Oberwöhr / Rosenheim – Spundwände, Deiche, HQ100, HQ1000 und die Frage, wie viel neue Bebauung ein Stadtteil verträgt: Beim Hochwasserschutz in Rosenheim-Oberwöhr wird viel über technische Lösungen und Berechnungen gesprochen. Das ist wichtig und notwendig. Aber ich finde, es ist an der Zeit, das Thema auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: aus einer persönlichen. Denn wer mit einem Fluss aufgewachsen ist und erlebt hat, was Wasser anrichten kann, weiß: Hochwasser ist weit mehr als eine technische Frage.
Ich bin in Hofleiten am Inn aufgewachsen. Meine Vorfahren waren Flößer. Die Zeit, in der sie mit ihren Flößen unterwegs waren, lag schon lange zurück. Mein Großvater und mein Onkel fuhren aber gelegentlich noch mit einer kleinen Arbeitszille, einer sogenannten Mutze, auf den Inn hinaus, um bei Hochwasser Treibholz einzusammeln. Als Kind fand ich das aufregend. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit ihrem kleinen Boot auf dem Inn unterwegs waren, der Wellen warf, rauschte und gischte.
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Gleichzeitig habe ich die ernste Seite des Hochwassers erlebt. Ich erinnere mich daran, wie Familienmitglieder besorgt am Ufer und auf dem Damm standen und den Wasserstand beobachteten. Sie steckten Holzpflöcke in die Erde, um auch bei Dunkelheit erkennen zu können, ob das Wasser weiter stieg oder der Scheitelpunkt erreicht war. Es ging darum, rechtzeitig zu entscheiden, ob man noch Räume im unteren Bereich des Hauses räumen oder sich auf den Weg hinauf zum Schlossberg machen musste.
Ich selbst habe nie erlebt, dass der Inn über den Damm trat. Meine Vorfahren kannten das anders. Auf alten Fotos sind sie mit ihren Mutzen auf überfluteten Straßen zu sehen. Auf anderen Bildern reicht das Wasser bis an die unteren Fenster des Elternhauses. Mein Großvater sagte einmal: „Das Wasser gibt, aber es nimmt auch.“ Dieser Satz ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Er beschreibt sehr treffend, wie viel Respekt man vor der Kraft eines Flusses haben sollte.
Was ein Hochwasser wirklich hinterlässt
Auch die Flut im Juni 2013 ist mir noch sehr präsent. Nach tagelangem Regen richtete sich der Blick in Rosenheim zunächst vor allem auf die Mangfall. Doch auch in Oberwöhr spitzte sich die Lage zu. Verwandte riefen uns an und berichteten, dass sie wohl evakuiert werden müssten. Wir hofften, dass alles gut ausgehen würde. Das tat es nicht. Große Teile von Oberwöhr wurden überflutet.
Einige Tage später war ich als Journalistin dort unterwegs. Was ich sah, werde ich nicht vergessen. In den Häusern lag schwerer, modrig riechender Schlamm. Eine Frau versuchte zwischen den kläglichen Überresten ihres Hausrats noch etwas zu retten. Es ging ihr nicht um Möbel oder andere Dinge, die man ersetzen kann. Sie suchte nach Erinnerungsstücken, nach Fotos, nach Dingen, die mit ihrem Leben und ihrer Familie verbunden waren.
Etwa zehn Jahre später traf ich sie wieder. Ihr Haus war längst renoviert und neu eingerichtet. Doch als wir auf jene Hochwassernacht zu sprechen kamen, kamen ihr erneut die Tränen. Sie sagte damals zu mir: „Das schlimmste an einem Hochwasser ist eigentlich nicht der finanzielle Schaden. Das schlimmste ist die Auslöschung jeglicher Erinnerungsstücke, Fotos, wie meine Kinder noch klein waren, Hochzeitsgeschenk der längst verstorbenen Tante. Alles weg in dieser einen Nacht, unwiderbringlich zerstört. Da ist, als wäre damit auch ein großer Teil meines Lebens ausgelöscht worden.“
Diese Begegnung hat mir noch einmal deutlich gemacht, dass sich die Folgen eines Hochwassers nicht allein in Zahlen ausdrücken lassen. Häuser kann man renovieren, Möbel ersetzen. Aber Erinnerungen, Fotos und persönliche Dinge, die ein ganzes Leben begleitet haben, sind unwiederbringlich verloren.
