In Panik

In Panik

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Diesmal lautet das Thema: „In Panik“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zwei orange Augen

Panik entsteht immer dann, wenn man große Angst vor etwas hat, egal ob wahr oder eingebildet. 

In Panik

Vor kurzem hat mich jemand angerufen. Eine Lehrkraft. Also mit Abitur und Studium. Ihr Kind nimmt Ende Juli an einer Abiturfahrt mit dem Bus nach Rom teil. Was sie denn tun soll, denn in Italien sind so schwere Überschwemmungen und Erdrutsche und es besteht Lebensgefahr und das Auswärtige Amt warnt und im Internet steht’s auch.

Versteh nicht bitte nicht falsch. Niemand sollte sich unnötig in Gefahr begeben. Aber worin besteht diese denn im vorliegenden Fall? Liegt Rom im Katastrophengebiet? Muss der Bus auf dem Weg nach Rom dort durchfahren? Besteht die Gefahr noch fast weitere zwei Monate bis Ende Juli? Und jetzt das Entscheidende: Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass die Busgesellschaft ihren Bus durch ein Katastrophengebiet mit unmittelbarer Lebensgefahr fahren lässt?

Ich muss dir jetzt mal eine wahre Geschichte aus meinem Leben erzählen. Vor vielen Jahren habe ich Studienreisen durch China geleitet. Ausgerechnet Anfang Juni 1989 wäre eine Reise in Beijing gewesen. Damals gab es sehr große Unruhen, die mit einem Massaker endeten. Dieses geschah in der gesamten Innenstadt von Beijing. Genau in diesen Tagen hätten wir mittendrin in einem Hotel gewohnt. Natürlich wurde die Reise abgesagt. Natürlich wären wir unmittelbar gefährdet gewesen. Immerhin starben nach Angaben aus dem chinesischen roten Kreuz vermutlich mehrere hundert bis mehrere tausend Menschen.

Warum hat sich die Lehrkraft die obigen Fragen nicht gestellt? Mit Abitur und Studium sollte sie durchaus geistig dazu in der Lage sein. Und da sie ein Kind mit Abitur hat, auch ausreichend lebenserfahren sein. Eigentlich sollte sie ihre Schüler sogar anleiten, eigenständig zu denken und nicht auf jeden Quatsch herein zu fallen. Warum also diese – ja, mir fällt kein passenderes Wort ein – Panik?

Panik ist eine seelische Erkrankung

Panik ist eine ganz offiziell definierte seelische Erkrankung. Sie entsteht, wenn man große Angst vor tatsächlichen oder eingebildeten Bedrohungen hat. Panik äußert sich auch körperlich durch Herzrasen, Übelkeit, Atemnot, Schweißausbrüche, Schwindelgefühle oder Zittern. Ob meine Lehrkraft eines dieser Symptome aufwies, kann ich am Telefon nicht beurteilen. Zumindest Atemnot hatte sie keine.
Aber trotzdem: keine leichte Sache. Die genannten Symptome kann man auch nach dem Konsum von manchen Rauschmitteln oder bei Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung beobachten. Letzteres haben oftmals Unfallopfer oder Soldaten, wenn sie nach Fronteinsätzen wieder nach Hause kommen. Wenn du keine Spinnen oder kein Blut sehen kannst, bekommst du möglicherweise ebenfalls Panik. Wenn das regelmässig vorkommt, nennt man das eine Panikstörung.

Wie geht man damit um? Zunächst einmal musst du feststellen, wie stark die panische Person in ihrer falschen Wahrnehmung gefangen ist. Macht es noch Sinn, mit ihr über die Irrtümer zu reden? Wenn ja, kannst du ihr vielleicht noch selbst helfen. Sonst brauchst du wirklich professionelle Hilfe. Auch wenn man noch mit ihr reden kann, brauchst du vermutlich an die kognitive Verhaltenstherapie angelehnte Hilfe.

Hast Du noch Fragen, frag mich. info@psychologische-beratungrosenheim.de oder 0170/5395483.
Du kannst mir auch Themen vorschlagen, über die ich einmal schreiben sollte.

