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Rundum-Grün in Rosenheim: Braucht die Kreuzung an der Loretowiese eine Ampel wie in Tokio?

Kreuzung Loretowiese. Foto:montage: re

Karin Wunsam

Schreibt immer schon leidenschaftlich gern. Ihre journalistischen Wurzeln liegen beim OVB-Medienhaus. Mit der Geburt ihrer drei Kinder verabschiedete sie sich nach gut 10 Jahren von ihrer Festanstellung als Redakteurin und arbeitet seitdem freiberuflich für die verschiedensten Medien-Unternehmen in der Region Rosenheim.

31. Oktober 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

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Rosenheim – Wenn an der berühmten Shibuya Scramble Crossing in Tokio die Fußgängerampeln auf Grün schalten, überqueren Tausende Fußgänger gleichzeitig die gesamte Kreuzung aus allen Richtungen  – ausdrücklich auch diagonal. Dafür wird der Fahrzeugverkehr aus allen Richtungen angehalten. Dieses Bild haben viele vor Augen, wenn von einer Rundum-Grün-Ampel die Rede ist. Braucht Rosenheim so etwas auch? Darüber wurde nun im Verkehrsausschuss diskutiert. Konkret geht es um die Kreuzung von Kaiserstraße, Ellmaierstraße und Frühlingstraße – direkt an der Loretowiese.

Den Antrag dazu hatten FDP-Stadtrat Marcus Moga und die SPD-Fraktion bereits am 16. Juli 2026 gestellt. Sie wollen prüfen lassen, ob eine solche Ampelschaltung an der Kreuzung möglich ist. Ihr Ziel: Fußgängern eine eigene Grünphase zu geben, in der sie die Straße unabhängig vom Fahrzeugverkehr überqueren können. Gerade beim Herbstfest komme es durch die vielen Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, immer wieder zu Behinderungen im Verkehr. Eine getrennte Ampelphase könnte nach Ansicht der Antragsteller die Sicherheit erhöhen. Davon könnten auch Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen profitieren (wir berichteten) 

Mehr Sicherheit, aber auch längere Wartezeiten?

Dass es an der Kreuzung zu Konflikten zwischen abbiegenden Autos und Fußgängern kommen kann, bestätigte Moga aus seiner Erfahrung als Fahrlehrer: „Ich weise meine Fahrschüler immer wieder darauf hin, dass das eine sehr enge Kreuzung ist“. Auch die Stadtverwaltung sieht hier ein Sicherheitsproblem. In ihrer Sitzungsvorlage verweist sie darauf, dass es bei einem solchen Konflikt im Oktober 2021 zu einem tödlichen Unfall gekommen ist.
Doch wie könnte eine Rundum-Grün-Schaltung in Rosenheim konkret aussehen? Die Stadt hat dazu mehrere Varianten aufgezeigt. Bei einer bekommen Fußgänger eine eigene Grünphase, bei anderen könnte die Grünzeit verlängert werden, sodass sie beide Straßenquerungen direkt hintereinander schaffen. Auch eine Diagonalquerung wie in Tokio wäre denkbar. Je nach Schaltung könnten Fußgänger also weiterhin einzelne Ampelphasen abwarten müssen oder die Kreuzung in einem Zug überqueren.

Gerade diese Unterschiede waren in der Sitzung nicht leicht zu vermitteln. Für eine echte Diagonalquerung wären außerdem zusätzliche Ampelsignale und Markierungen nötig. Eine besondere Herausforderung ist dabei die Orientierung blinder und sehbehinderter Menschen. An der Kreuzung gibt es bereits akustische und taktile Signale sowie Bodenmarkierungen. Wie diese Hilfen bei einer neuen Schaltung weiterhin eindeutig funktionieren könnten, müsste erst geklärt werden.
Auch für den übrigen Verkehr hätte eine zusätzliche Fußgängerphase Folgen: Autos, Busse und Radfahrer müssten möglicherweise länger warten. Je nach Variante könnte sogar die Wartezeit für Fußgänger steigen. Die Stadt sieht deshalb die Gefahr, dass die Kreuzung insgesamt weniger Verkehr bewältigen kann.

Ist eine Ampel wie in Tokio auch in Rosenheim verständlich?

Neben den Auswirkungen auf den Verkehr ging es im Ausschuss auch um die Frage, ob eine solche Schaltung von allen verstanden wird. Christine Degenhart von den Freien Wählern / UP bezweifelte, dass die neue Regelung für jeden sofort einleuchtend wäre. „Da werden sich die Leute erst mal daran gewöhnen müssen“, sagte sie. Gerade beim Herbstfest mit vielen auswärtigen Besuchern und Menschen, die Alkohol konsumiert haben, befürchtete sie Schwierigkeiten. Sie sprach von einem „unfassbaren Chaos“ und sah besonders für blinde und sehbehinderte Menschen Probleme. „Ich glaube nicht, dass das ernsthaft vermittelbar ist“, sagte Degenhart. Sie wollte deshalb zunächst die Ergebnisse der Verkehrszählung abwarten.

