Fürstätt / Rosenheim – Unsere fotografische Zeitreise geht heute zurück in das Jahr 1936. Auf der historischen Aufnahme sehen wir den Rosenheimer Stadtteil Fürstätt, aufgenommen vom Waisenhaus an der Schönen Aussicht aus.
Das Waisenhaus wurde erst wenige Jahre zuvor, in den Jahren 1934 bis 1935, errichtet. Der Neubau war das Ergebnis einer langen Vorgeschichte der Rosenheimer Waisenstiftung. Diese Stiftung war bereits 1895 gegründet worden, verlor jedoch in den Wirren der Hyperinflation der 1920er Jahre ihr gesamtes Vermögen. Erst durch neue Spenden sowie Einnahmen aus dem städtischen Glückshafen konnte der Bau schließlich für rund 230.000 Reichsmark realisiert werden. Das Haus bot Platz für etwa 50 bis 60 Kinder und trug an seiner Südseite ein großes Fresko mit dem Spruch „Gemeinnutz vor Eigennutz“.
Ein Gebäude mit wechselvoller Geschichte
Die Nutzung des Hauses sollte sich nur wenige Jahre nach der Aufnahme des Fotos deutlich verändern. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es zunächst als Müttererholungsheim genutzt, ab 1940 dann als Wehrmachts-Reservelazarett. Zum Schutz vor Luftangriffen erhielt das Gebäude einen Tarnanstrich. Nach dem Krieg nutzte die US-Militärregierung das Haus als Lazarett für sogenannte „Displaced Persons“.
1950 wurde das Gebäude schließlich instand gesetzt und seiner ursprünglichen Bestimmung wieder zugeführt. Heute befindet sich dort das Kinderheim „Schöne Aussicht“ der Stiftung St. Zeno.
Der Standort auf dem Dachsberg über Fürstätt verdankt seinen Namen dem weiten Ausblick, der von den Reichenhaller Bergen bis zu den Schlierseer Bergen reicht. Für viele Rosenheimer Familien war der Weg hinauf zur Schönen Aussicht ein beliebtes Ausflugsziel. Damals befand sich dort noch eine hölzerne Sommerturnhalle des TSV 1860 Rosenheim, die 1938 einem neuen Sportheim mit Gaststätte wich.
Fürstätt zwischen Dorfgeschichte und Wachstum
Der Blick von 1936 zeigt zudem ein Fürstätt im Wandel. Im Vordergrund waren landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie erste Häuser an der heutigen Meraner- und Salurner Straße zu erkennen. Dahinter wuchs der Stadtteil bereits mit den Arbeitersiedlungen im Küpferling zusammen.
Fürstätt selbst blickt auf eine deutlich ältere Geschichte zurück als die Kernstadt Rosenheim. Archäologische Funde reichen bis zu 6.000 Jahre zurück, der Ort wurde bereits im 10. Jahrhundert als „Veresteti“ erwähnt. Über Jahrhunderte blieb er ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, eng verbunden mit den Klöstern Tegernsee und Rott.
Einen tiefgreifenden Wandel brachte der Eisenbahn-Boom ab den 1850er Jahren. Fürstätt wuchs, Gewerbebetriebe siedelten sich an, darunter auch Holzverarbeitung und die Parkettbodenfabrik Wiesböck. 1913 wurde der Ort schließlich nach Rosenheim eingemeindet.
Zur Zeit der Aufnahme im Jahr 1936 befand sich Fürstätt damit mitten in einer Phase des Übergangs – zwischen dörflicher Prägung und wachsender Stadtnähe.
(Quelle: Beitragsbild: Archiv Herbert Borrmann / Bildtext: Karin Wunsam)


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