Rosenheim – Manche Straßennamen erinnern an Könige, Künstler oder berühmte Politiker. Der Alfred-Berchtold-Weg erinnert an einen Mann, dessen Name heute nur noch wenigen bekannt ist – obwohl sein Lebensweg beispielhaft für Mut, Standhaftigkeit und den demokratischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg steht. In unserer Serie „Straßennamen in Rosenheim“ werfen wir jeden Donnerstag einen Blick auf die Geschichten hinter den Straßenschildern der Stadt.
Wer heute durch den Rosenheimer Stadtteil Westerndorf St. Peter fährt, wird den Alfred-Berchtold-Weg vielleicht kaum bewusst wahrnehmen. Dabei verbirgt sich hinter dem Namen eine außergewöhnliche Persönlichkeit, deren Lebensweg eng mit den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte verbunden ist.
Wegen seines Glaubens verfolgt
Alfred Berchtold wurde 1904 in Bayerisch Gmain geboren und entschied sich früh für den Priesterberuf. Gleichzeitig engagierte er sich in der katholischen Arbeiterbewegung und setzte sich für soziale Gerechtigkeit sowie die Rechte der Arbeitnehmer ein.
Seine christliche Überzeugung brachte ihn während der Zeit des Nationalsozialismus in Konflikt mit dem Regime. Am 2. Juli 1938 wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Später folgten die Konzentrationslager Buchenwald und erneut Dachau, wo er im sogenannten Pfarrerblock inhaftiert war. Erst am 26. April 1945 wurde er während eines Evakuierungsmarsches von amerikanischen Truppen befreit.
Seine Erlebnisse verarbeitete Berchtold später in Erinnerungsberichten. Sie zählen heute zu den wichtigen Zeitzeugnissen über die Verfolgung katholischer Geistlicher im Nationalsozialismus.
Neubeginn nach dem Krieg
Nach seiner Befreiung widmete sich Alfred Berchtold dem Wiederaufbau. Bereits 1945 übernahm er im Kloster Reisach bei Oberaudorf den Wiederaufbau einer Bildungsstätte der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Von dort aus entwickelte sich sein Wirken für die Erwachsenenbildung und den gesellschaftlichen Neuanfang in der Nachkriegszeit.
Später baute er das Katholische Sozialinstitut in Freising mit auf und leitete es über viele Jahre. Darüber hinaus gehörte er 1967 zu den Gründungsmitgliedern der Hanns-Seidel-Stiftung und war dort bis 1973 Vorstandsmitglied.
Warum ein Weg in Rosenheim?
Der Bezug zu Rosenheim ergibt sich aus seinem Wirken in der Region. Mit seiner Arbeit im Kloster Reisach prägte Alfred Berchtold den gesellschaftlichen Wiederaufbau im südöstlichen Oberbayern nachhaltig. Die Stadt Rosenheim würdigte dieses Engagement mit der Benennung des Alfred-Berchtold-Wegs im Stadtteil Westerndorf St. Peter.
Eine Besonderheit: Nach heutigem Kenntnisstand handelt es sich um die einzige Straße in Deutschland, die seinen Namen trägt.
Ein stilles Zeichen der Erinnerung
Der Alfred-Berchtold-Weg erinnert an einen Menschen, der trotz Verfolgung an seinen Überzeugungen festhielt und sich nach dem Ende der NS-Diktatur für Bildung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzte.
Gerade weil sein Name heute vielen unbekannt ist, erfüllt der Straßenname seinen Zweck: Er bewahrt die Erinnerung an einen Mann, dessen Lebensgeschichte zeigt, wie wichtig Mut und Haltung in schwierigen Zeiten sein können – und dass Zivilcourage oft im Stillen beginnt.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Symbolfoto: ai generiert)


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