Rosenheim – Die Esche gehört zu den beeindruckendsten heimischen Baumarten. Doch das Eschentriebsterben setzt den grünen Riesen seit Jahren zu. Bernhard Baron Boneberg beschäftigt sich in diesem Gastbeitrag mit der Bedeutung der Esche, den Gefahren durch Pilze und Schädlinge sowie den Möglichkeiten, die Baumart langfristig zu erhalten.
Über den Autor
Bernhard Baron Boneberg engagiert sich seit über 45 Jahren in Vereinen und Verbänden für den Natur- und Tierschutz. Er ist Mitglied des Rosenheimer Stadtrats und schreibt als Gastautor für Innpuls.me über ökologische Themen aus seiner persönlichen Perspektive.
Wer in diesem Sommer über die Friedhöfe in Rosenheim spaziert, blickt vielerorts in ein lichtes, fast schon durchlässiges Blätterdach. Wo noch vor wenigen Jahren gewaltige Baumkronen einen schützenden, fast sakralen Schatten warfen, sind heute Lücken entstanden.
Die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) prägt seit Generationen das Rosenheimer Friedhofsbild und viele andere Landschaften. Sie gehört zu den höchsten heimischen Laubbäumen Europas und kann Wuchshöhen von bis zu 40 Metern erreichen. Ihre imposante Gestalt verleiht Parkanlagen, Friedhöfen und Flussauen eine besondere Atmosphäre.
Doch die grünen Riesen geraten zunehmend unter Druck. Was als leises Sterben in Wäldern und Fluren begann, ist längst auch in unseren Städten angekommen. Die Esche steht vor ihrer größten Existenzkrise der Neuzeit.
Der Artikel zum Thema:
Das Drama des Eschentriebsterbens
Ursache für das weit verbreitete Siechtum ist ein winziger, aber hochaggressiver Organismus: das Falsche Weiße Stängelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus). Der aus Ostasien stammende Pilz wurde vermutlich in den 1990er-Jahren nach Europa eingeschleppt.
Während asiatische Eschenarten über lange Zeit Anpassungen an den Pilz entwickeln konnten, trifft der Erreger die europäischen Bestände weitgehend unvorbereitet. Die Sporen des Pilzes werden vom Wind verbreitet und infizieren die Blätter der Bäume. Von dort wächst der Pilz in die Triebe hinein und beeinträchtigt die Versorgung des Baumes mit Wasser und Nährstoffen.
Die Folgen sind sichtbar:
- Blätter welken und verfärben sich bereits während der Vegetationszeit.
- Junge Triebe sterben ab.
- Der Baum bildet teilweise sogenannte Wasserreiser, um den Verlust auszugleichen.
- im Fuß und Wurzelbereich siedeln sich Folgeschädlinge wie der Hallimasch – auch ein Pilz an, die das Holz zersetzen.
Dadurch kann die Stand- und Bruchsicherheit beeinträchtigt werden. Aus Sicherheitsgründen müssen Kommunen und Stadtgärtnereien – wie auch in Rosenheim – schweren Herzens zur Kettensäge greifen. Ein majestätischer, 40 Meter hoher Friedhofsbaum, der Jahrhunderte überdauern konnte, wird innerhalb weniger Jahre zur Gefahr für Passanten. Baum für Baum verschwindet so aus unserem vertrauten Stadtbild.
Hoffnung durch widerstandsfähige Bäume
Bedeutet das das endgültige Aus für die Esche? Nicht zwangsläufig. Forestalische Beobachtungen zeigen, dass etwa ein bis fünf Prozent der heimischen Eschen eine natürliche, erblich bedingte Widerstandskraft gegen den Pilz besitzen. Diese Bäume stehen oft mitten in schwer geschädigten Beständen und zeigen trotz hoher Sporenbelastung ein saftiges, grünes Blätterdach. Sie tragen die genetischen Antworten in sich, die das Überleben der Art sichern könnten.