In der nächsten Woche „will jemand nicht mehr leben“
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. ( Beitragsbild, Foto: re)

 

Nachbar hört nachts Geräusche

Nachbar hört nachts Geräusche

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Diesmal lautet das Thema: „Nachbar hört nachts Geräusche“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
Hier gibt es dazu weitere Infos: 

Kopf

Wie soll man sich verhalten, wenn man es mit Menschen mit Wahnvorstellungen zu tun hat?

Nachbar hört nachts Geräusche

Die Oma hat Dir gesagt, dass Du dir als Jugendfußballer keine Illusionen machen sollst, irgendwann mal deutscher Meister zu werden. Und über den Betrunkenen im Park hat sie gesagt, dass der halluziniert, als der wirr von Mäusen geredet hat. Ja, was denn nun? Halluzination oder Illusion?

Zunächst einmal hat sie vermutlich mit beidem recht. Aber wo ist der Unterschied zwischen Illusion und Halluzination? Dazu ein Beispiel. Wenn ich nachts im Schlafzimmer einen dunklen Klumpen auf dem Boden liegen sehe, liegen da wahrscheinlich meine Socken. Wenn ich das Licht anmache, kann sich das als wahr herausstellen. Vielleicht hat mein Hund aber doch einen Haufen ins Schlafzimmer gepflanzt. Ich hätte dann etwas reales gesehen, es aber falsch gedeutet. Wenn beim Licht anschalten aber nichts dort lag, war das eine Halluzination. Weil eigentlich nichts da lag und ich mir das nur eingebildet habe.

So bist Du als Jugendfußballer eine reale Erscheinung, aber vermutlich täuschst Du dich – so leid es mir tut – wenn du denkst, dass du einmal deutscher Meister wirst. Und der Betrunkene hatte vermutlich Halluzinationen. Jedenfalls hat keiner außer ihm irgendwelche Mäuse gesehen.

Wenn es um deine eigenen Beobachtungen geht, kannst du leicht zwischen Illusionen und Halluzinationen unterschieden. Du musst nur das Licht anmachen. Aber so einfach ist das mit dem Nachbarn nicht, der vor kurzem behauptet hat, in der Nacht laute Geräusche gehört zu haben. Die Überzeugung, mit der er seine Beobachtung wiedergegeben hat, gibt genauso wenig einen Anhaltspunkt für den Wahrheitsgehalt wie eine etwaige Vorsicht, mit der er quasi hinter vorgehaltener Hand darüber berichtet.

Was steht also zu Auswahl? Alles von nächtlichen Renovierungsarbeiten über überlaut aufgedrehte Fernseher bis zu Halluzinationen eines möglicherweise schizophrenen Menschen. Schwierig wird es, wenn Du selbst nichts gehört hast. Den Licht-Test kannst du in diesem Fall nicht machen.
Wenn der Nachbar auf deine Nachfrage mehr und detaillierter über die nächtlichen Geräusche erzählt, ist das auch kein Hinweis auf den Wahrheitsgehalt. Schizophrene dichten oftmals etwas zu ihrer Geschichte hinzu, was auch dazu passt. Wenn die ergänzenden Schilderungen aber etwas grotesk werden und du auch merkst, dass sich der Nachbar mehr und mehr hineinsteigert, ist vielleicht etwas faul an der Sache. Erst recht, wenn der Nachbar etwas erzählt, von dem du sicher weißt, dass es nicht stimmt. Etwa, dass es vor wenigen Tagen um 1 Uhr nachts ganz laut war und Du genau zu dieser Zeit an der Quelle des vermeintlichen Lärms vorbeigekommen bist, und alles war ruhig.

„Aufdeckende Therapie“ hilft hier nichts

Nach solchen Ungereimtheiten gilt es zu suchen. Je mehr du ihn reden lässt, umso eher kommen sie zum Vorschein. Wenn Du eine entdeckt hast, versuch nicht, ihn zu belehren. Er wird das nicht annehmen. Sogenannte „aufdeckende Therapie“ geht bei wahnhaften Menschen fehl. Vielmehr besteht die Gefahr, dass ein ohnehin schon wahnhafter Mensch weitere Wahnideen entwickelt. Etwa dass in der Nacht nicht nur laute Geräusche gemacht werden, sondern auch, dass Nachbarn ihn verfolgen und ihm das ausreden wollen.
In solchen Situationen ist es wichtig, den Kontakt nicht zu verlieren. Du solltest dir klar machen, dass du allein dem Nachbarn nicht helfen kannst. Dazu benötigt man professionelle Hilfe. Eine solche dem Nachbarn vorzuschlagen, hat möglicherweise den gegenteiligen Effekt. Er könnte sich zurückziehen. Man sollte sie aber auf jeden Fall in aller Vorsicht anregen „… mal mit jemandem drüber zu reden“.

