Morgen ist Halbzeit auf dem Rosenheimer Herbstfest. Am Sonntag steht mit dem Erntedankfest schon das nächste Wiesn-Highlight an. Eigentlich also genau die Zeit, in der Rosenheim mitten in seiner fünften Jahreszeit steckt. Und trotzdem habe ich in diesem Jahr immer wieder das Gefühl: Irgendetwas ist anders.
Ich habe lange überlegt, ob das vielleicht einfach an mir liegt. Schließlich bin ich inzwischen 57 und meine Erinnerungen an die Wiesn als Kind und später als Jugendliche liegen gut 40 Jahre zurück. Aber je mehr ich mich in meinem Umfeld umhöre, desto weniger glaube ich, dass es nur meine persönliche Nostalgie ist. Von vielen Menschen höre ich Ähnliches. Und das sind keineswegs nur die Älteren. Gerade auch von Jüngeren kommt immer wieder die Rückmeldung, dass sich das Herbstfest für sie verändert hat.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum zu sagen: Früher war alles besser. Das wäre mir zu einfach. Aber früher hatte die Wiesn in Rosenheim für mein Empfinden einen ganz anderen Stellenwert.
Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Vorfreude auf das Herbstfest enorm war. Nicht nur bei mir, sondern gefühlt in der ganzen Stadt. Wenn die Wiesn begann, war Rosenheim zehn Tage lang im Ausnahmezustand – im positiven Sinn. Die fünfte Jahreszeit war überall spürbar. Tracht gehörte plötzlich ganz selbstverständlich zum Stadtbild, und man traf Menschen aus allen möglichen Bereichen auf der Loretowiese.
Bier- und Hendlmarkerl wurden damals tatsächlich oft als alternatives Zahlungsmittel verwendet. Und man ging nicht einmal auf die Wiesn, sondern immer wieder. Ein kurzer Besuch nach der Arbeit? Natürlich. Mit Freunden ins Bierzelt? Sowieso. Mit der Familie über die Festwiese? Ebenfalls. Die Wiesn war weniger ein einzelnes Event, für das man sich einen Termin freihielt, sondern ein Teil des Alltags. Und heute?
Ich musste darüber in dieser Woche besonders nachdenken. Am Mittwochabend, nach dem Kindertag, war gegen 20.30 Uhr wunderschönes Wiesnwetter. Eigentlich beste Voraussetzungen. Umso erstaunter war ich, wie ruhig es auf dem Festgelände war. In einer großen Bierhochburg waren ungefähr die Hälfte der Plätze frei. Auch auf dem Gelände selbst wirkte es erstaunlich leer. Warum?
Ich glaube, ein wichtiger Punkt sind die Kosten. Man muss auf der Wiesn nämlich gar keinen ausschweifenden Abend verbringen, um mit einer vierköpfigen Familie schnell deutlich über 100 Euro zu landen. Ich habe das einmal ganz bewusst durchgerechnet.
Viermal Geisterbahn. Eine Maß Bier für den Vater, Limo für die Kinder und ein Wasser für die Mama. Zwei halbe Hendl. Zwei Portionen Pommes. Ein Schweinsbraten. Zuckerwatte. Ein kleines Päckchen Lose: Und dann noch eine Runde Riesenrad für zwei Erwachsene und zwei Kinder.
Das ist jetzt noch gar nicht so viel und dennoch komme ich bei meiner Überschlag-Rechnung so schon auf mindestens 130 Euro.
Und dabei fehlen noch weitere kleine Ausgaben und eventuell Parken oder die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Viel Geld für einen vermeintlich kleinen Familienausflug.
Aus dem spontanen Besuch wird ein geplanter Ausflug
Ich glaube deshalb, dass sich auch das Verhalten verändert. Wer früher mehrmals oder sogar fast täglich auf die Wiesn gegangen ist, überlegt sich heute vielleicht genauer, wann es sich lohnt.
Gerade Familien müssen rechnen. Und auch für junge Leute ist ein Wiesnbesuch eine andere finanzielle Entscheidung als früher. Wer studiert, am Anfang des Berufslebens steht oder einfach noch nicht viel Geld zur Verfügung hat, kann nicht mal eben jeden zweiten Abend auf die Wiesn gehen.