Wissenschaftler und Forstexperten versuchen deshalb, diese widerstandsfähigen Exemplare zu sichern und zu vermehren. Ein Ansatz ist die vegetative Vermehrung durch Pfropfung. Dabei werden Triebe resistenter Bäume genutzt, um genetisch ähnliche Jungbäume zu erzeugen. Doch dieser Prozess ist extrem aufwendig, zeitintensiv und vor allem teuer. Bis aus einem erfolgreichen Klon ein samenseitig stabiler Bestand nachgezüchtet ist, vergehen Jahrzehnte – Zeit, die den geschwächten Altbäumen in unseren Städten und Wäldern schlichtweg nicht haben
Eine weitere Gefahr: der Asiatische Eschenprachtkäfer
Als wäre das Eschentriebsterben nicht bereits eine große Herausforderung, zeichnet sich eine weitere mögliche Bedrohung ab: der Asiatische Eschenprachtkäfer (Agrilus planipennis).
Der metallisch grün schimmernde Käfer stammt ebenfalls aus Ostasien und hat in Nordamerika bereits große Schäden verursacht. Seine Larven entwickeln sich unter der Rinde und unterbrechen dort die Versorgung des Baumes.
Nun arbeitet er sich von Osteuropa her unaufhaltsam nach Westen vor und hat in der Slowakai und in Ungarn bereits EU-Territorium ereicht. Während der Stängelbecherchen-Oiz die Bäume langsam schwächt, setzt der Prachtkäfer dem Bestand sehr rasant zu: Seine Larven fressen weitverzweigte Gänge direkt unter der Rinde und unterbrechen den Saftstrom des Baumes so gründlich, dass selbst kerngesunde, bis zu 40 Meter hohe Prachtexemplare innerhalb von ein bis drei Jahren komplett absterben.
Sollte der Schädling unsere Breiten flächendeckend erreichen, könnte er auf bereits durch den Pilz geschwächte Eschenbestände treffen. Für die Baumart wäre dies eine große zusätzliche Belastung.
Was tun: Abschied nehmen oder für die Zukunft pflanzen?
Die Esche wird nicht spurlos von der Erde verschwinden. Aber die Esche, wie wir sie kennen – als majestätischer, stadtbildprägender Gestalter von Alleen, Parkanlagen und Friedhöfen –, steht vor dem Aus.
Wir werden uns in den kommenden Jahren von vielen liebgewonnenen Anblicken in Rosenheim aber auch im ganzen Land verabschieden müssen. Doch Aufgeben ist keine Option. Es gilt jetzt, die verbleibenden resistenten Bäume rigoros zu schützen, die Züchtung toleranter Klone mit öffentlichen Mitteln zu fördern wo es nur geht und bei Neupflanzungen auf Vielfalt zu setzen.
Wenn Sie das nächste Mal unter einer der verbliebenen, 40 Meter hohen Rieseneschen stehen, halten Sie kurz inne. Blicken Sie auf in die Krone. Es könnte eine der letzten ihrer Art sein. Oder der Anfang einer neuen, widerstandsfähigeren Generation.(Gastbeitrag: Bernhard Baron Boneberg / Beitragsbild: Symbolfoto re)


Genau das selbe Schicksal hat vor einigen Jahrzehnten bereits unsere heimischen europäischen Ulmen getroffen:
Die natürlichen Bestände von Berg- und Feld-Ulme sind durch die Ulmenwelke (auch ein Pilzbefall mit einem Pilz aus Asien) in freier Natur faktisch ausgestorben.
Was man heute noch in Alleen oder Parks sieht, sind fast ausschließlich künstlich gezüchtete, resistente Klone oder Hybriden aber eben keine europäischen Ulmen im eigentlichen Sinn mehr.
Die Ulme hat ihren Platz als frei wachsender Riese in unseren Wäldern komplett verloren.
Wenn wir jetzt (!) bei den Eschen nicht gegensteuern und die letzten widerstandsfähigen Genotypen sichern, droht genau dasselbe Trauerspiel noch einmal.