Grafik - Besuch beim Psychiater

Im Zweifel professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Kann man den Nachbarn nicht „zwangseinweisen“ lassen? Die Polizei zu holen, erscheint zunächst möglicherweise wenig sinnvoll, wenn der Nachbar keine Gefahr für sich oder andere darstellt. Das einzuschätzen, ist die Polizei jedoch ausgebildet. Vielleicht solltest Du mal mit ihr in aller Ruhe reden. Als mildere Stufe könnte man auch mit dem Krisendienst Psychiatrie Oberbayern (0800 655 3000) Kontakt aufnehmen.

Hast Du noch Fragen, frag mich. info@psychologische-beratung-rosenheim.de oder 0170/5395483.
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In der nächsten Woche „gerät jemand in absolute Panik“
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)

Das Kind kommt nicht vom Handy los

Das Kind kommt nicht vom Handy los

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Diesmal lautet das Thema: „Das Kind kommt nicht vom Handy los“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
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Mit Handy wird Bühnenshow fotografiert.

Was tun, wenn dein Kind das Leben gefühlt nur noch über das Smartphone wahrnimmt?

Das Kind kommt nicht vom Handy los

Wenn es auf eine Frage mal nicht antwortet, kannst du eigentlich sicher sein, dass es gerade etwas Wichtiges auf dem Handy … ja, was soll man eigentlich sagen: sieht, liest, studiert. Das trifft es eigentlich nicht so ganz: aufsaugen wäre wohl korrekter. „Mamaaaa!!!“ du kennst den Tonfall schon fast auswendig und kannst es eigentlich schon selbst sagen. Mach’s doch mal, sag statt „hast du schon die Hausaufgaben gemacht?“ einfach nur „Mamaaaa!!!!“ Laut, unerbittlich, keinen Widerspruch duldend. Wie reagiert dein Kind darauf? Kann es sich noch vom Handy losreissen? Oder winkt es nur ärgerlich ab und will nicht belästigt werden.

Oder schaut es doch auf. Etwas verdutzt und verunsichert. Wäre auch besser. Immerhin bist du seine Mutter oder sein Vater. Da kann man nicht nur Mammmaaaaa!!!!-Granaten werfen!!!!! Wenn dein Kind noch ansprechbar ist, ist der Generationenkrieg noch nicht entschieden. Auch bei Mammaaaa-Granaten ist noch nicht alles zu spät. Wäre auch noch schöner. Immerhin hat es mit dir – wenn du seine Mutter bist – schon während der Schwangerschaft eine ganz einzigartige Bindung hergestellt. Entschuldigung, liebe Väter, so kurz nach Vatertag. Ich hänge eher dem traditionellen Modell von Vermehrung und Aufziehen an. Und da habt ihr nun mal leider nur die zweite Geige erwischt. Aber auch ihr könnt Unmengen von Oxitocin allein durch den Blickkontakt ausschütten und Bindung herstellen.

Menschen, mit denen das nicht mehr funktioniert, sind wirklich zu bedauern. Das ist ein grosses Defizit und wird eigentlich nur durch enorme Katastrophen ausgelöst. Und Mammaaaaa-Granaten wären ein Hinweis auf solche.

Es gibt nicht wenige, die eine solche Kind-Handy-Verschmelzung wie eine Sucht ansehen. Das wesentliche im suchthaften Verhalten beschreibt man auch als Toleranz-Entwicklung. Doch Achtung, das ist nichts Positives. Hier ist die Nachgiebigkeit gegenüber dem Sucht auslösenden Element gemeint und die zunehmende Neigung dieser nachzugeben. Zu grosse Toleranz an der falschen Stelle also. Das Suchtmittel wird in immer kürzeren Abständen und in immer grösseren Mengen konsumiert und es wird immer schwieriger, das Verlangen danach zu kontrollieren.

Mädchen von hinten in grüner Wiese

Oftmals ist es gar nicht so schwer, ein Kind auch wieder für die reale Welt zu begeistern. 