Zuhören darf nicht zu spät kommen
Vielleicht verstehe ich deshalb besonders gut, warum viele Menschen in Oberwöhr dem Thema Hochwasserschutz mit großer Sorge begegnen. Bei dem jüngsten Informationsspaziergang mit Oberbürgermeister Abuzar Erdogan hatte ich allerdings den Eindruck, dass manche Einwände der Anwohner recht schnell abgehandelt wurden. Ich weiß, dass es in Oberwöhr seit Jahren Diskussionen gibt. Manche Gespräche mit Stadt und Behörden waren sicher nicht immer einfach, und wenn Sorgen immer wieder vorgetragen werden, kann der Ton mit der Zeit auch rauer werden. Das darf aber nicht dazu führen, dass man diese Sorgen irgendwann weniger ernst nimmt.
Ich möchte dabei nicht die Verbesserungen beim Hochwasserschutz seit 2013 infrage stellen. Im Gegenteil: Der Hochwasserschutz wurde seither tatsächlich deutlich verbessert. Das Wasserwirtschaftsamt hat erläutert, dass die Deiche auf ein HQ100 ausgelegt sind und die technischen Anforderungen darüber hinausgehen. Ich zweifle nicht an der fachlichen Arbeit. Aber ich weiß auch, dass es beim Hochwasserschutz keine absolute Sicherheit geben kann. Ein HQ100 ist zudem ein statistischer Bemessungswert und keine Garantie, dass ein solches Hochwasser tatsächlich nur einmal in hundert Jahren auftritt.
Es bleiben Fragen, die man nicht einfach mit technischen Zahlen beantworten kann. Ein Beispiel ist die Kainwiese an der Krainstraße. Nach dem Hochwasser 2013 habe ich als Journalistin selbst vor Ort gehört, wie der damalige Oberbürgermeister zusagte, dass diese Wiese unbebaut bleiben sollte. Sie sollte als freie Fläche erhalten werden. Heute entsteht dort ein neues Wohngebiet.
Natürlich kann man die Argumente der heutigen Stadtspitze nachvollziehen: Es wird Wohnraum gebraucht, und zugleich wurde der Hochwasserschutz verbessert. Aber damit sind die Fragen und Bedenken der Anwohner nicht automatisch beantwortet. Wenn der Oberbürgermeister sinngemäß darauf verweist, dass es für eine Diskussion über die Bebauung inzwischen zu spät sei, weil das Wohngebiet bereits weitgehend entstanden ist, hinterlässt das bei mir einen unguten Eindruck. Die Bebauung lässt sich natürlichkaum mehr rückgängig machen. Aber die Sorgen der Menschen verschwinden deshalb nicht. Und genau die darf man nicht einfach abtun.
Auch die Berichte von Anwohnern über Grundwasserprobleme und Wasser in Kellern nach stärkeren Regenfällen sollten nicht einfach beiseitegeschoben werden. Ob und in welchem Zusammenhang diese Beobachtungen mit Veränderungen vor Ort stehen, müssen Fachleute untersuchen. Aber dafür muss man die Fragen zunächst einmal aufnehmen und ihnen nachgehen.
Vertrauen entsteht nicht allein durch Berechnungen
Ich glaube, hier treffen zwei Perspektiven aufeinander, die beide ihren Platz haben müssen. Auf der einen Seite stehen die technischen Berechnungen, die baulichen Maßnahmen und die Einschätzungen der Fachleute. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die Hochwasser erlebt haben, die um ihr Zuhause und ihre Erinnerungen fürchten und die wissen, wie schnell sich ihr Leben von einer Stunde auf die andere verändern kann. Es sind Menschen, die das Wasser nicht nur aus Berechnungen und Karten kennen, sondern vor Ort leben und seine Wirkung unmittelbar erleben. Ihre Erfahrungen mit dem Wasser gehören deshalb ebenfalls zu dieser Diskussion.
Nicht jede Sorge muss sich am Ende als technisch begründet erweisen. Aber sie verdient es, ernst genommen und geprüft zu werden. Und manchmal muss man sich eben auch wiederholen, wenn die Angst noch da ist. Das mag für diejenigen, die sich auf Berechnungen und Fakten berufen, anstrengend sein. Aber eine Sorge verschwindet nicht dadurch, dass man ihr zum wiederholten Mal erklärt, warum die Zahlen für Sicherheit sprechen. Solange Menschen Angst haben, ist diese Angst eine Tatsache, mit der man sich auseinandersetzen muss.
Ich hoffe sehr, dass die Schutzmaßnahmen in Oberwöhr halten, was sie versprechen. Und ich hoffe, dass es dort nie wieder zu einer Katastrophe wie 2013 kommt. Denn ich möchte nicht irgendwann erneut als Journalistin durch überflutete Straßen gehen und Menschen begegnen, die versuchen, die Reste ihres Lebens aus Schlamm und Wasser zu retten.
Und ich möchte erst recht nie rückblickend schreiben müssen: Die Menschen hatten ihre Sorgen immer wieder angesprochen. Hätte man ihnen doch damals genauer zugehört.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


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