Rosenheim – Wenn bei Bauprojekten Erdmaterial anfällt, landet es häufig auf nahegelegenen Feldern. Was zunächst praktisch erscheint, kann nach Einschätzung von Bernhard Baron Boneberg Auswirkungen auf den Wasserabfluss in der Landschaft haben. In diesem Gastbeitrag beschäftigt er sich mit der schleichenden Veränderung unserer Kulturlandschaft durch Bodenauffüllungen und erklärt, warum sich daraus seiner Ansicht nach bei stärkeren Regenfällen Probleme ergeben können.
Über den Autor
Bernhard Baron Boneberg engagiert sich seit über 45 Jahren in Vereinen und Verbänden für den Natur- und Tierschutz. Er ist Mitglied des Rosenheimer Stadtrats und schreibt als Gastautor für Innpuls.me über ökologische Themen aus seiner persönlichen Perspektive.
Es gibt eine Redensart, die das Phänomen treffend zusammenfasst: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht. In der Agrar- und Baupraxis hat sich über die Jahre eine Gewohnheit etabliert, die auf den ersten Blick pragmatisch und nützlich wirkt.
Wenn bei Bauprojekten, Straßenerschließungen, beim Bau neuer Supermärkte oder ähnlichen Vorhaben Erdmaterial abgetragen wird, wandert dieser Aushub meist auf naheliegende Felder. Für Bauunternehmen ist das eine kostengünstige Möglichkeit, das Material unterzubringen, für Landwirte eine einfache Möglichkeit, Senken auszugleichen, Flächen anzugleichen und Mutterboden aufzubringen.
Was als harmlose Geländeanpassung beginnt, entwickelt sich jedoch schleichend zu einem handfesten Problem. Durch das ständige Ausbringen von Erdaushub hat sich das Relief unserer Kulturlandschaft unmerklich, aber grundlegend verändert – mit möglicherweise nicht durchdachten Folgen bei stärkeren Regenereignissen.
Wenn sich die Höhenverhältnisse umkehren
Um das Ausmaß dieser Entwicklung zu verstehen, hilft ein Blick auf die ursprüngliche Topografie. Früher lagen Straßen meist etwa 30 bis 50 Zentimeter höher als die umliegenden Wiesen und Ackerflächen. Regnete es auf die Fahrbahn, lief das Niederschlagswasser naturgemäß zu den Seiten ab. Von dort gelangte es auf tiefer gelegene Felder mit gesundem Boden, wo es sich großflächig verteilen und versickern konnte.
Doch während Straßen und Straßenbeläge über die Jahrzehnte weitgehend auf demselben Niveau verblieben, wuchsen die Ackerflächen ringsherum immer wieder an. Schicht für Schicht wurde Erdaushub auf den Feldern verteilt, sodass diese heute stellenweise 30 bis 50 Zentimeter über das Niveau der angrenzenden Straßen hinausragen.
Aus den einstigen Senken sind künstliche Anhöhen geworden. Dadurch hat sich die ursprüngliche Entwässerungsrichtung teilweise komplett umgekehrt. Besonders auffällig ist das beispielsweise im Süden des Rosenheimer Stadtgebiets in der Nähe der Seen.
Warum der Boden das Wasser nicht mehr schnell genug aufnimmt
Dass die höher gelegenen Felder das Regenwasser bei stärkeren Regenfällen nicht einfach aufnehmen, liegt auch an der Beschaffenheit des aufgetragenen Materials. Bei dem Aushub handelt es sich nicht nur um humusreichen Oberboden, sondern meist auch anteilig um dichter gepackten Unterboden.
Durch den Einsatz schwerer Maschinen beim Abtransport und Planieren wird dieses Material zusätzlich verdichtet. Ihm fehlt möglicherweise die natürliche Schwammfunktion mit tief reichenden Wurzelkanälen und Regenwurmgängen, die für eine rasche Versickerung wichtig ist.
Fällt nun ein typischer Sommeregen, kann der verdichtete Boden die Wassermassen nicht schnell genug aufnehmen. Die oberste Schicht vernässt rasch, und das Oberflächenwasser schießt vom erhöhten Feld hinab in Richtung der tiefer liegenden Stellen.
Wenn Straßen zu künstlichen Flussbetten werden
Die Straßen, die ursprünglich so gebaut wurden, dass sie das Wasser nach außen abgeben, werden allmählich zum tiefsten Punkt der Umgebung und verwandeln sich bei Regen in künstliche Flussbetten.
Gleichzeitig spült das Wasser feines Sediment und Lehm vom Feld ab. Dieses Material kann Straßengräben und Abwasserschächte innerhalb kurzer Zeit verstopfen. Wenn das Wasser nicht mehr richtig abfließen kann, drückt es in angrenzende Grundstücke und gelegentlich auch in Keller und Garagen.
Diese Entwicklung zeigt eindringlich, wie leicht funktionierende Naturkreisläufe durch an sich gut gemeinte Eingriffe gestört werden können.
Was sich ändern muss
Ein nachhaltiger Umgang mit Wasser und Boden erfordert daher ein Umdenken. Die Aufschüttung an Feldgrenzen sollte nicht länger als reine Entsorgungsmaßnahme betrachtet werden, sondern immer auch im Kontext des regionalen Wasserabflusses beurteilt werden.
Wo Felder die Straßen bereits deutlich überragen, können Retentionsräume oder Pufferstreifen helfen, wilde Abflüsse zu stoppen. Zudem hilft eine strukturfördernde Bewirtschaftung der Böden, deren natürliche Saugfähigkeit wiederzuerhalten.
Das Wasser folgt stets der Schwerkraft. Und wenn die Straßen künstlich zum Tiefpunkt gemacht werden, fließen die Probleme automatisch dorthin.
Und zum Schluss noch Wissen für die Schlaubis unter uns
Für die Schlaubis unter uns INNPULS-Lesern noch ein Zusatz: Der geomorphologische Fachbegriff für eine vom Menschen (anthropogen) herbeigeführte Erhöhung des Landschaftsprofils heißt in Fachkreisen anthropogene Relieferhöhung.
(Quelle: Gastbeitrag: Bernhard Baron Boneberg / Beitragsbild: KI-generiertes Symbolbild, zur besseren Veranschaulichung der Thematik überzeichnet.)


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