FDP-Stadtrat Moga widersprach dieser Einschätzung. Er verwies auf seinen eigenen Aufenthalt in Tokio, wo er sich trotz fehlender Japanischkenntnisse schnell mit der Ampelschaltung zurechtgefunden habe: „Ich kann kein Japanisch und wusste aber auch sofort, wie das funktioniert, weil ich mich eben an den anderen Verkehrsteilnehmern orientiert habe und so wäre das in Rosenheim sicher auch“. Auch Besucher von außerhalb könnten sich seiner Ansicht nach an einer solchen Regelung orientieren. Als weiteres Beispiel wurde München genannt. Dort testete die Stadt ab Herbst 2024 an der Kreuzung Goethe-/Landwehrstraße ein Jahr lang eine Rundum-Grün-Schaltung. Nach positiven Erfahrungen blieb die Ampelregelung dauerhaft bestehen. Die Stadt berichtet von mehr Sicherheit für Fußgänger, ohne dass die Leistungsfähigkeit der Kreuzung wesentlich beeinträchtigt worden sei.

Dass sich Tokio und Rosenheim nicht ohne Weiteres vergleichen lassen, gab auch Brigitte Klein-Weigel von den Grünen zu bedenken: „Tokio ist eben nicht Rosenheim“. Zugleich fand sie den Vorschlag grundsätzlich interessant: „Das ist eine innovative Idee für Rosenheim. Damit zeigen wir, dass wir mit der Zeit gehen und wissen, was Verkehrswende heißt“.
Die Frage, wie viel zusätzliche Wartezeit der übrige Verkehr verkraften kann, beschäftigte vor allem die CSU. Stadtrat Hans Peter Lossinger verwies auf die bereits heute hohe Verkehrsbelastung. Zu Stoßzeiten komme es an der Kreuzung schon jetzt zu Rückstaus. Eine Rundum-Grün-Schaltung wäre für Autofahrer seiner Einschätzung nach ein deutlicher Verlust an Verkehrsqualität. SPD-Stadtrat Robert Metzger stellte dem die Zielsetzung des Antrags gegenüber: „Der rote Faden ist da Sicherheit und Komfort für die Fußgänger“.

Erst die Verkehrsplanung, dann die Ampelentscheidung?

Eine schnelle Entscheidung zeichnete sich nach der längeren Diskussion nicht ab. CSU-Fraktionssprecher Dr. Wolfgang Bergmüller brachte die offenen Fragen auf den Punkt: „Die Unklarheiten sind noch groß“. Aus seiner Sicht braucht es zunächst genauere Informationen zu den Verkehrszahlen und dazu, wie sich die verschiedenen Ampelvarianten auf die Kreuzung auswirken würden.

Die Stadtverwaltung hatte bereits darauf hingewiesen, dass dafür Verkehrssimulationen notwendig wären. Diese kosten nach ihren Angaben mindestens 20.000 Euro je Variante. Auch die benachbarte Kreuzung Kaiserstraße / Am Salzstadel müsse dabei berücksichtigt werden. Beide Kreuzungen wurden deshalb im Oktober auch in die Verkehrszählung einbezogen. Die Ergebnisse daraus werden noch in diesem Jahr erwartet.

Oberbürgermeister Abuzar Erdogan brachte noch einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein: die mögliche Neuordnung des Verkehrs rund um die Kaiserstraße. Die Stadt untersucht derzeit im Rahmen des erweiterten innerstädtischen Verkehrskonzepts, ob das bestehende Einbahnstraßensystem auf Kaiserstraße, Königstraße, Ludwigsplatz und Frühlingstraße ausgeweitet werden könnte (wir berichteten). Erdogan sprach sich dafür aus, zunächst die Ergebnisse der Verkehrszählung und die weiteren Überlegungen zur Verkehrsführung abzuwarten.

Eine Entscheidung über eine Rundum-Grün-Ampel gibt es damit vorerst nicht. Erst wenn die Verkehrszahlen ausgewertet sind und klarer ist, wie sich die Verkehrsführung rund um die Kaiserstraße entwickeln könnte, soll die Stadt die verschiedenen Ampelvarianten weiter betrachten. Die Idee einer Ampel wie in Tokio bleibt also im Gespräch – ob sie tatsächlich an der Loretowiese umgesetzt wird, ist aber noch offen.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Fotomontage re)

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