Wenn du dein Kind aber noch erreichst, versuch, die Beziehungsebene zu (re)aktivieren. Unternimm etwas mit ihm, das IHM Spass macht. Geh auf dein Kind ein und zeig ihm, was es dir bedeutet. Nimm dafür auch Nachteile oder Mühen in Kauf. Es erlebt auf diese Weise nicht nur eure Bindung erneut, sondern auch, dass es ausserhalb der Handy-Welt noch eine andere Welt gibt, die auch interessant sein kann. Verteufele das Handy nicht. Das ist nur kontraproduktiv. Und zeig lieber zur Abwechslung das interessante, reale Leben, das es zum Teil möglicherweise verpasst. Das ist natürlich nur dann wirksam, wenn du selbst diesem Nicht-Handy-Leben etwas abgewinnen kannst. Wenn du bei einem gemeinsamen Ausflug selbst laufend heimlich aufs Handy schaust, kannst du eigentlich auch zu Hause bleiben. Wenn du aber mit den Worten „so, jetzt möchte ich mal eine Zeitlang nicht gestört werden“ demonstrativ dein Handy komplett ausschaltest und in die Tasche steckst („die Welt wird in der Zwischenzeit schon nicht untergehen“) macht dein Kind das vielleicht nach.

Und wenn dein Kind nicht deinem Beispiel folgt, schimpf es nicht. Auch nicht, wenn es unterwegs stehen bleibt – wegen irgendeiner Message, die gerade hereinkommt. Radle einfach weiter und halt nach 100 Metern an um etwas ganz Tolles am Wegesrand zu beobachten. Konzentriere dich voll auf die Sehenswürdigkeit, verwende keinen Blick auf dein Kind. Es wird schon hinterherkommen. Du musst natürlich auch wirklich etwas Schönes finden, sonst verpufft das. Streng dich halt etwas an. Dann findest du eben erst nach 200 Metern etwas Interessantes.

Wenn dein Kind nach dem Spaziergang eine verpasste Message auf dem Handy entdeckt, frag es doch mal, ob es anders reagiert hätte, wenn es die Nachricht früher entdeckt hätte. Was also wirklich das Problem ist.

Wenn das funktioniert hat, ist der Weg frei, das Handy mal abends oder während der Hausaufgaben oder während dem Essen auszustellen. Freiwillig. Und natürlich alle. Das würde dann auch für anwesende Freunde oder Freundinnen gelten. Lass dein Kind das durchsetzen, hilf ihm aber bei Bedarf. „Ja, wir machen alle Handys hier beim Essen aus. Darf ich deins auch haben oder möchtest du es selber aus machen?“

Wenn das mit dem Weiterradeln nach dem dritten Mal nicht funktioniert, musst du diesen Weg aufgeben. Da musst du dann auch ehrlich mit dir sein. Kein „ach beim nächsten mal wird’s schon funktionieren“. Nein, wird es nicht. Dann ist die K….. am dampfen. Viele Süchtige rutschen schneller und tiefer in die Sucht, weil das Umfeld zu nachsichtig ist. Das ist bequemer und konfliktfreier. Für das Umfeld. Und die Suchtgefährdeten nutzen das aus, weil sie so leichter an das kommen wonach sie eine Sucht entwickelt haben.

Was aber, wenn das alles nicht funktioniert. Schauen wir uns mal an, wie man mit ernsthaft Süchtigen umgeht. Dabei reden wir von Menschen, deren Sucht eine ernsthafte Gefahr für sie selbst und für ihre Umgebung darstellt. Wer Drogen oder Alkohol konsumiert und dabei auch einen sogenannten Filmriss erlebt, gehört dazu. Dein Kind ist davon sicherlich weit entfernt. Aber man kann von der Therapie Süchtiger vielleicht das eine oder andere lernen.

Eine Entziehungskur für Drogen und Alkohol wird nicht alleine und zu Hause durchgeführt, sondern unter Aufsicht und in einer Klinik. Ich glaube, das können wir deinem Kind und dir ersparen. Am Anfang steht eine sogenannte Psychoedukation. Das ist eine Aufklärung über die Schädlichkeit der Sucht. Das solltest du auch mit deinem Kind machen. Bereite dich darauf vor. Besorg dir Broschüren oder Artikel. Unterschätz das nicht. Versuch das dialogisch zu machen und vermeide ewige Vorträge.

