Stephanskirchen / Landkreis Rosenheim Mit dem Frühling erwacht nicht nur die Natur zu neuem Leben – in manchen Gärten sprießt dann auch ein ganz besonderes „Gewächs“: der Hungabam. Skurril geschmückt und kaum zu übersehen, sorgt er bei Autofahrern und Spaziergängern für neugierige Blicke. Doch was steckt hinter diesem Brauch – und warum hat der Baum eine ziemlich eindeutige Botschaft für ein Paar?
Wenn der Frühling kommt, sprießen nicht nur Blumen und Bäume – manchmal wächst auch ein sehr eigentümliches „Gewächs“ in den Vorgärten: der Hungerbaum, auf Bairisch Hungabam.
So geschehen aktuell in Stephanskirchen im Landkreis Rosenheim. Direkt an einer vielbefahrenen Straße sorgt ein besonders auffälliges Exemplar aktuell für viele neugierige Blicke von Autofahrern und Spaziergängern. Wer daran vorbeikommt, kann kaum wegsehen – und genau das ist wohl auch gewollt.
Ein Kunstwerk aus Krempel – mit Botschaft
Der Hungabam in Stephanskirchen ist alles andere als dezent. „Gepflanzt“ wurde er in zwei alten Bulldogreifen, die als Fundament in einem Sandbeet dienen. Direkt auf dem Sand in einem der Reifen thront eine ausrangierte Kloschüssel – ein skurriles Zentrum des Kunstwerks. Daneben ragt ein krummer, eher kümmerlicher Baumstamm in die Höhe – geschmückt mit allem, was die „Schenker“ finden konnten.
Baumelnde alte Puppe, ein platter Hüpfball, ein einzelner Schuh, ein Fahrradreifen – und allerlei weiterer kurioser Krempel verwandeln das Bäumchen in ein richtiges Kuriosum-Kabinett. Nach Einbruch der Dunkelheit setzt eine Lichterkette das schräge Gebilde noch einmal besonders in Szene.
Und auch ein leeres Biertragerl darf natürlich nicht fehlen – ein kleiner, aber deutlicher Hinweis darauf, dass die „Schenker“ durchaus etwas erwarten.
Ein Zaunpfahl mit Augenzwinkern
Denn ein Hungabam ist alles andere als gewöhnlicher Gartenschmuck. Er ist ein augenzwinkernder Denkzettel: Aufgestellt wird er traditionell, wenn ein Paar schon länger zusammen ist – klassischerweise sieben Jahre – aber noch nicht geheiratet hat. Freunde, Verwandte oder Bekannte „pflanzen“ dann heimlich dieses besondere Exemplar. Möglichst auffällig, aber immer mit einem schelmischen Lächeln.
Die Botschaft ist klar: Jetzt wird’s Zeit!
Brotzeit als Bezahlung
So spöttisch der Brauch auf den ersten Blick wirken mag, er ist in erster Linie humorvoll gemeint. Die „Beschenkten“ reagieren in der Regel nicht verärgert, sondern nehmen es mit einem Augenzwinkern.
Die übliche Reaktion: eine Einladung zur Brotzeit mit Getränken für diejenigen, die den Hungabam aufgestellt haben.
Woher kommt der Brauch?
Ganz eindeutig geklärt ist das nicht. Oft wird erzählt, der Hungabam gehe auf Zeiten zurück, als Hochzeiten in der Landwirtschaft eng mit der Hofübergabe verbunden waren – und sich diese mitunter jahrelang verzögerte. Ob diese Erklärung historisch belegbar ist, ist jedoch fraglich.
Viele Hinweise deuten darauf hin, dass es sich eher um einen jüngeren Brauch handelt, der aus der bayerischen Tradition der Hochzeitsgaudi und des liebevollen „Anschubsens“ entstanden ist. Inzwischen ist der Hungabam aber immer öfter zu beobachten – überwiegend im ländlichen Bereich, aber zunehmend auch in Städten.
Ende offen – mit Feier
Üblicherweise bleibt der Hungabam so lange stehen, bis tatsächlich eine Hochzeit gefeiert wird. Danach wird der Baum gemeinsam abgebaut – natürlich nicht ohne eine kleine Feier zur Abrundung dieses besonderen Brauchs.
Allerdings gibt es auch Fälle, in denen sich der Baum ganz ohne Hochzeit erledigt hat: Vielleicht, weil ein Paar heute einfach nicht mehr heiraten möchte, irgendwann die Nase von dem ganzen Treiben voll hatte – oder weil der Hungabam irgendwann von selbst umfiel.
So oder so bleibt der Baum ein augenzwinkernder Hinweis, ein Kuriosum-Kabinett und ein kleines Stück bayerischer Tradition – humorvoll, bildhaft und mit einer klaren Botschaft: Dieser Baum hat eine Mission.
(Quelle: Artikel: Karin Wunsam / Beitragsbild: Ferdinand Staudhammer)