Rosenheim / Kolbermoor – Heute führt die Straße „Am Gangsteig“ durch Fürstätt, vorbei am Rosenheimer Tierheim und über eine Brücke hinweg über die Westtangente. Doch der Weg ist viel älter als die moderne Verkehrsverbindung. Einst war er ein beliebter Fußweg zwischen Rosenheim und dem damals noch jungen Kolbermoor. Und am Wegesrand steht eine Kapelle, deren Name an ein tragisches Flugzeugunglück aus dem Ersten Weltkrieg erinnert.
Der Straßenname klingt zunächst ungewöhnlich. Dabei steckt darin eine ganz einfache Beschreibung: Ein „Steig“ war früher ein schmaler Weg, der vor allem zu Fuß genutzt wurde. Der Gangsteig war also ein Fußweg, der die Menschen durch die damalige Landschaft führte. Wie lange es diesen Weg schon gibt und wann genau er seinen Namen erhielt, ist nicht überliefert.
Ein Fußweg zwischen zwei Orten
Einen Hinweis auf die frühere Bedeutung des Weges liefert das Stadtarchiv Rosenheim. Demnach führte bereits im 19. Jahrhundert ein beliebter Fußweg von der Äußeren Münchener Straße westlich an Fürstätt vorbei bis zum damals neu entstehenden Kolbermoor. An dieser Verbindung lag auch eine kleine Kapelle, die der Fürstätter Bauer Kiener im Jahr 1847 errichten ließ.
Als ab Herbst 1915 auf dem Gelände eine sogenannte Sanierungsanstalt zur Entlausung von Soldaten eingerichtet wurde, blieb die Kapelle zwar bestehen, war für Besucher aber nicht mehr zugänglich. Deshalb entschloss sich der Rosenheimer Verschönerungsverein, sie an einen neu geplanten Weg nördlich des Bahndamms zu verlegen. Josef Huber aus Fürstätt stellte dafür unentgeltlich Wiesengrund zur Verfügung.
Zwei Flieger gaben der Kapelle ihren Namen
Mit dem Neubau erhielt die Kapelle eine besondere Bedeutung. Im April 1915 waren der Fliegerleutnant Karl Vonlohr und sein Begleiter Mathias Meyer mit einem Flugzeug nahe der ursprünglichen Kapelle abgestürzt. Beide kamen dabei ums Leben. Zum Gedenken an die beiden Militärflieger wurde die neue Kapelle errichtet und der Patrona Bavariae, der Schutzpatronin Bayerns, geweiht. Aus dieser Widmung entstand der bis heute gebräuchliche Name „Fliegerkapelle“.
Nach Plänen des Rosenheimer Stadtbaurats Ferdinand Schlögl wurde das Gebäude 1916/17 errichtet. Doch schon wenige Jahre später wurde es bei den Revolutionskämpfen 1918/19 beschädigt. Erst am 10. Mai 1925 konnte die Kapelle feierlich eingeweiht werden. Sie diente zugleich als Kriegerdenkmal für die gefallenen Fürstätter.
Auch im Zweiten Weltkrieg blieb sie nicht verschont: Am 16. Februar 1945 wurde sie bei einem Luftangriff vollständig zerstört. Nur die Muttergottesfigur blieb unversehrt. 1947 wurde die Kapelle wieder aufgebaut und 1948 erneut geweiht. Bis heute erinnert sie an die beiden verunglückten Flieger und die bewegte Geschichte des Ortes.
Der alte Weg überquert heute die Westtangente
Auch der Gangsteig selbst hat sich im Laufe der Zeit verändert. Mit dem Bau der Rosenheimer Westtangente wurde die Verbindung zwischen Fürstätt und Kolbermoor von der neuen Bundesstraße durchschnitten. Damit der Weg weiterhin genutzt werden kann, entstand eine eigene Brücke. Sie führt die Gemeindeverbindungsstraße rund 4,70 Meter über die B 15 und wurde im Oktober 2022 fertiggestellt.
So ist aus dem einstigen Fußweg eine moderne Verkehrsverbindung geworden. Der Name „Am Gangsteig“ erinnert aber noch immer an seine ursprüngliche Funktion – und an eine Zeit, in der ein schmaler Weg durch die Felder die Menschen miteinander verband.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsaam / Beitragsbild: Symbolfoto re)


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