Rosenheim – Unsere fotografische Zeitreise geht heute zurück in das Jahr 1915. Das Bild zeigt eine Gruppe stolzer, sportlicher Männer des Männerturnvereins Rosenheim. Sie haben sich vor ihrem noch nicht fertiggestellten Vereinsheim versammelt und blicken selbstbewusst in die Kamera. Am Gebäude wird offenbar noch gearbeitet. Doch die Turner lassen sich davon nicht abhalten, sich schon einmal gemeinsam für die Nachwelt ablichten zu lassen.
Der Männerturnverein Rosenheim, kurz MTV, war bereits 1885 gegründet worden. Drei Jahrzehnte später hatte sich der Verein längst einen festen Platz im Rosenheimer Vereinsleben erarbeitet. Das eigene Vereinsgelände und die Möglichkeiten zum gemeinsamen Sporttreiben waren wichtige Treffpunkte für die Mitglieder.
Die Aufnahme entstand mitten im Ersten Weltkrieg. Während viele Bereiche des täglichen Lebens von den Kriegsjahren geprägt waren, zeigt das Foto eine Gemeinschaft, die ihren Verein und dessen Zukunft im Blick hatte. Wer die Männer auf dem Bild waren und welche Aufgaben sie beim MTV übernahmen, lässt sich anhand der Aufnahme allein allerdings nicht sagen.
Mit dem MTV ist auch eine weitere Rosenheimer Besonderheit verbunden: der Turnersteg über die Mangfall. 1913 hatten Mitglieder des Vereins Teile der alten eisernen Innbrücke verwendet, um einen Steg zu ihrem Sommerturnplatz in Oberwöhr zu bauen. Das Bauwerk wurde später zu einer wichtigen Verbindung zwischen Oberwöhr und der Endorfer Au – und ist bis heute vielen Rosenheimern als Wahrzeichen vertraut.
Das Foto aus dem Jahr 1915 hält damit nicht nur eine Gruppe Turner fest. Es erinnert auch an die Menschen, die mit ihrem Vereinsleben und ihrem Einsatz Spuren in der Rosenheimer Stadtgeschichte hinterlassen haben.
(Quelle: Beitragsbild: Archiv Herbert Borrmann / Artikel: Karin Wunsam)


Der Turnersteg stellt für die Oberwöhrer Fußgänger und Radfahrer die kürzeste Verbindung in die Innenstadt über den Brückenberg sowie zum Bahnhof dar. Dazu kommt die direkte Verbindung zwischen der ehemaligen Spanplattenfabrik Aicher (heute Gewerbepark Aicher) und der dazugehörigen Arbeitersiedlung in Oberwöhr (inzwischen abgerissen) als wichtiger Verkehrsweg für die dort beschäftigten Arbeiter. Die Verbindung zwischen Endorfer Au und Oberwöhr ist historisch gesehen von untergeordneter Bedeutung (zum Zeitpunkt der Errichtung bestand Oberwöhr aus einer Hand voll Häusern), zumal die Kirche St. Josef der Arbeiter erst viel später erbaut wurde. Die Kirchgänger der Endorfer Au haben den kurzen Weg über den Turnersteg nach Oberwöhr später gerne genommen.
Die von der Stadt Rosenheim favorisierte Verlagerung des Turnerstegs flussaufwärts würde die kurze, verkehrsberuhigte Verbindung nach Rosenheim insbesondere für Schüler verkomplizieren und unnötig verlängern.