Rosenheim – Heute gehört das Mittertor zu Rosenheim wie der Max-Josefs-Platz und der Ludwigsplatz. Kaum vorstellbar, dass das mittelalterliche Stadttor einmal als Verkehrshindernis galt und sogar sein Abriss im Raum stand. Unser historisches Foto aus dem Jahr 1972 zeigt das Mittertor – und damit ein Bauwerk in einem entscheidenden Jahr seiner Geschichte.
In den 1950er- und 1960er-Jahren war der Autoverkehr stark gewachsen. Das bekam auch das Mittertor zu spüren. Zwischen Max-Josefs-Platz und Ludwigsplatz zwängte sich der Verkehr durch den schmalen Torbogen. Autos und Omnibusse wurden immer mehr, das historische Bauwerk wurde zunehmend als Nadelöhr wahrgenommen.
Die Vorstellung einer „autogerechten Stadt“ machte auch vor Rosenheim nicht Halt. Ein breiterer Verkehrsfluss schien wichtiger als das alte Stadttor. Tatsächlich wurde deshalb ernsthaft darüber diskutiert, das Mittertor abzureißen.
1972 fiel die Entscheidung
Ausgerechnet das Jahr, in dem unser Foto entstand, brachte dann die Wende. Das historische Bewusstsein war gewachsen, gleichzeitig gab es Protest gegen den möglichen Abriss. Der Rosenheimer Stadtrat beschloss 1972 schließlich, das Mittertor dauerhaft zu erhalten.
Damit war das Tor gerettet. Der Verkehr sollte sich künftig dem historischen Stadtbild anpassen – und nicht umgekehrt.
Das war keine Selbstverständlichkeit. In dieser Zeit verschwanden auch in Rosenheim historische Gebäude, wenn sie modernen Bauvorhaben im Weg standen. Nur zwei Jahre später, 1974, wurde beispielsweise der alte Gillitzerblock für einen Kaufhaus-Neubau abgerissen.
Beim Mittertor kam es anders. In den folgenden Jahren wurde die Innenstadt zunehmend vom Durchgangsverkehr entlastet. 1984 war schließlich Schluss mit dem Autoverkehr durch das Mittertor: Die heutige Fußgängerzone wurde eröffnet.
Wenn man heute durch den Torbogen geht oder auf dem Max-Josefs-Platz sitzt, denkt man kaum darüber nach, dass an dieser Stelle auch eine breite Straße hätte entstehen können. Unser Foto aus dem Jahr 1972 zeigt deshalb nicht einfach nur ein altes Rosenheimer Stadttor. Es hält einen Moment fest, in dem sich entschied, dass dieses Stück Stadtgeschichte bleiben darf.
(Quelle: Beitragsbild: Archiv Herbert Borrmann / Artikel: Karin Wunsam)


0 Kommentare