Blick auf Handy-Bildschirm

Manchmal kann nur noch der kalte Entzug helfen.

Nach der Aufklärung über die Gefahren unkontrollierter Handy-Nutzung, erfolgt eine sehr strikte Kontrolle der Handy-Nutzung. In der Suchttherapie nennt man das einen kalten Entzug. Schrittweiser Entzug (jeden Tag ein bisschen weniger) hilft nicht. Es muss sofort und komplett sein. Da das Handy auch notwendiger Kommunikationskanal ist, können wir hier keinen sofortigen und kalten Entzug durchsetzen. Ersatzweise kannst Du aber die Kontrolle über das Handy ausüben. Nur zu bestimmten, knappen Zeiten gibst du es deinem Kind. Es sind auch nur bestimmte Kommunikationen erlaubt. Persönliche Nachrichten checken und beantworten. Mit klarer Zeitbeschränkung. Darin müssen auch andere kommunikationsfähige Geräte einbezogen werden. Lass dich auf keine Tricks ein. Etwa „wir müssen das im Internet für den nächsten Test recherchieren … „. Frag genau, was recherchiert werden muss und mach es mit.

Unverfänglich über die Freunde reden

Der wichtigste Teil einer Entziehungskur besteht in der Begleitung der ehemals Süchtigen in eine neue, weniger suchtgefährliche Lebensumgebung. Also weg von den falschen Freunden, hin zu einer gesünderen Umwelt. Wenn deine bisherige Hilfestellung für dein Kind fruchtbar war, sollte auch das gelingen. Einfach unverfänglich über die Freunde reden. Dein Kind kann zu diesem Zeitpunkt schon selbst entdecken, wer einen schädlichen Umgang mit dem Handy hat.
Es kommen einige herausfordernde Zeiten auf dich zu. Auf dich! Bevor du anfängst, dich mit deinem Kind zu beschäftigen, musst du dich ganz aufrichtig fragen, wie dein eigenes Handy-Verhalten aussieht. Aber sieh es doch einmal so: Vielleicht kannst du ja auch dein eigenes Leben durch etwas bewussteren Umgang mit dem Handy bereichern.

Klare Linien durchhalten

Vor allem frag dich aber, hast du genügend Achtsamkeit deinem Kind gegenüber, um ihm mit Zuneigung aus der Situation herauszuhelfen? Hast du genügend Konsequenz, um klare Linien durchzuhalten? Und eigene Glaubwürdigkeit. Und genügend Zuneigung zu deinem Kind, um es nicht grenzenlos zu kontrollieren, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, so zu wachsen, dass es das eigenverantwortlich regelt. Und bau Vertrauen auf. Recht bald kannst du deinem Kind vertrauen, wenn es eigenständig für den nächsten Test in Internet recherchiert. Frag es im Gespräch oft genug nach seiner eigenen Einschätzung und eigenen Überlegungen, wie man etwas verbessern kann. Oft sind das die besten Ideen. Schon im Mutterleib beginnt die ewige Auseinandersetzung zwischen Bindung zur Mutter und Streben nach Unabhängigkeit. Lösen kann diese Situation nur dein Kind. Helfen solltest du ihm dabei. Meine Vorschläge sind wirklich nur Anregungen. Sei kreativ und entwickle eigene Ideen. Du schaffst das.

Und wenn das alles nicht funktioniert? Vielleicht bist du ja selbst zu oft am Handy. Oder bist einfach befangen. Dann braucht ihr vielleicht beide externe Beratung.
Hast Du noch Fragen, frag mich. info@psychologische-beratung-rosenheim.de oder Telefon 0170/5395483.

Du kannst mir auch Themen vorschlagen, über die ich einmal schreiben sollte.

In der nächsten Woche „hört der Nachbar nachts Geräusche
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)

Psychoanalyse

Psychoanalyse

RosenheimJeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Diesmal erklärt er leicht verständlich, was Psychoanalyse überhaupt ist:

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
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Schwarze Couch in Zimmer

Bei dem Begriff „Psychoanalyse“ denkt man erst einmal an eine Couch. 