Dazu kommt der veränderte Alltag. Mit dem heutigen Berufsleben lässt sich das tägliche Wiesngeher-Dasein für viele ohnehin kaum noch vereinbaren. Morgens früh zur Arbeit und andere Verpflichtungen – die zehn Tage Herbstfest lassen sich nicht einfach so mehr über den normalen Alltag stellen.
Aus dem spontanen „Komm, wir gehen heute noch auf die Wiesn“ wird damit eher ein geplanter Besuch. Vielleicht einmal mit den Kindern, einmal mit Freunden und dann noch zum Erntedankfest. Das kann natürlich dazu führen, dass es unter der Woche ruhiger ist und sich die Besucher stärker auf bestimmte Tage konzentrieren.
Auch die Maß Bier scheint für viele Rosenheimer nicht mehr das absolute Muss zu sein, das sie vielleicht einmal war. Und wenn die Zelte voll sind, fühlt sich die Stimmung für mich manchmal eher nach Club-Party als nach klassischem Bierzelt an.
Und dann ist da noch die Tracht Auch beim Thema Tracht fällt mir die Veränderung auf. Als Kind und Jugendliche gehörte sie für mich während der Wiesnzeit ganz selbstverständlich zum Rosenheimer Stadtbild. Nicht nur auf der Loretowiese, sondern für zwei Wochen auch überall im Alltag.
Heute ist das anders. Selbst beim Festzug waren in diesem Jahr viele Menschen in ganz normaler Alltagskleidung unterwegs. Manche sogar in Jogginghosen. Das ist keine Wertung. Es zeigt einfach, dass sich die Wiesn und ihr Stellenwert verändert haben.
Und trotzdem möchte ich die Rosenheimer Wiesn keinesfalls schlechtreden. Denn wenn ich auf die Loretowiese schaue, sehe ich nach wie vor Kinder, die mit leuchtenden Augen vor den Fahrgeschäften stehen. Ich sehe Familien, die ihre eigenen Wiesntraditionen haben. Ich sehe ältere Rosenheimer, für die bestimmte Termine und Abläufe einfach dazugehören. Ich sehe Musik, Begegnungen, den Festzug, Erntedank und viele kleine Momente, die es eben nur während dieser zehn Tage gibt.
Und in diesem Jahr gibt es sogar für Nostalgiker wie mich einige ganz besondere Momente. Der Rotor ist zurück. Und bei einem anderen Fahrgeschäft musste ich sofort an den Taumler aus meiner Kindheit denken. Solche Augenblicke schaffen etwas, das ich sehr mag: Für einen Moment ist die Zeit plötzlich wieder ein bisschen aufgehoben. Man steht da, schaut zu und erinnert sich daran, wie sich die Wiesn vor gut 40 Jahren angefühlt hat.
Wie sieht die Wiesn der Zukunft aus?
Die Wiesn verändert sich. Das tut sie genauso wie Rosenheim und unser ganzes Leben. Die Frage ist deshalb vielleicht gar nicht, ob sie sich verändern darf. Sie tut es ohnehin. Die spannendere Frage ist, wie die Wiesn in Zukunft aussehen wird – und vor allem, wie sie sich anfühlen wird.
Vielleicht wird es noch wichtiger werden, dass ein Wiesnbesuch nicht zum Luxus wird. Vielleicht braucht es Angebote, bei denen auch Familien und junge Leute mit kleinerem Budget einfach einmal spontan auf die Loretowiese gehen können. Vielleicht wird gleichzeitig die Tradition wieder stärker zum Thema. Nicht als Rückkehr in die Vergangenheit, sondern als etwas, das der Wiesn ihre eigene Rosenheimer Identität gibt.
Denn genau das wünsche ich mir: eine Wiesn, die mit der Zeit geht, ohne dabei beliebig zu werden. Eine Wiesn, auf der Kinder auch in Zukunft mit großen Augen vor den Fahrgeschäften stehen, junge Leute ihre eigenen Wiesnerinnerungen sammeln und wir Älteren manchmal plötzlich vor einem Fahrgeschäft stehen und denken: Das kenne ich doch noch.
Morgen ist Halbzeit. Es gibt als noch reichlich Gelegenheit, die Wiesn zu erleben. Und vielleicht schaue ich in den nächsten Tagen einfach einmal ganz bewusst hin. Nicht nur darauf, was anders geworden ist. Sondern auch auf das, was geblieben ist.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


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