Oberwöhr / Rosenheim – Für viele Bewohner des Rosenheimer Stadtteils Oberwöhr ist er weit mehr als eine Brücke über die Mangfall: Der Turnersteg ist ein Wahrzeichen ihres Stadtteils und für viele ein Stück Heimat. Seit Generationen gehört er zum vertrauten Ortsbild. Doch das Bauwerk ist marode und soll durch einen Neubau ersetzt werden. Der soll nach den bisherigen Überlegungen allerdings nicht mehr am bisherigen Standort entstehen. Das sorgt bei vielen Bewohnern für Gesprächsstoff. Bei einem Spaziergang mit Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan wurde nun deutlich, wie unterschiedlich die Vorstellungen von der Zukunft des Turnerstegs sind.
Der Turnersteg in Oberwöhr ist baulich in einem schlechten Zustand und muss darum in absehbarer Zeit erneuert – aber wohl an einem anderen Standort als bisher. Fotos: Josefa Staudhammer
Rund 70 Interessierte waren der Einladung des Stadtoberhaupts gefolgt. Erdogan hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, regelmäßig zu solchen Begegnungen mit Bürgern einzuladen. Bei dem Spaziergang in Oberwöhr ging es darum, Fragen zu beantworten, Planungen zu erläutern und die Anliegen der Anwohner aufzunehmen. Begleitet wurde der Oberbürgermeister von Vertretern der Stadtverwaltung und des Wasserwirtschaftsamts.
Ein Steg mit ungewöhnlicher Geschichte
Die Geschichte des Turnerstegs reicht bis ins Jahr 1913 zurück. Damals wurde die alte eiserne Innbrücke abgebrochen. Mitglieder des Männerturnvereins von 1885 nutzten Teile dieser Brücke, um daraus einen eigenen Steg über die Mangfall zu errichten. Er sollte ihnen den Zugang zu ihrem Sommerturnplatz in Oberwöhr ermöglichen. So entstand eine Verbindung, die den Stadtteil bis heute prägt.
Die heutige Brücke ist allerdings nicht mehr die Konstruktion von damals. Der Überbau wurde 1989 komplett erneuert. Bei einer Bauwerksprüfung im Jahr 2010 waren Schäden an den Verbindungsmitteln der Holzteile und an den Aussteifungsrahmen aus Stahl festgestellt worden. Bereits 2016 stand deshalb eine größere Sanierung der markanten Fachwerkkonstruktion zur Diskussion.‘
Inzwischen gilt der Turnersteg als marode und baufällig. Bei der jährlichen Bauwerksprüfung im September 2025 erhielt er die Zustandsnote 3,4 auf einer Skala von 1 bis 4. Das zeigt, wie deutlich die Mängel inzwischen ins Gewicht fallen und dass Handlungsbedarf besteht.
Droht schon vor dem Neubau eine Sperrung?
Wie groß die Sorge um die Zukunft des Stegs ist, zeigte eine Frage aus dem Kreis der Anwohner: Könnte es passieren, dass der Turnersteg dauerhaft gesperrt werden muss, bevor ein Neubau fertig ist? Erdogan schloss das nicht aus. „Wenn das Tiefbauamt kommt und sagt, die Stabilität ist nicht mehr gegeben, dann muss die Brücke natürlich sofort gesperrt werden“, sagte der Oberbürgermeister.
Eine solche Sperrung würde für viele Menschen in Oberwöhr Umwege bedeuten. Der Turnersteg verbindet den Stadtteil mit der Endorfer Au und ist eine wichtige Fuß- und Radwegverbindung.
Ein neuer Standort sorgt für Diskussionen
So wie es derzeit aussieht, wird der neue Turnersteg nicht mehr an derselben Stelle entstehen. Im Gespräch ist eine Verschiebung um etwa 50 bis 100 Meter. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Aussicht auf Fördermittel. Die Stadt hofft, den Neubau über die Städtebauförderung der Regierung von Oberbayern bezuschussen lassen zu können. Nach Auskunft der Verwaltung ist die Förderfähigkeit dabei stark an den Standort gebunden. Würde die Brücke exakt an der bisherigen Stelle neu errichtet, wären keine entsprechenden Fördermittel zu erwarten. Außerdem müssten dort zusätzliche Privatgrundstücke erworben und alte Bäume gefällt werden.