Psychoanalyse

Bei dem Begriff „Psychoanalyse“ denkt man erst mal an eine lange Couch, auf der ein Patient liegt und etwas erzählt. Am Kopfende sitzt ein alter bärtiger Mann mit Brille auf einem Stuhl und schreibt etwas auf. Das ist nicht ganz falsch. Der Patient soll möglichst entspannt und unbeeinflusst erzählen, was ihn bewegt. Der Pionier der Methode hatte schon als junger Mann einen Bart und trug später eine Brille: Sigmund Freud.

Vor gut 100 Jahren hat er die Methode der Psychoanalyse entwickelt. Dabei geht es um die Beschreibung des Unbewussten, das jeder Mensch hat. Dieses hat großen Einfluss auf die Gedanken und Handlungen der Menschen.

Unbewusste entwickelt sich von Kindesbeinen an

Das Unbewusste entwickelt sich von Kindesbeinen an. Es wird beeinflusst von dem, was man erlebt. Dazu hat Freud verschiedene Stadien der Entwicklung vom Baby zum Erwachsenen beschrieben. Vom Aufbau einer Bindung zur Mutter zur allmählichen Abnabelung und Gewinnung einer eigenen Persönlichkeit. Wenn das Durchlaufen der einzelnen Entwicklungsstadien Schwierigkeiten bereitet, können psychische Störungen entstehen, die sich erst später zeigen. Zum Beispiel Angstzustände, Bindungsprobleme, Zwänge.
Die Psychoanalyse versucht nun, die Ursachen solcher Störungen herauszufinden und wenn möglich zu beheben. Der Patient soll zunächst möglich unbeeinflusst erzählen, was ihm in den Sinn kommt. Dazu können auch seine Träume erzählen. Der Psychoanalytiker schreibt einfach nur auf, was der Patient sagt. Zunächst wird nichts kommentiert oder gefragt. Das entspricht der eingangs geschilderten Szene.

Der Psychoanalytiker konzentriert sich auf vom Patienten geschilderte Konflikte. Diese entstehen bevorzugt durch Wünsche, die dem Kind, aber auch dem Heranwachsenden nicht erfüllt werden. Es können aber auch Wünsche sein, deren Erfüllung sich der Patient selbst untersagt hat. Um dies zu beschreiben, hat Freud ein Modell entwickelt, indem er einzelne Elemente des menschlichen Entscheidungsprozesses definiert. Er bezeichnet diese mit den Begriffen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“. Das hast du vielleicht schon einmal gehört und ist mit Freud in etwa derart verbunden, wie sein Bart und seine Brille.

„Es“ , „Über-ich“ und „Ich“

Unter dem „Es“ versteht er nun die Wünsche und Bedürfnisse. Unter dem „Über-Ich“ die gesellschaftlichen Regeln. Aber auch das eigene Gewissen, das die Regeln beinhaltet. Das „Ich“ entscheidet nun, was der Mensch letztendlich macht.

Ein Beispiel. Das Es würde gerne ein Eis essen. Im Über-Ich werden nun die Regeln ins Spiel gebracht: „wolltest du nicht gerade abnehmen“, „mitten in der Nacht?“, „du hattest doch gerade schon eins“. Das Ich entschiedet nun, was geschieht und kann sich dabei auf die eine oder andere Seite schlagen. Oder vielleicht sogar einen genialen Kompromiss finden. Bei Eis oder nicht, wird es sich wohl entschieden müssen, fürchte ich. Das Ich kann das Abnehmen auf morgen verschieben, mitten in der Nacht zum Kühlschrank gehen oder ein zweites Eis essen. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, eine der beiden Seiten kommt weniger zum Tragen. Daraus entstehen Defizite und Konflikte, die mehr oder weniger gut verarbeitet werden bzw. Störungen in der psychischen Gesundheit des Patienten auslösen.

Auf die Suche nach schlecht verarbeiteten, unterdrückten früheren Konflikten begibt sich nun die Psychoanalyse. Sie orientiert sich dabei an den Abwehrmechanismen, die der Patient in seiner Erzählung entwickelt, um die beschriebenen Defizite nicht wahrnehmen zu müssen. Es gibt verschiedene Abwehrmechanismen. Verdrängung/Verleugnung ist einer der bekanntesten: „Ich wollte doch erst ab morgen abnehmen“, „Habe ich wirklich schon ein Eis gegessen?“. Oder Verschiebung. Statt dem Arbeitskollegen die Meinung zu sagen, wird der Hund geschimpft.

