Rosenheim – Manchmal reicht ein einziger Satz, um die Rollen in einem Konflikt zu verdrehen: „Der Klügere gibt nach.“ Klingt vernünftig, klingt friedlich. Doch plötzlich soll nicht mehr derjenige sein Verhalten ändern, der den Konflikt verursacht hat. Stattdessen soll derjenige nachgeben, der sich dagegen wehrt. Wer das nicht tut, gilt schnell als stur oder streitsüchtig. So wird aus demjenigen, der sich gegen ein Unrecht wehrt, plötzlich derjenige, der für den Streit verantwortlich gemacht wird.
Ich habe das vor Kurzem selbst erlebt. Ein Nachbar hatte sein Auto so gegenüber unserem geparkt, dass andere Autos kaum noch durchkamen. Wir wollten die Situation zunächst klären und ließen uns bis dahin nicht unter Druck setzen. Es ging uns nicht darum, Streit zu suchen. Wir hatten vielmehr schon öfter erlebt, dass der Nachbar auf diese Weise Druck ausübte und gezielt Schwierigkeiten machte. Diesmal wollten wir uns darauf nicht wieder einlassen.
Was dann folgte, war zermürbend. Offenbar machte der Nachbar andere Autofahrer darauf aufmerksam, dass wir schuld daran seien, dass sie nicht durchkamen. Es wurde gehupt, geschimpft und diskutiert. Immer wieder mussten wir erklären, warum wir nicht einfach nachgaben. Und immer wieder fiel dieser Satz: „Der Klügere gibt nach.“
Irgendwann nagt so etwas an einem. Man möchte nicht als stur gelten, nicht als Ursache des Ärgers, nicht als derjenige, der sich unnötig querstellt. Selbst wenn man überzeugt ist, einen guten Grund zu haben, seine Position zu halten, fragt man sich irgendwann, ob es das alles wert ist. Am Ende stellte sich heraus, dass wir mit unserer Einschätzung richtiglagen. Wir hatten die Situation auch fotografisch dokumentiert. Aber bis dahin hatte uns die Angelegenheit bereits einiges an Nerven gekost.
Wenn aus Gegenwehr plötzlich Schuld wird
Der Nachbarschaftsstreit ist dabei gar nicht der Punkt. Mich beschäftigt vielmehr, wie schnell ein Satz, den wir alle kennen, zum Druckmittel werden kann. Natürlich kann es klug sein, einen Streit nicht weiterzuführen. Doch das ist etwas anderes, als nachzugeben, weil jemand so lange Druck macht, bis man erschöpft ist. Dann geht es nicht mehr um Vernunft, sondern darum, wem die Verantwortung für den Konflikt zugeschoben wird.
Wenn nicht mehr das Argument zählt
Solche K.O.-Argumente begegnen uns nicht nur im Alltag. Auch in gesellschaftlichen und politischen Diskussionen werden Menschen schnell mit Etiketten versehen. Wer eine bestimmte Meinung zur Zuwanderung vertritt, gilt mitunter rasch als rechts. Wer bezweifelt, dass Stromsparen allein einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz leistet, muss sich womöglich anhören, er nehme der nächsten Generation die Zukunft. Wer während der Corona-Zeit gegen eine Impfung war oder staatliche Maßnahmen infrage stellte, wurde nicht selten als dumm, unsolidarisch oder verantwortungslos abgestempelt.
Ob eine Position überzeugt, ob sie einer Prüfung standhält oder ob man ihr widersprechen muss, darüber lässt sich sachlich streiten. Mir geht es hier nicht darum, welche Meinung richtig oder falsch ist. Mich interessiert, was passiert, wenn nicht mehr das Argument im Mittelpunkt steht, sondern die Bewertung des Menschen, der es äußert. Plötzlich muss man sich nicht mehr nur mit einer Gegenposition auseinandersetzen, sondern sich als Mensch rechtfertigen: Bin ich dumm? Egoistisch? Verantwortungslos? Stehe ich auf der falschen Seite?
Genau das kann eine Diskussion abwürgen. Wer möchte schon gern in eine Schublade gesteckt werden? Manchmal reicht die Angst davor, damit wir lieber schweigen oder unsere Meinung für uns behalten. Nicht, weil wir überzeugt wurden, sondern weil wir keine Lust mehr haben, uns zu verteidigen.
Brav sein, keinen Ärger machen
Wie empfänglich wir für solche Formulierungen sind, hat möglicherweise viel damit zu tun, was wir von klein auf gelernt haben. Sei brav. Mach keinen Ärger. Sei vernünftig. Pass dich an. Enttäusche andere nicht. Rücksicht zu nehmen und sich in eine Gemeinschaft einzufügen, ist nichts Schlechtes. Schwierig wird es, wenn wir daraus mitnehmen, es möglichst allen recht machen zu müssen. Wenn wir glauben, nur dann vernünftig zu sein, wenn wir nachgeben, und nur dann als gute Menschen zu gelten, wenn wir die Erwartungen anderer erfüllen.