Für einige Anwohner sind die möglichen 50 bis 100 Meter allerdings alles andere als eine Kleinigkeit. Eine Mutter schilderte beim Spaziergang, welche Folgen eine Verlegung für ihre Kinder haben könnte. Alle drei nutzen den Turnersteg als Schulweg. Ein zusätzlicher Umweg könne dazu führen, dass sie stattdessen die stark befahrene Mangfallstraße nehmen. „Kinder machen nicht gerne Umwege. Bedeutet, wenn sie dann 100 Meter weiter radeln müssen, um zu diesem Steg zu kommen, werden sie die stark frequentierte Mangfallstraße nutzen. Das halte ich für sehr gefährlich“, gab sie zu bedenken. Sie appellierte an den Oberbürgermeister, bei der Standortentscheidung auch die Sicherheit der Kinder im Blick zu behalten.
Eine Bewohnerin des neuen Wohngebiets direkt an der Mangfall sah die Sache ganz anders. Ihr Wohngebiet liegt etwa 100 Meter vom bisherigen Turnersteg entfernt. Eine Verschiebung in diese Richtung würde für sie und andere Bewohner die Verbindung verbessern. Für die Bedenken der Mutter hatte sie deshalb wenig Verständnis: „Für uns ist die Lage doch genau umgekehrt. So kann man also nicht argumentieren“, entgegnete sie.
Was wird aus dem Badeplatz?
Nicht nur der Schulweg, auch ein beliebter Platz am Mangfallufer kam zur Sprache. Dort halten sich im Sommer viele Oberwöhrer auf, um sich zu sonnen oder in der Mangfall zu baden. Ein Anwohner befürchtete, dass ein neuer Standort den bisherigen Bade- und Aufenthaltsbereich verändern oder sogar verdrängen könnte.
Erdogan erklärte dazu, dass sich der Uferbereich durch die natürliche Veränderung des Flusslaufs ohnehin im Laufe der Jahre verschieben könne. Die neue Brücke solle über den Uferbereich hinwegführen und nicht unmittelbar in ihn eingreifen. Auch unter dem Steg werde man sich weiterhin aufhalten können, allerdings teilweise im Schatten.
Holz, Dach und ein ansprechendes Erscheinungsbild
Dass der Turnersteg auch nach einem Neubau seinen besonderen Charakter behalten soll, war ebenfalls ein Anliegen beim Spaziergang. Mehrere Anwohner wünschten sich wieder eine Holzbrücke mit einem Dach, wie es für das bisherige Bauwerk charakteristisch ist. Der neue Steg solle schließlich nicht nur eine funktionale Verbindung sein, sondern auch optisch etwas hermachen.
Erdogan signalisierte, dass einer ansprechenden Gestaltung nichts entgegenstehe. Ein gutes äußeres Erscheinungsbild spiele bei der Vergabe von Fördermitteln grundsätzlich ebenfalls eine Rolle. Wie die neue Brücke einmal aussehen wird, ist damit noch nicht entschieden. Neben der Gestaltung wird auch die Länge ein Thema sein: An einem möglichen neuen Standort ist die Mangfall deutlich breiter als am bisherigen. Während der bestehende Turnersteg etwa 50 Meter lang ist, müsste ein Neubau dort entsprechend länger ausfallen. Einige Anwohner befürchten deshalb einen höheren Material- und Bauaufwand.
Die Oberwöhrer wollen frühzeitig informiert werden
Noch ist das Vorhaben weit von einer endgültigen Entscheidung entfernt. Wie Erdogan beim Spaziergang erläuterte, befindet es sich in einer frühen Vorphase. Ein Ingenieurbüro hat bisher verschiedene Standorte geprüft und Konzeptvorschläge für eine mögliche Verlegung erarbeitet. Welche Variante weiterverfolgt wird, ist offen.
Für die Anwohner ist deshalb wichtig, bei den nächsten Schritten einbezogen zu werden. Ein Bewohner forderte, die Oberwöhrer frühzeitig und transparent über die weiteren Planungen und die Standortüberlegungen zu informieren. Sie wollten schließlich nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Bis ein neuer Turnersteg gebaut werden kann, dürften noch einige Jahre vergehen. Entscheidend ist deshalb zunächst, ob das alte Bauwerk bis dahin standsicher bleibt. Wo die neue Brücke schließlich verlaufen und wie sie aussehen wird, ist dagegen noch offen.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild, Fotos: Josefa Staudhammer)



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