Rosenheim – Morgen (29.8.2026) beginnt das Herbstfest. Fröhlich, bunt und hoffentlich unbeschwert. Doch hinter dem Festvergnügen steht inzwischen ein immer aufwendigeres Sicherheitskonzept. Taschenkontrollen, Betonbarrieren, Videoüberwachung, Polizei, Security – und in diesem Jahr erstmals auch die SafeNow-App. Alles soll uns schützen. Aber verändert die zunehmende Sicherheit vielleicht genau das, was ein Volksfest eigentlich ausmacht? Und wird aus dem offenen Volksfest irgendwann eine Art Freizeitpark – eine künstliche Erlebniswelt hinter Zäunen und Sicherheitskonzepten?
Ich merke jedenfalls, dass ich beim Thema Sicherheit auf Volksfesten zwiegespalten bin. Natürlich müssen Veranstalter versuchen, gefährliche Gegenstände vom Festgelände fernzuhalten. Und natürlich müssen Vorkehrungen getroffen werden, damit kein Fahrzeug in eine Menschenmenge fahren kann. Wir wissen leider, dass solche Szenarien keine abstrakte Vorstellung sind. Anschläge und schwere Gewalttaten haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, welche Folgen es haben kann, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen.
Auch dass Menschen auf einem Volksfest bedrängt, angegriffen oder Opfer von Gewalt werden können, ist leider keine theoretische Möglichkeit. Wenn deshalb Sicherheitskräfte vor Ort sind und Besucher im Notfall schnell Hilfe holen können, ist das richtig und wichtig.
Und trotzdem verändert all das etwas.
Wenn Betonbierkrüge plötzlich eine andere Bedeutung bekommen
Viele Besucher nehmen die Betonbierkrüge, die erstmals 2024 zum Einsatz kamen, inzwischen wohl einfach nur als Teil des Herbstfestbildes wahr. Nicht wenige sehen darin sogar ein originelles Fotomotiv. Ich kann sie allerdings nicht so ganz unbefangen betrachten. Denn ich weiß auch, warum sie dort stehen: Sie sollen verhindern, dass ein Fahrzeug auf das Festgelände rasen kann. Ein Gedanke, den man beim Betrachten eines überdimensionalen Bierkrugs eigentlich lieber verdrängt.
Nach den Betonbierkrügen kommen die Eingänge. Dort gibt es Stichprobenkontrollen von Taschen und Rucksäcken. Auch dafür habe ich größtes Verständnis. Trotzdem bleibt bei mir ein etwas mulmiges Gefühl, wenn ein fremder Mensch in meine Tasche schaut. Sie ist schließlich eine kleine persönliche Zone. Darin liegen Dinge, die andere Menschen normalerweise nichts angehen.
Der Kopf sagt: Diese Kontrolle ist vernünftig. Das Bauchgefühl sagt trotzdem: Schön ist das nicht.
Manche Menschen empfinden sichtbare Sicherheitsmaßnahmen vermutlich als beruhigend. Zäune, Polizei, Security und Kontrollen vermitteln ihnen das Gefühl: Hier wird aufgepasst, hier bin ich sicher.
Bei mir ist es eher umgekehrt. Je mehr Sicherheitsmaßnahmen ich wahrnehme, desto wachsamer werde ich. Ich schaue genauer hin, frage mich eher, ob irgendwo etwas auffällig ist, und denke damit plötzlich über Gefahren nach, über die ich vorher vielleicht gar nicht nachgedacht hätte.
Vielleicht gibt es bei diesem Thema tatsächlich zwei Arten, Sicherheit zu empfinden: Die einen fühlen sich sicherer, wenn sie sehen, dass kontrolliert und geschützt wird. Die anderen werden gerade dadurch daran erinnert, dass es offenbar etwas gibt, wovor man sich schützen muss. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe.
Die Sicherheitsmaßnahmen wachsen weiter
Auch in diesem Jahr kommt wieder etwas Neues dazu. Mit SafeNow können Besucher und Mitarbeiter erstmals auf dem gesamten Herbstfest per Knopfdruck die Security alarmieren. Der Standort wird dabei direkt an das Sicherheitspersonal übermittelt.
Ich finde die Idee grundsätzlich gut. Wenn sich jemand bedrängt fühlt oder eine Situation unangenehm wird, muss er nicht erst nach einem Sicherheitsmitarbeiter suchen. Vielleicht zeigt gerade diese neue Möglichkeit auch, wohin die Entwicklung geht: Sicherheit soll funktionieren, aber möglichst wenig auffallen. Gleichzeitig gehören Videoüberwachung, Wiesnwache, Taschenkontrollen, Besucherlenkung und die Sicherung der Eingänge inzwischen selbstverständlich zum Herbstfest.
Einzeln betrachtet ist jede dieser Maßnahmen nachvollziehbar. Zusammengenommen verändert sich dadurch aber das Bild des Festes.
