Rosenheim – Stell dir vor, wir sitzen zusammen bei einem Kaffee – und ich erzähle dir, was uns diese Woche nicht mehr losgelassen hat. Genau darum geht es im Innpuls-Tagebuch: Wir werfen einen persönlichen Blick auf Themen, die wir sonst neutral berichten. Diesmal geht es um die ungewohnte Ruhe rund um die Osterfeiertage – und um Entwicklungen, die sich leise, aber sichtbar durch unsere Stadt ziehen.
Eintrag vom Freitag, 10. April 2026
Osterfeiertage und Osterferien – das spürt man auch bei uns in der Redaktion. Es wird ruhiger. Weniger Termine, weniger Trubel, ein bisschen Zeit zum Durchatmen. Aber wer glaubt, dass es deshalb nichts zu berichten gibt, der irrt.
Manchmal sind es gerade die stilleren Momente, in denen einem Dinge besonders auffallen.
So ging es uns bei einem kurzen vorösterlichen Spaziergang durch Rosenheim. Ohne konkreten Anlass, einfach mal raus – und dabei sind wir wieder auf einige Geschäfte gestoßen, die schließen oder bereits geschlossen haben. Diese spürbaren Zeichen des Wandels gibt es nicht erst seit gestern. Aber sie sind eben wieder ein Stück mehr geworden.
Mit Süd-Gummi in der Münchener Straße 42 trifft es ein traditionsreiches Unternehmen. Ein Geschäft, das viele wahrscheinlich schon seit Jahren – vielleicht sogar seit Jahrzehnten – kennen. Solche Namen verschwinden nicht einfach nur aus dem Stadtbild. Sie nehmen auch ein Stück Erinnerung mit.
Und dann ist da noch der gemeinsame Store von Vero Moda und Jack & Jones in der Münchener Straße 7. Auch hier: Schluss, aus, vorbei. Wieder ein Laden weniger in der Innenstadt.
Zwischen Aufschrei und Realität
Und wie immer, wenn wir über Geschäftsschließungen berichten, ist der Aufschrei – vor allem in den sozialen Medien – groß. Das Thema Rosenheimer Innenstadt ist seit Jahren ein Dauerreizthema. Zu viele Leerstände, zu unattraktiv – die Kritik ist bekannt, die Diskussionen wiederholen sich.
Das Gegensteuern fällt schwer. Auch wenn es Ansätze gibt.
So hat das Rosenheimer Citymanagement zum Jahreswechsel damit begonnen, mit Schaufenster-Folierungen auf leerstehende Geschäfte aufmerksam zu machen – zum Beispiel in der Innstraße. Das Projekt trägt den Namen „FreiRaumRosenheim“. Die bunten Gestaltungen sollen nicht nur ins Auge fallen, sondern auch potenzielle Pächter auf freie Flächen aufmerksam machen.
Begleitet wurde das Ganze von einer Mitmach-Aktion: Gesucht wurden Ideen, was in den leerstehenden Läden entstehen könnte. Als kleiner Anreiz gab es einen 10-Euro-Cityscheck-Gutschein für besonders kreative Vorschläge.
Und die ließen nicht lange auf sich warten. Auf Instagram reichte die Bandbreite von Flohmarktflächen über einen Comedyclub bis hin zu einem Indoorspielplatz oder Bio-Markt. „Tolle Idee, alle zu fragen, was dort rein könnte“, lautete ein Kommentar.
Ja – an sich sind das sicher nette Ideen. Aber eben auch nicht mehr als das.
Denn wünschen kann man sich vieles. Die Umsetzung ist eine ganz andere Geschichte.
Wünsche, Wirklichkeit – und die Grenzen
Nach jeder neuen Schließung werden die Forderungen laut: Die Stadt müsse etwas tun, die Leerstände endlich beheben. Doch so einfach ist es nicht.
Die Realität ist: Die Stadt kann nur bedingt Einfluss darauf nehmen, ob sich neue Geschäfte ansiedeln. Mietpreise, wirtschaftliche Risiken, verändertes Kaufverhalten – all das liegt oft außerhalb ihres direkten Einflusses.
Und das ist auch ganz gut so.
Denn wir leben in einer freien Marktwirtschaft. Entscheidungen darüber, wer ein Geschäft eröffnet – oder eben schließt –, werden nicht im Rathaus getroffen, sondern von Unternehmern, Investoren und letztlich auch von uns allen als Kunden.
Gerade in Zeiten, in denen wieder häufiger über mehr Regulierung „von oben“ diskutiert wird, ist diese Freiheit ein hohes Gut. Auch wenn sie manchmal unbequeme Folgen hat – wie leerstehende Läden oder vertraute Namen, die verschwinden.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der die Debatte so schwierig macht:
Dass es keine einfache Lösung gibt, ohne an anderer Stelle Grundsätzliches infrage zu stellen.
Bewegung – aber nicht immer vollständige Entspannung
Der Ehrlichkeit halber gehört aber auch dazu: Es tut sich schon auch immer was.
Für manche Leerstände finden sich neue Pächter. Ein Beispiel ist das ehemalige Karstadt-Sporthaus, das aktuell saniert wird. Dort soll künftig die Drogerie dm einziehen. Eine Entwicklung, die viele sicher begrüßen.
Allerdings entsteht damit nur wenige Meter weiter gleich der nächste Leerstand – nämlich dort, wo die Drogerie aktuell noch untergebracht ist. Und was dort künftig passiert, ist aktuell noch offen.
Heißt: Es bewegt sich etwas. Aber es löst das Grundproblem nicht.
Auch andere Ansätze wurden in den vergangenen Jahren ausprobiert. Pop-up-Stores zum Beispiel – also Geschäfte auf Zeit. Viele erinnern sich vielleicht noch an den Tesla-Schauraum in der Münchener Straße. Ein Konzept, das durchaus eine gewisse Aufmerksamkeit schaffte, aber eben nur kurzfristig. Und dann war die Fläche wieder leer.
Immerhin: An genau dieser Stelle ist inzwischen wieder ein „richtiges“ Geschäft eingezogen. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.
Und trotzdem bleibt mein Eindruck: Die Zahl der Leerstände ist weiterhin zu hoch. Und auch die Vielfalt im Angebot hat in den vergangenen Jahren deutlich gelitten. Immer mehr Friseure, Nagelstudios oder Imbisse allein machen eine Innenstadt nicht unbedingt attraktiver.
Am Ende hängt alles zusammen.
Nur wenn eine Innenstadt für Kunden attraktiv ist, kommen sie auch. Nur dann wird eingekauft. Und nur dann ist es für Händler interessant, sich dort anzusiedeln. Und genau daraus entsteht wieder ein vielfältiges Angebot – und es kommen wieder mehr Kunden….
Ein Kreislauf – der aktuell an vielen Stellen nicht so funktioniert, wie man es sich wünschen würde.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin