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Kommentar: Es geht nicht um Rad gegen Auto – sondern um mobile Freiheit

Kommentar Fahrradstraße. Fotomontage Innpuls.me

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

11. August 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

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Rosenheim – 20 Prozent Radverkehrsanteil in Rosenheim. Ist das viel oder wenig?

Hier geht es zum Artikel:

Aus Sicht derjenigen, die sich seit Jahren für einen höheren Stellenwert des Fahrrads einsetzen, dürfte die Zahl erst einmal erfreulich sein. Immerhin wird damit rund jeder fünfte Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt. Nach der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland 2023“ liegt der Radverkehrsanteil in Bayern bei 11 Prozent. Die Zahlen sind wegen unterschiedlicher Erhebungen zwar nicht direkt miteinander vergleichbar, sie zeigen aber, dass Rosenheim beim Radverkehr bereits heute nicht bei null anfängt.

Gleichzeitig lohnt sich auch ein Blick auf die andere Seite der Zahl: Rund 80 Prozent der Wege werden nicht mit dem Fahrrad zurückgelegt. Sie werden zu Fuß, mit dem Auto oder mit anderen Verkehrsmitteln bewältigt. Das Fahrrad ist damit ein wichtiger Teil des Rosenheimer Verkehrs – aber eben nicht der mehrheitlich genutzte.

20 Prozent sind nicht wenig – aber auch nicht alles

Die Stadt will diesen Anteil weiter erhöhen. Bis 2032 soll er nach dem nun gefassten Beschluss auf 25 Prozent steigen. Dafür sollen Fahrradstraßen entstehen, Radwege ausgebaut, Piktogrammketten markiert und an geeigneten Stellen auch Tempo-30-Regelungen geprüft werden.
Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie diese zusätzliche Bedeutung des Fahrrads im bestehenden Verkehrssystem geschaffen werden soll – und was das für die anderen Verkehrsteilnehmer bedeutet.

Oberbürgermeister Abuzar Erdogan hat in der Sitzung betont, es gehe nicht um „Rad gegen Auto“. Er sei überzeugt, „dass beides miteinander funktioniert“.
Genau so muss es sein. Denn das Auto wird in Rosenheim und in der gesamten Region auch in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen. Rosenheim ist nicht nur eine Stadt, sondern auch Mittelpunkt einer ländlich geprägten Region. Viele Menschen kommen aus den umliegenden Gemeinden zum Arbeiten, Einkaufen, für Arztbesuche oder andere Erledigungen in die Stadt. Der öffentliche Nahverkehr kann längst nicht jede Verbindung so abdecken, dass das Auto für jeden eine gleichwertige Alternative wäre. Dazu kommen Pendler, Studenten, Familien, Handwerker, Lieferverkehr und viele andere, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf das Auto angewiesen sind.
Deshalb sollte die Diskussion nicht ideologisch geführt werden. Nicht nach dem Motto: Wer Fahrrad fährt, ist fortschrittlich – und wer Auto fährt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Aber auch nicht umgekehrt.

Was bedeutet mobile Freiheit?

Denn am Ende geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: mobile Freiheit. Für den einen bedeutet sie, morgens spontan ins Auto steigen zu können, die Kinder mitzunehmen, den Wocheneinkauf einzuladen und direkt am Ziel anzukommen. Für den anderen bedeutet sie, sicher mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren zu können, ohne sich zwischen Autos hindurchzwängen zu müssen. Der nächste fährt am liebsten Bus, weil er sich nicht um Parkplatzsuche und Verkehr kümmern möchte. Und wieder ein anderer geht möglichst viele Wege zu Fuß.

Es gibt dabei kein richtig oder falsch.

Ich selbst fahre an schönen Tagen sehr gerne mit dem Fahrrad in die Stadt. Die Wege sind in Rosenheim überschaubar, man kommt häufig schnell ans Ziel und muss keinen Parkplatz suchen. Wenn allerdings der große Einkauf für eine fünfköpfige Familie ansteht oder das Wetter schlecht ist, nehme auch ich selbstverständlich das Auto. Zu Fuß gehe ich ebenfalls gerne, wenn ich keine Besorgungen zu erledigen habe. Den Bus nutze ich persönlich dagegen eher selten, weil ich gerne spontan unterwegs bin.

Das ist meine persönliche Mischung. Bei anderen Menschen sieht sie wieder ganz anders aus. Und genau das ist der Punkt.

Der Planer sieht möglicherweise eine kurze Autofahrt und sagt: Dafür könnte man doch das Fahrrad nehmen. Der Handwerker sieht seine Werkzeuge im Fahrzeug. Die Mutter denkt an den Wocheneinkauf und die Kinder. Der Pendler aus dem Umland muss rechtzeitig zur Arbeit kommen. Der ältere Mensch möchte vielleicht möglichst nah an seinem Ziel parken. Und der Radfahrer möchte einfach sicher von A nach B kommen. Alle haben aus ihrer jeweiligen Lebenssituation heraus nachvollziehbare Argumente.