Nachdem der Patient umfänglich berichtet hat, was ihn bewegt, schaltet sich der Psychoanalytiker ein. Er identifiziert zunächst die entscheidenden Punkte des Konflikts und konfrontiert den Patienten damit. Nun werden die Ergebnisse diskutiert, der Psychoanalytiker macht Vorschläge für die Verarbeitung und für deren Umsetzung.

Psychoanalyse wird nicht mehr oft durchgeführt

Psychoanalyse wird heutzutage nicht mehr oft durchgeführt. Zum einen dauert es natürlich sehr lange, bis der Patient alles erzählt hat, was ihm so einfällt. Das kann schon mal Jahre dauern. Zum anderen gibt es inzwischen Therapien, die anders vorgehen, aber dem Patienten in sehr viel kürzerer Zeit helfen. Nicht zuletzt wurden Therapien entwickelt, die der Psychoanalyse verwandt sind, in der aber der Therapeut eine viel aktivere Rolle einnimmt. Er wartet nicht ab, bis der Patient alles erzählt hat, sondern lenkt das Gespräch gezielt in Richtung auf das vermutete Problem. Dadurch kann sehr viel Zeit eingespart werden.

Hast Du noch Fragen, frag mich: info@psychologische-beratung-rosenheim.de oder Telefon 0170/5395483.
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In der nächsten Woche geht es in meiner Kolumne über „Das Kind kommt nicht vom Handy los“ ADHS.
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)

„Ist Lachen gesund?“

„Ist Lachen gesund?“

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Der Titel seiner heutigen Kolumne lautet: „Ist Lachen gesund?“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
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Buchstabenzug: "Did you smile today?"

Wer lacht, dem erscheint so manche Sorge gleich ein wenig kleiner.

Ist Lachen gesund?

Ja.
Ja klar!
Dir ist nicht zum Lachen zumute? Mach mal einfach alles anders, als sonst. Natürlich nicht bei Rot über die Ampel gehen oder ähnliches. Ist Dir jetzt ein Grinsen ausgekommen? Dann mach weiter so. Es gibt kein Rezept fürs Lachen. Lachen ist anarchisch. Subversiv. Herausfordernd. Charakterbildend. Du musst nämlich akzeptieren können, dass andere auch über Dich lachen. Kannst du dabei mitlachen?

„Jetzt weiß ich gar nicht mehr, warum ich angerufen habe“

Wenn ich an der Telefon-Hotline sitze, ist das Schönste, wenn am Ende gelacht wird. Manchmal hat der Anrufer gesagt „Jetzt weiß ich gar nicht mehr, warum ich angerufen habe“.
Diesen Spruch kann ich Dir unbedingt mitgeben „überall, wo gelacht wird, ist gerade ein Problem gestorben“. Wunderbar.
Noch Fragen?
Nächste Woche geht es hier um jemand, dem auch nicht zum Lachen zumute ist. Der wäscht sich heimlich ganz lange und intensiv die Hände.
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)

 

Macht das noch Sinn?

Macht das noch Sinn?

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Der Titel seiner heutigen Kolumne lautet: „Macht das noch Sinn?“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
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Immer schneller, immer weiter, immer höher, immer perfekter - ist das der Sinn des Lebens? Fotos: re

Immer schneller, immer weiter, immer höher hinaus – kommt man damit dem Sinn des Lebens näher?

„Macht das noch Sinn?“

Zweimal im Leben eines jeden Menschen stellen sich Umbrüche ein, die mit der Frage nach dem Sinn des Lebens einhergehen: in der Pubertät und in den Wechseljahren. In der Pubertät wird überhaupt erst einmal nach einem Sinn gesucht und in den Wechseljahren vieles bis alles in Frage und manchmal auf den Kopf gestellt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat sich also jeder mindestens einmal im Leben gestellt.

Was macht also diesen Sinn aus? Braucht man das überhaupt, oder würfelt das nur unser Leben durcheinander und unseren Umgang mit den anderen Menschen? Aristoteles stellte dazu in Griechenland ein paar Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums fest: Der Mensch strebt nach einem „Guten“. Damit ist allerdings nicht nur etwas ethisch-moralisches gemeint, sondern auch allgemein das Streben nach einem Ziel. Das schliesst das Streben nach allgemeinen materiellen und äusseren Zielen mit ein.