Das Dilemma des Wirtschaftlichen Verbands
Dem Wirtschaftlichen Verband als Veranstalter kann man dabei keinen Vorwurf machen. Er steht vor einem schwierigen Spagat. Die Verantwortlichen müssen auf reale Gefahren reagieren, Sicherheitskonzepte vorlegen, Personal organisieren und immer neue Anforderungen erfüllen. Das kostet Geld.
Bei der Wiesn-Pressekonferenz im vergangenen Jahr wurde mitgeteilt, dass allein für Taschenkontrollen an den Eingängen und die Citykontrolle rund 100.000 Euro aufgewendet wurden. Für ein großes Fest wie das Herbstfest ist das viel Geld. Aber der Wirtschaftliche Verband hat zumindest die Strukturen, um solche Aufgaben zu stemmen.
Was passiert dagegen mit dem kleinen Vereinsfest?
Dort organisieren Menschen ein Fest neben ihrer eigentlichen Arbeit. Sie wollen gemeinsam feiern und eine Tradition weiterführen. Wenn dann professionelle Sicherheitskonzepte, Sicherheitskräfte, Absperrungen und zusätzliche Kosten dazukommen, wird irgendwann die Frage entscheidend, ob sich das überhaupt noch leisten lässt.
In der Region Rosenheim sind bereits kleinere Feste weggefallen, weil die Anforderungen und Kosten für die Veranstalter nicht mehr zu stemmen waren. Und das finde ich viel bedenklicher als einen weiteren Betonbierkrug auf der Loretowiese.
Denn wenn Sicherheit dazu führt, dass kleine Feste verschwinden, verlieren wir Orte, an denen Gemeinschaft und Brauchtum tatsächlich gelebt werden.
Wenn aus Offenheit eine Festung wird
Vielleicht klingt es zunächst etwas übertrieben, von einem „Festungscharakter“ zu sprechen. Aber genau dieses Bild habe ich manchmal im Kopf.
Eine Festung steht für mich für Abwehr, Abgrenzung und Misstrauen. Ein Volksfest sollte eigentlich das Gegenteil sein: offen, lebendig und zugänglich. Man geht hin, mischt sich unter die Menschen und lässt sich ein bisschen treiben.
Wenn wir aber immer mehr Bereiche absichern, Eingänge kontrollieren, Besucherströme lenken und das Gelände überwachen, verändert sich dieses Gefühl.
Und irgendwann frage ich mich: Wird aus dem Volksfest eine Art Freizeitpark?
Nicht wegen der Fahrgeschäfte. Sondern weil wir eine künstliche Erlebniswelt schaffen, die man durch bestimmte Eingänge betritt, innerhalb klar definierter Grenzen erlebt und möglichst sicher wieder verlässt.
Vielleicht ist das tatsächlich die Zukunft: eine geschützte Erlebniswelt, in der die Sicherheitsmaßnahmen möglichst wenig sichtbar sind und trotzdem überall vorhanden.
Aber wollen wir das?
Tradition bewahren – und dabei verändern
Das ist für mich das Bittere an dieser Entwicklung.
Wir wollen unsere Traditionen bewahren und müssen sie dafür gleichzeitig verändern. Traditionelle Werte können in der heutigen Zeit offenbar nur noch um den Preis ihrer eigenen Veränderung geschützt werden.
Was macht ein Volksfest eigentlich aus? Für mich ist es nicht nur das Bierzelt, das Fahrgeschäft, die Tracht oder die Musik. Es ist auch dieses Gefühl, einfach hinzugehen, sich unter Menschen zu mischen und ein bisschen treiben zu lassen, ohne ständig darüber nachzudenken, was alles passieren könnte.
Vielleicht werden wir uns an die neue Realität gewöhnen. Vielleicht wird Sicherheit irgendwann genauso selbstverständlich zum Volksfest gehören wie das Riesenrad und die Blasmusik.
Vielleicht schafft es die Technik sogar, uns genau diese Unbeschwertheit zurückzugeben, indem sie im Hintergrund arbeitet, statt sie sichtbar zu prägen.
Morgen zieht der Festzug wieder zur Loretowiese. Fröhlich, bunt und hoffentlich unbeschwert.
Wie lange dieses Gefühl noch so selbstverständlich zum Herbstfest gehören wird, weiß niemand. Für den Wirtschaftlichen Verband wird es jedenfalls nicht leichter, die Balance zwischen Sicherheit, Bezahlbarkeit und dem Charakter des Festes zu halten.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen wird: Wie viel Sicherheit braucht ein Volksfest – und wie viel davon darf man spüren?
Denn es wäre paradox, wenn wir unsere Traditionen zwar erfolgreich schützen, sie dabei aber so verändern, dass sie irgendwann nicht mehr das sind, was wir eigentlich bewahren wollten.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


Wen sollen diese Barrieren überhaupt abhalten und aus welchen Beweggründen?