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Innpuls-Tagebuch-Hinter den Schlagzeilen: Warum wir so oft schweigen

Karin Portrait-Foto. Flotomontage mit Hintergrund.

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

19. Juni 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

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Rosenheim – Manchmal sind es nicht die großen politischen Debatten, die einen zum Nachdenken bringen, sondern eine ganz alltägliche Situation. Eine, die mich in dieser Woche zunächst geärgert hat und seitdem nicht mehr loslässt, weil ich glaube, dass in ihr erstaunlich viel von dem steckt, was wir auch in unserer Gesellschaft erleben.

Es sollte eigentlich ein Abend zum Abschalten werden, ein fester Termin in meiner Woche, einer dieser seltenen Momente, in denen das Handy schweigt, die Nachrichten Pause haben und für anderthalb Stunden einmal nicht die Probleme anderer Menschen im Mittelpunkt stehen.

Als ich ankam, standen die großen Türen zum Garten weit offen, die Vögel zwitscherten, die Sonne ging langsam unter und ein leichter Luftzug zog durch den Raum – es war einer dieser Sommerabende, an denen man sofort ein Stück weit herunterfährt.

Als plötzlich niemand mehr etwas sagte

Dann äußerte eine Teilnehmerin den Wunsch, die Türen zu schließen, ihr sei kalt. Die Kursleiterin kam diesem Wunsch nach, die Türen gingen zu – und plötzlich saßen wir in einem warmen Raum, der sich mit jeder Minute weiter aufheizte.

Ich schaute mich um und merkte schnell, dass ich nicht allein war: Einige wirkten unzufrieden, andere verdrehten kurz die Augen oder fächelten sich Luft zu. Doch niemand sagte etwas. Ich auch nicht.

Die Frau, die fror, war am Ende nicht die Person, über die ich mich am meisten geärgert habe. Geärgert habe ich mich über mich selbst, weil ich geschwiegen habe.

Denn die Teilnehmerin hatte lediglich ausgesprochen, was sie empfand – ich hatte es nicht getan. Und genau darin steckt der eigentliche Kern dieser Geschichte.

Warum ich geschwiegen habe? Vielleicht, weil ich niemanden vor den Kopf stoßen wollte, vielleicht, weil ich nicht als schwierig gelten wollte, vielleicht auch, weil ich gehofft habe, dass schon jemand anderes etwas sagen würde – oder einfach, weil Schweigen in solchen Momenten oft leichter ist als eine mögliche Diskussion.

Lautstärke ist nicht dasselbe wie Mehrheit

Erst später, auf dem Heimweg, ist mir aufgefallen, wie vertraut mir dieses Muster eigentlich ist – nicht nur in solchen kleinen Alltagssituationen, sondern auch in dem, was ich beruflich erlebe.

Denn oft entsteht der Eindruck, eine bestimmte Meinung sei überwältigend dominant, eine Position gebe den Ton an und alle anderen würden zustimmen. Doch manchmal ist das nur eine Illusion, denn Schweigen bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Vielleicht denken viele Menschen etwas anderes, vielleicht haben sie Zweifel, vielleicht wünschen sie sich einen Kompromiss – sie sprechen es nur nicht aus.

Als Journalistin begegne ich diesem Phänomen immer wieder: In Kommentarspalten sind es oft die lautesten Stimmen, die am meisten sichtbar sind, in politischen Debatten entsteht schnell der Eindruck, bestimmte Positionen seien unumstritten, und nicht selten erfährt man erst im persönlichen Gespräch, was Menschen tatsächlich denken.

Lautstärke ist nicht dasselbe wie Mehrheit.

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich mich gefragt, ob wir nicht zu viel über die Lauten sprechen und zu wenig über die Leisen.

Natürlich braucht eine Demokratie Menschen, die ihre Meinung äußern, aber sie lebt genauso davon, dass andere den Mut haben, ihre Sicht einzubringen – respektvoll, sachlich und ohne Beschimpfungen.

Denn wenn immer nur wenige sprechen und viele schweigen, entsteht schnell ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Dann wächst Frust im Verborgenen, dann wird weniger miteinander gesprochen als vielmehr hinterher übereinander, und dann ziehen sich Menschen aus Diskussionen zurück, weil sie glauben, ihre Stimme spiele ohnehin keine Rolle.

Das kann auf Dauer nicht gut sein

Rückblickend hätte ich an diesem Abend keinen Streit anfangen müssen. Ein einziger Satz hätte gereicht: „Mir ist ehrlich gesagt ziemlich warm. Können wir vielleicht einen Mittelweg finden?“

Vielleicht wäre alles genauso geblieben. Vielleicht auch nicht. Aber ich hätte ausgesprochen, was ich empfunden habe.

Und genau das nehme ich aus dieser Woche mit: Demokratie beginnt vielleicht nicht erst im Parlament, im Rathaus oder in einer Talkshow. Vielleicht beginnt sie viel früher – in den kleinen Situationen des Alltags, dort, wo unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen und Menschen miteinander reden, statt übereinander.

Und manchmal sogar an einem Ort, an dem man eigentlich nur zur Ruhe kommen wollte.

Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin

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