Rosenheim – Wer heute durch die Straße Am Esbaum in Rosenheim geht, ist mitten in der Stadt. Doch der Name erzählt von einer Zeit, in der hier noch keine Häuserzeilen standen und das Gebiet vor den Toren Rosenheims lag. Statt Verkehr und Stadtleben prägten damals Weidetiere das Bild. Und weil die Wiese nicht eingezäunt war, wurden Pferde und Rinder auf eine Weise am Weglaufen gehindert, die aus heutiger Sicht alles andere als tierfreundlich erscheint.
Ein Name, der in die Irre führt
Bei „Esbaum“ denkt man schnell an einen Baum – vielleicht sogar an eine Esche. Doch die Geschichte des Rosenheimer Straßennamens führt in eine ganz andere Richtung. Das Stadtarchiv erklärt, dass der Esbaum ursprünglich die Bezeichnung für einen gemeindeeigenen Weideplatz war. Auch das historische Wort „Espan“ bezeichnete Weideland, das der Gemeinde gehörte. Die Begriffe stehen damit in einem sprachgeschichtlichen Zusammenhang; wie genau sich die heutige Schreibweise „Esbaum“ entwickelt hat, lässt sich aus den verfügbaren Quellen jedoch nicht eindeutig erklären.
Solche Flächen waren für die damalige Landwirtschaft wichtig. Das Vieh konnte dort gemeinsam grasen, allerdings fehlte ein Zaun, der die Tiere auf dem Gelände hielt. Deshalb wurden sie „gespannt“: Den Pferden band man die Vorderbeine zusammen, bei Rindern wurden der Kopf und ein Vorderbein miteinander verbunden. So sollte verhindert werden, dass die Tiere davonliefen.
Was heute befremdlich wirkt, gehörte damals zur Nutzung solcher Weideflächen. Der Name Esbaum bezeichnete also ursprünglich keinen einzelnen Baum, sondern einen Ort mit einer ganz praktischen Funktion. Aus der Bezeichnung für den Weideplatz entwickelte sich schließlich auch der Name der dort entstandenen Siedlung.
Vom Dorf zur Rosenheimer Straße
Der Ort Esbaum lag vor dem früheren Münchener Tor und gehörte zur Gemeinde Roßacker. Wer sich das heutige Stadtgebiet vor Augen hält, kann sich damit eine Zeit vorstellen, in der die spätere Innenstadt an dieser Stelle noch in eine ländlich geprägte Umgebung überging.
1837 wurde Roßacker mit dem dazugehörigen Esbaum in den Markt Rosenheim eingemeindet. Der Name blieb erhalten: Am 1. Mai 1903 erhielt die ehemalige Hauptstraße des Ortes offiziell die Bezeichnung „Am Esbaum“.
Ein Jahr später veränderte sich die Straße auch auf dem Papier. Ein Teil der alten Kellerstraße, die von der Samerstraße zur Münchener Straße führte, wurde in Am Esbaum aufgenommen. Der andere Teil ging in der Herzog-Otto-Straße auf.
Wie sich dieser Wandel im Alltag auswirkte, zeigt die Geschichte eines Hauses mit der späteren Adresse Am Esbaum 13. Dort lebte der Schreinermeister Georg Six. Seine Adresse lautete zunächst Kellerstraße und änderte sich mit der Neuordnung der Straßennamen. Six meldete 1880 sein Schreinergewerbe beim Magistrat an. Zehn Jahre später kam eine kleine Krämerei hinzu. Die Schreinerei befand sich im hinteren Teil des Hauses – Wohnen, Handwerk und ein kleines Geschäft gehörten hier also zusammen.
Das Gebäude stand noch bis 1975. Dann wurde es abgerissen und durch einen dreigeschossigen Neubau ersetzt. Im Zuge dieser Baumaßnahme entstand auch ein neues Verkehrskonzept für Am Esbaum: mit Einbahnstraßen und einer platzartigen Erweiterung zur Herzog-Otto-Straße.
Ein Name mit langer Geschichte
.Heute ist Am Esbaum Teil der Rosenheimer Innenstadt. Vom früheren Weideplatz ist im Straßennamen vor allem die Erinnerung geblieben. Gerade das macht ihn spannend: Hinter einem Namen, der zunächst an einen Baum denken lässt, verbirgt sich ein Stück Alltagsgeschichte aus dem ländlichen Rosenheim
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Symbolfoto re)


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