Am Mittwoch mussten rund 1.500 Menschen in Rosenheim ihre Wohnungen verlassen. Grund war eine 250 Kilo schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei „Bauer in der Au“ gefunden worden war. Warn-App, Lautsprecherwagen, Bürgertelefon, Internet und soziale Medien sollten dabei helfen, die Betroffenen zu informieren. Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – wird es nicht unbedingt einfacher, dass die richtige Information auch bei jedem ankommt.
Genau das haben wir an diesem Nachmittag in der Redaktion erlebt. Bei uns meldeten sich Leser mit ganz konkreten Fragen: Bin ich vom Evakuierungsgebiet betroffen? Wo muss ich hin? Kann ich noch nach Hause? Was mache ich, wenn ich die Lautsprecherdurchsage gar nicht mitbekommen habe?
Bei manchen hatte die Warn-App nicht funktioniert, andere waren während der Durchsagen bei der Arbeit. Wir konnten nicht jede Frage sofort beantworten und mussten selbst bei der Stadt nachfragen. So konnten wir einigen Lesern schnell weiterhelfen – gleichzeitig wurde uns dabei sehr deutlich, wie schwierig es ist, in einer Ausnahmesituation wirklich jeden Menschen mit genau den Informationen zu erreichen, die er gerade braucht.
Wenn Informationen nicht automatisch ankommen
Denn Informationen können durchaus vorhanden sein und trotzdem nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Wer bei der Arbeit ist, hört einen Lautsprecherwagen nicht. Wer keine Warnung auf dem Handy bekommt, weiß möglicherweise gar nicht, dass sich vor der eigenen Haustür etwas abspielt. Und wer nicht genau weiß, wo die Grenze des Evakuierungsgebiets verläuft, hat trotz aller Informationen noch immer dieselbe Frage: Bin ich betroffen oder nicht?
Dabei möchte ich ausdrücklich nicht den Eindruck erwecken, bei der Bombenentschärfung sei etwas schiefgelaufen. Im Gegenteil: Die verschiedenen Möglichkeiten zur Information wurden genutzt, die Entschärfung verlief erfolgreich und um 19.30 Uhr gab es Entwarnung. Rund 1.500 Menschen konnten wieder nach Hause.
Aber solche Situationen sind jedes Mal anders. Selbst wenn vieles vorbereitet ist, lässt sich nicht jede Frage vorhersehen, die bei den Betroffenen entsteht. Und genau deshalb stellt sich für mich die Frage, wie es bei einer deutlich größeren oder unübersichtlicheren Lage wäre. Dann könnten die gewohnten Wege der Information möglicherweise an ihre Grenzen kommen.
Auch wir als Innpuls.me-Redaktion sind schließlich darauf angewiesen, dass das Internet funktioniert. Wir können schnell recherchieren, veröffentlichen, über soziale Medien informieren und mit unseren Lesern in Kontakt bleiben. Gerade bei der Bombenentschärfung hat sich aber auch gezeigt, welche zusätzliche Stärke darin steckt: Unsere Leser haben sich gegenseitig geholfen. Einer hat den Evakuierungsradius auf einer Stadtkarte sichtbar gemacht, andere haben geschildert, wie sie die Situation gerade erleben und was sie selbst unternehmen.
Das war für mich eine schöne Form digitaler Nachbarschaftshilfe. Gleichzeitig zeigt sich gerade in solchen Situationen, wie wichtig es ist, Informationen nicht einfach ungeprüft weiterzugeben. Eine Vermutung kann schnell zur vermeintlichen Tatsache werden und damit mehr Verwirrung schaffen, als sie beseitigt. Hilfreich ist deshalb vor allem das, was tatsächlich bekannt und verlässlich ist.
Wenn digitale Wege nicht mehr reichen
Was aber bleibt, wenn digitale Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen?
Dann gibt es keine Karte, die schnell in einer Facebook-Gruppe geteilt werden kann, keine WhatsApp-Nachricht und keine Warn-App. Dann könnte plötzlich wieder das wichtig werden, was im Alltag manchmal fast selbstverständlich verloren gegangen ist: der direkte Kontakt.
Der Nachbar, der nebenan klingelt. Menschen, die sich an einem Sammelpunkt gegenseitig erzählen, was sie wissen. Einer, der bei einem älteren Nachbarn nachschaut, ob er Hilfe braucht. Informationen, die nicht über einen Bildschirm weitergegeben werden, sondern von Mensch zu Mensch.
Ich glaube deshalb, dass wir das Analoge nicht verlernen sollten. Nicht aus Nostalgie, sondern weil direkte Kommunikation auch dann möglich ist, wenn technische Möglichkeiten einmal nicht zur Verfügung stehen.
Das gilt auch für uns als lokales Medium. Wenn wir nicht mehr online berichten könnten, würde unser Auftrag ja nicht plötzlich verschwinden. Dann müssten wir andere Wege finden, um bei den Menschen zu sein: an einem Sammelpunkt, auf der Straße, dort, wo Fragen entstehen. Zuhören, nachfragen, herausfinden, was die Menschen gerade wissen müssen und welche Informationen fehlen. Und sobald es wieder einen Weg gibt, Informationen weiterzugeben, würden wir genau das tun.
Vielleicht ist die Aufgabe eines lokalen Mediums in einer solchen Situation deshalb am Ende gar nicht nur, möglichst schnell Informationen ins Internet zu bringen. Vielleicht geht es viel grundlegender darum, dort zu sein, wo die Menschen sind.
Sollte es jemals so weit kommen, werden wir auf alle Fälle Wege suchen, weiter unserem Auftrag gerecht zu werden.
Die Bombenentschärfung bei „Bauer in der Au“ hat mir damit noch einmal gezeigt, wie selbstverständlich wir uns inzwischen auf unsere vielen digitalen Möglichkeiten verlassen. Und vielleicht sollten wir bei aller Digitalisierung eines nicht verlernen: miteinander zu reden. Nicht per WhatsApp, nicht über Facebook und nicht über irgendeine App – sondern tatsächlich miteinander. Von Mensch zu Mensch.
Denn wenn irgendwann einmal gar nichts mehr funktioniert, könnte genau das noch funktionieren.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin


Tja, das miteinander reden wird immer weniger. 😞 Viele kleben fast nur noch am Handy und sehen und hören fast nichts mehr, was so um sie herum passiert. Wäre doch zu schön, wenn es wieder besser wird! 😀 😀