Fast 2000 Jahre später, zu Beginn der Aufklärung, führte der Engländer Thomas Hobbes die Verteidigung gegen Bedrohung als Ziel ein. Zu den positiven Zielen im Leben traten damit Verhinderungsziele. Nicht nur der Schutz gegen Naturgewalten, sondern auch gegen Übergriffigkeit durch andere Menschen.

Muss man denn immer die ganze Welt retten?

Besteht der Sinn des Lebens, beziehungsweise sinnhaftes Handeln nur auf so einem fast übermenschlich hohen Niveau? Muss man denn immer die ganze Welt retten? Warum denn nicht? Die Rettung der Welt kann schon auf ganz einfachem Niveau beginnen.

Superman fliegt am Himmel

Muss man immer gleich die ganze Welt retten, damit das Leben Sinn ergibt?

In der kleinen Gemeinde, in der ich so gerne wohne, fährt immer wieder ein Mensch mit seinem Rollstuhl durch die Straßen und sammelt Müll. Sortiert ihn in die verschiedenen Plastikbeutel, die er mit sich führt und entsorgt ihn hinterher. Auch wenn das scheinbar etwas ganz kleines, unscheinbares ist, ist es eigentlich doch ganz großes Kino.

Man könnte nun spöttisch bemerken, dass er das nur für den Applaus tut, den er dafür bekommt. Selbst wenn, was wäre so falsch daran? Es muss natürlich nicht immer so etwas ganz grosses sein. Es muss auch nicht immer „weh tun“, damit es ein echter Dienst für jemand anders ist. Der Sinn des Lebens kann auch darin bestehen, den Garten schön zu haben, oder die eigenen Kunstkenntnisse zu vervollkommnen. Kann in etwas ganz kleinem, individuellem bestehen.

Man muss keine Dinge tun, die man nicht tun mag, nur um sich „aufzuopfern“. Es gibt genug anderes. Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, mit Blick auf die Bedürfnisse anderer und seiner selbst, findet man etwas, das es lohnt weiter zu verfolgen. Man muss es auch nicht immer für den Applaus oder andere Belohnungen machen. Vor vielen Jahren habe ich einmal einigen jungen Familien mit Vorschulkindern und viel Gepäck geholfen. Sie wollten durch recht tiefen Schnee zu Fuss auf eine Almhütte gelangen. Die Kinder waren schon ziemlich erschöpft und die mit dem Gepäck schwer beladenen Erwachsenen auch. Natürlich wollten die mir etwas Geld dafür geben und ich hab‘s natürlich abgelehnt. Aber ich habe sie gebeten, bei nächster Gelegenheit anderen genauso zu helfen, wie ich ihnen geholfen habe.

Du erkennst an meinen Beispielen, dass ich bei allem Verständnis für die selbstbezogene Sinnsetzung einen ganz besonderen Sinn in der uneigennützigen Hilfe für andere sehe. Das werden ganz viele so sehen. Der Mensch ist eben ein Gemeinschaftswesen. Einer der Gründe für den Erfolg der Spezies Mensch besteht nach meiner Einschätzung in der Überwindung des archaischen Prinzips von Auge um Auge, Zahn um Zahn durch die Nächstenliebe im Christentum. Besiegte Feinde nicht umzubringen, führt dazu, dass ein weiteres Gehirn für die Gesellschaft integriert und nutzbar gemacht werden kann.
Einer der bekanntesten Psychotherapeuten des letzten Jahrhunderts war Viktor Frankl, der Freud, Adler und Jung noch persönlich gekannt hat. Er hat seine gesamte Familie im KZ der Nazis verloren, selbst aber drei KZs überlebt. Er begründete die humanistische Schule der Psychotherapie und war der Auffassung, dass die Sinnsuche das Wichtigste im menschlichen Dasein ist. Wenn du mal etwas Beeindruckendes lesen möchtest: „Trotzdem ja zum Leben sagen“ von Viktor Frankl.
Du bist also nicht allein bei Deiner Sinnsuche. Ohne selbige macht das Leben wirklich keinen Sinn. Es ist sogar fast unmöglich, keinen zu finden.
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)