Rosenheim – Im Rosenheimer Mühlbachbogen gibt es seit Kurzem mit dem Bachgartn ein neues temporäres gastronomisches Angebot direkt am Wasser. Am Innspitz lädt der Kulturstrand noch bis zum 22. August zum Sitzen, Zuhören und Verweilen ein – und dort bin ich selbst gerne. An solchen Orten kann man im Sommer wunderbar ein Getränk genießen, Freunde treffen und einfach eine Weile bleiben. Gerade bei diesen Temperaturen ist das besonders schön. Und trotzdem sollten wir bei aller Freude über solche Angebote eine Frage nicht aus den Augen verlieren: Wie viel Belebung vertragen Rosenheims Flussufer eigentlich?
Rosenheim ist eine kompakte Stadt. Viele Menschen leben auf vergleichsweise engem Raum. Gleichzeitig haben wir etwas, das für die Lebensqualität enorm wichtig ist: Grünflächen und die Flusslandschaften von Inn, Mangfall und ihren Nebenbächen.
Gerade in diesem Sommer hat man wieder gemerkt, wie wertvoll diese Bereiche sind. Wenn es in der Stadt heiß wird, zieht es viele Menschen ans Wasser. Dort ist es kühler, grüner und meistens angenehmer als zwischen Häusern und Asphalt.
Dass die Flussufer gerne genutzt werden, ist deshalb nur logisch. Der Kulturstrand zeigt, wie gut solche Angebote angenommen werden. Und auch am neuen Bachgartn am Mühlbachbogen ist bereits einiges los. Sich mit Freunden treffen, am Wasser sitzen und den Abend genießen – was gibt es Schöneres?
Nicht alles, was gut angenommen wird, muss mehr werden
Die Stadt prüft derzeit weitere mögliche Standorte für temporäre gastronomische Angebote an Inn, Hammerbach und Mangfall. Grundsätzlich finde ich das interessant. Aber genau hier würde ich mir wünschen, dass wir nicht in ein „Immer mehr“ hineinrutschen.
Wenn ein Angebot funktioniert, muss daraus nicht automatisch das nächste entstehen. Und wenn mehrere Angebote gut angenommen werden, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder geeignete Platz ebenfalls genutzt werden sollte.Denn irgendwann kann aus Belebung Übernutzung werden.
Unsere Flussufer sind nicht nur Orte für Freizeit und Veranstaltungen. Sie sind Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Und sie sind Rückzugsräume für Menschen. Auch wir brauchen nicht überall Musik, Sitzgruppen, Getränke und Unterhaltung, damit ein Ort attraktiv ist. Manchmal ist es genau das Gegenteil. Ein Platz am Wasser, an dem nichts passiert, kann wunderbar sein. Ein Weg am Fluss, auf dem ich nur das Wasser rauschen höre, kann mehr Erholung bieten als der schönste Eventabend. Eine Wiese unter Bäumen, auf der niemand etwas verkauft, hat ebenfalls ihren Wert.
Auch wir brauchen Orte, an denen nichts los ist
Vielleicht sollten wir deshalb bei der Frage nach der Belebung unserer Flussufer nicht nur überlegen, was wir noch zusätzlich anbieten können. Vielleicht sollten wir genauso überlegen, welche Bereiche bewusst nicht belebt werden. Denn Natur braucht Rückzugsräume. Tiere brauchen Ruhe. Und wir Menschen übrigens auch. Nicht jeder freie Platz muss genutzt werden. Nicht jede schöne Stelle braucht einen Kiosk. Nicht jeder Sommerabend muss mit Musik und Gastronomie verbunden sein.
Das bedeutet nicht, dass ich mir den Kulturstrand wegwünsche. Ganz im Gegenteil. Ich genieße ihn selbst. Aber gerade weil ich solche Angebote mag, finde ich es wichtig, irgendwann auch sagen zu können: Jetzt reicht es. Das gilt übrigens nicht nur für die Stadt.
Wenn wir die Flussufer gerne nutzen, tragen auch wir Verantwortung dafür, dass sie schön und lebenswert bleiben. Müll gehört wieder mit nach Hause oder in den Mülleimer. Rücksicht auf andere gehört dazu. Und vielleicht müssen wir uns auch selbst manchmal fragen, ob wir wirklich jeden Winkel der Natur nutzen müssen, nur weil wir ihn nutzen können.
Die Natur muss nicht für uns ständig etwas bieten
Die Renaturierung der Rosenheimer Flusslandschaften hat uns etwas Wertvolles zurückgegeben. Wir sollten aufpassen, dass wir dieses Geschenk nicht gleich wieder mit zu viel Nutzung überfrachten. Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob Rosenheim seine Flussufer beleben darf. Natürlich darf es das. Der Kulturstrand darf da sein, und auch einige weitere zeitlich begrenzte Angebote kann ich mir grundsätzlich vorstellen. Aber eben nicht überall und nicht immer mehr. Denn vielleicht liegt die Qualität unserer Flusslandschaften gerade darin, dass sie beides bieten: Orte, an denen etwas los ist, und Orte, an denen nichts los ist.
Und vielleicht sollten wir bei allem Wunsch nach mehr Leben in der Stadt darauf achten, dass wir nicht genau das verlieren, was uns an diesen Orten eigentlich so gut gefällt: ihre Ruhe, ihre Natur und das Gefühl, für einen Moment einfach draußen zu sein. Vielleicht ist manchmal gerade das Nichtstun die schönste Form der Erholung.
Liebe Grüße aus der Redaktion
Karin