Wie tief solche Mechanismen sitzen können, habe ich auch bei der Geburt meines Kindes erlebt. Damals ging es um die Frage, ob ich mich für einen Kaiserschnitt entscheiden oder noch abwarten sollte, ob die Wehen stärker werden. Der Arzt fragte sinngemäß: „Aber Sie wollen doch die Gesundheit Ihres Kindes nicht gefährden?“ Natürlich will eine Mutter das nicht. Wie soll man eine Entscheidung in Ruhe abwägen, wenn eine Möglichkeit plötzlich mit dem Risiko verknüpft wird, dem eigenen Kind zu schaden? Später sagte mir eine Hebamme, sie sei überzeugt, dass mein Kind auch auf natürlichem Weg zur Welt gekommen wäre. Was tatsächlich geschehen wäre, lässt sich im Nachhinein nicht wissen. Mir geht es auch nicht darum, die medizinische Entscheidung zu beurteilen. Ich erinnere mich aber daran, wie viel Druck in dieser Frage lag. Auch von anderen Frauen habe ich ähnliche Erlebnisse rund um Geburtsentscheidungen gehört.
K.O.-Argumente müssen dabei nicht immer bewusst eingesetzt werden. Manche Menschen hinterfragen die Wirkung ihrer Formulierungen gar nicht, andere nutzen sie gezielt, um ihr Gegenüber in eine bestimmte Richtung zu lenken. In beiden Fällen können Schuldgefühle, Scham oder Angst vor Ablehnung entstehen. Plötzlich geben wir nach, obwohl uns das Argument gar nicht überzeugt hat.
Vielleicht greifen solche Sätze auch deshalb so gut, weil wir sie längst verinnerlicht haben. Wir kennen sie aus der Familie, aus der Schule und aus dem Berufsleben. In öffentlichen Debatten geht es ebenfalls oft schnell darum, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht. Wer nicht als schwierig gelten will, hält sich zurück. Wer nicht als dumm abgestempelt werden möchte, sagt womöglich lieber nichts mehr.
Dabei sollten wir zweifeln, Fragen stellen und anderer Meinung sein dürfen, ohne dass daraus gleich ein Urteil über unseren Charakter wird. Menschen können sich irren, schlecht informiert sein oder ihre Meinung ändern. Das gilt für uns alle. Eine Position darf kritisiert und eine Behauptung widerlegt werden. Aber zwischen der Kritik an einer Meinung und der Abwertung eines Menschen liegt ein Unterschied.
Ich merke selbst, wie anstrengend es sein kann, sich dem Druck nicht zu beugen. Man kann noch so genau wissen, was gerade geschieht: Wenn andere einen für stur halten oder einem ein schlechtes Gewissen machen, geht das nicht spurlos an einem vorbei. Sich nicht lenken zu lassen, klingt leichter, als es ist. Es kostet Kraft, auszuhalten, dass andere einen falsch verstehen oder nicht gut finden, was man tut.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht lernen, grundsätzlich mehr zu widersprechen. Vielleicht sollten wir zunächst genauer hinsehen – gerade bei den Sätzen, die wir seit unserer Kindheit kennen. Überzeugt mich das Argument tatsächlich? Oder soll ich vor allem ein schlechtes Gewissen bekommen, mich schämen oder nachgeben, damit endlich Ruhe ist?
Ein Spruch mit einer überraschenden Fortsetzung
Eine Erkenntnis aus dieser Beschäftigung hat mich besonders überrascht. Ich bin auf ein Zitat der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach gestoßen, die von 1830 bis 1916 lebte und zu den bedeutenden Erzählerinnen und Aphoristinnen des 19. Jahrhunderts zählt. Sie hat den vermeintlich so weisen Spruch „Der Klügere gibt nach“ um einen entscheidenden Gedanken ergänzt:
„Der Klügere gibt nach – eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.“
Diesen vollständigen Satz kannte ich selbst bisher nicht. Ich werde künftig daran denken, wenn mir wieder jemand „Der Klügere gibt nach“ entgegenhält und ich nicht recht weiß, was ich darauf erwidern soll. Denn natürlich kann Nachgeben klug sein. Aber es ist nicht automatisch klug, immer demjenigen das Feld zu überlassen, der am hartnäckigsten Druck macht.
Ich glaube, es lohnt sich, bei manchen vermeintlichen Lebensweisheiten genauer hinzusehen. Gerade bei jenen, die wir seit unserer Kindheit kennen, so oft hören und deshalb viel zu selten hinterfragen.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


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