Der begrenzte Raum auf Rosenheims Straßen

Schwierig wird es dort, wo diese unterschiedlichen Lebensrealitäten auf denselben begrenzten Straßenraum treffen.
Ein breiterer Radweg braucht Platz. Eine Fahrradstraße verändert die Verkehrsführung. Wo neue Radverkehrsanlagen entstehen, können Parkplätze oder Fahrspuren wegfallen. Wo Radfahrer Vorrang bekommen, müssen Autofahrer unter Umständen warten. Eine Einbahnstraße kann für den einen die Verkehrsführung verbessern und für den anderen einen Umweg bedeuten.

Und genau hier darf man die Realität nicht aus den Augen verlieren.

Vier Meter breite Radwege hören sich in einem Verkehrskonzept vielleicht gut an. In Rosenheim kann man dafür aber nicht einfach Häuser verschieben oder Straßen verbreitern, wo dafür kein Platz vorhanden ist. Es wird also Kompromisse geben müssen.

Das gilt auch für die Interessen der Geschäfte. Wenn immer mehr Parkmöglichkeiten verschwinden oder die Erreichbarkeit mit dem Auto schwieriger wird, darf man nicht einfach behaupten, das spiele keine Rolle. Gerade der Handel in der Innenstadt steht ohnehin vor Herausforderungen. Auch diese Perspektive gehört in eine Verkehrsplanung.

Umgekehrt kann man aber ebenso wenig so tun, als brauche es keine Verbesserungen für den Radverkehr. Wenn Menschen auf dem Fahrrad an bestimmten Stellen unsicher unterwegs sind, sollte eine Stadt nach Lösungen suchen. Und wenn bereits 20 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, verdient dieser Verkehr auch eine entsprechende Berücksichtigung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht: Auto oder Fahrrad? Sie lautet: Wie schaffen wir es, dass möglichst viele Menschen in Rosenheim das Verkehrsmittel nutzen können, das für ihren jeweiligen Weg sinnvoll ist – ohne dass sich die jeweils anderen dadurch unnötig benachteiligt fühlen? Das ist wesentlich schwieriger, als einfach einen neuen Radweg zu bauen oder einen Parkplatz wegzunehmen.

Denn mittlerweile entsteht bei Verkehrsthemen leider immer häufiger der Eindruck eines Kampfes: Radfahrer gegen Autofahrer, Autofahrer gegen Radfahrer, Fußgänger gegen Radfahrer. Jeder pocht auf sein Recht.

Nur: Recht zu haben, hilft im Straßenverkehr manchmal herzlich wenig, wenn man dafür einen Unfall riskiert. Vielleicht wäre deshalb ein bisschen mehr Rücksicht der bessere Ansatz als der permanente Kampf um den eigenen Platz. Autofahrer müssen Radfahrer beachten. Radfahrer müssen ebenfalls darauf achten, was um sie herum passiert. Fußgänger gehören genauso zum Verkehrsgeschehen wie Busse, Lieferfahrzeuge und alle anderen.

Die Stadt kann mit ihrer Verkehrsplanung die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Sie kann sichere Radwege bauen, Verkehrsführungen verbessern und dafür sorgen, dass notwendige Verkehrsbeziehungen erhalten bleiben. Sie kann aber nicht jede individuelle Lebenssituation in ein perfektes Verkehrskonzept pressen.

Und vielleicht sollte genau das auch der Anspruch sein: keine Gewinner und keine Verlierer, sondern möglichst viel Wahlfreiheit.

Wer bei schönem Wetter radeln möchte, sollte das sicher tun können. Wer mit dem Auto in die Stadt muss oder möchte, sollte nicht unnötig daran gehindert werden. Wer zu Fuß geht oder den Bus nimmt, sollte ebenfalls vernünftig unterwegs sein können.

Rosenheim wird diesen Spagat nicht immer perfekt hinbekommen. Das hat Oberbürgermeister Erdogan selbst gesagt: „Die Ideallösung wird es nicht geben.“
Entscheidend wird deshalb sein, dass die Stadt bei jeder einzelnen Maßnahme genau hinschaut, abwägt und zuhört – und nicht aus dem Verkehrsgeschehen einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen macht.

Denn im Straßenverkehr müssen wir am Ende alle miteinander auskommen.
(Quelle: Kommentar Karin Wunsam / Beitragsbild: Fotomontage Innpuls.me)

1 Kommentar

  1. Liebe Karin Wunsam,

    gratuliere, ein richtig kluger, ausgewogener und qualifizierter Beitrag zur Verkehrssituation in unserer Stadt Rosenheim.

    Ich wünsche Dir und dem Beitrag ganz viele Leserinnen und Leser, dazu natürlich auch die Mitglieder des Rosenheimer Stadtrats.

    Werner Pichlmeier

    Antworten

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