Dachziegeln, Spalten in Holzkonstruktionen oder Hohlräume in Fassaden Unterschlupf boten, finden die Tiere heute immer häufiger glatte und undurchdringliche Flächen vor.
Auch bei Sanierungen können Quartiere verloren gehen, wenn vorhandene Spalten und Hohlräume nicht berücksichtigt werden. Für Fledermäuse wird die Suche nach geeigneten Tagesverstecken dadurch schwieriger.
Das Schwinden geeigneter Quartiere ist allerdings nur ein Teil eines größeren Problems. Viele heimische Fledermausarten sind auf geeignete Lebensräume, ausreichend Nahrung und sichere Verstecke angewiesen.
Ein wichtiger Faktor ist dabei das Insektenangebot. Fledermäuse ernähren sich von Insekten und anderen kleinen Gliederfüßern. Wo diese durch den Verlust naturnaher Flächen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder andere Veränderungen der Lebensräume zurückgehen, fehlt auch den Fledermäusen Nahrung.
Hinzu kommt der Verlust naturnaher Lebensräume. Grün- und Wildnisflächen werden für Wohngebiete, Gewerbeparks und Straßen versiegelt. Alte Bäume mit Höhlen können als Quartiere verloren gehen. Auch künstliche Beleuchtung kann für nachtaktive Fledermäuse zum Problem werden, da manche Arten helle Bereiche meiden und dadurch ihre Flugrouten und Jagdgebiete eingeschränkt werden.
Ein bisschen Toleranz für den Artenschutz
Umso mehr erfüllt es uns jedes Jahr mit Freude und ein wenig Stolz, wenn Ende Juli das vertraute Rascheln im Gebälk ertönt. Statler und Waldorf sind für uns weit mehr als nur ein niedliches Naturschauspiel auf der eigenen Terrasse.
Sie zeigen uns, wie wenig es manchmal braucht, um Artenschutz im eigenen Umfeld praktisch umzusetzen: ein bisschen Toleranz gegenüber ein paar Krümelchen auf dem Boden, der Verzicht auf unnötige Chemie im Garten und das Erhalten geschützter Nischen am Haus.
Wenn auch Sie in diesen Sommertagen kleine Untermieter an Ihrer Hauswand oder im Dachgebälk entdecken: Freuen Sie sich darüber! Vielleicht haben auch Sie gerade ein kleines Stück Lebensraum geschaffen.
Wir hoffen jedenfalls sehr, dass unsere beiden alten Herren Statler und Waldorf auch im nächsten Juli wieder pünktlich ihren Stammplatz hinter der Markise beziehen.
(Gastbeitrag: Bernhard Baron Boneberg / Beitragsbild: Bernhard Baron Boneberg – Foto mit KI nachbearbeitet)


Wie schön, daß Sie Ihre Untermieter dulden und sich über ihre Anwesenheit freuen! 😀
Vor etlichen Jahren habe ich hier in Happing Fledermäuse vermutet. Jedoch ist Dunkelheit nicht die Freundin meiner Augen. Aber eine große weiße Hauswand als Hintergrund hat meine Vermutung bestätigt. Leider war’s das auch. Da kann man nur hoffen, daß die beiden älteren Herren in ihrer Jugend bereits für Nachwuchs gesorgt haben! 😀