Wenn Realität sich verändert: Warum frühe Hilfe bei Schizophrenie so wichtig ist

Wenn Realität sich verändert: Warum frühe Hilfe bei Schizophrenie so wichtig ist

Wasserburg / Bayern / Deutschland – Am 24. Mai wird weltweit der Welt-Schizophrenie-Tag begangen. Bereits im Vorfeld rückt das Thema in den Fokus – denn kaum eine psychische Erkrankung ist so stark von Vorurteilen geprägt wie die Gruppe der Schizophrenien. Oft entstehen dabei Bilder, die mit der medizinischen Realität nur wenig zu tun haben.

In Wasserburg am Inn will das kbo-Inn-Salzach-Klinikum den Aktionstag nutzen, um über die Erkrankung aufzuklären, Angehörigen Orientierung zu geben und Betroffenen Mut zu machen, frühzeitig Hilfe zu suchen.

Zwischen Rückzug und veränderter Wahrnehmung

Schizophrene Erkrankungen beginnen häufig schleichend. Erste Veränderungen werden oft von Angehörigen bemerkt: Betroffene ziehen sich zurück, wirken misstrauisch, verlieren Interessen oder verändern ihren Schlafrhythmus. Auch das Denken und Sprechen kann sprunghaft oder schwer nachvollziehbar wirken.

„Schizophrenien sind eine ernsthafte, aber in den meisten Fällen gut behandelbare Gruppe von Erkrankungen des Gehirns.“, erklärt PD Dr. Michael Rentrop, Chefarzt am Zentrum für Psychose-Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen des kbo-Inn-Salzach-Klinikums. „Je früher Betroffene Unterstützung erhalten, desto besser sind in der Regel die Aussichten auf langfristigen Behandlungserfolg.“

In akuten Phasen kann es zu sogenannten psychotischen Episoden kommen. Dabei verschwimmt für die Betroffenen zeitweise die Grenze zwischen innerer Wahrnehmung und äußerer Realität – etwa durch Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder starke Verunsicherung.

Was Angehörige tun können

Für Familien und Freunde ist die Situation oft belastend und schwer einzuordnen. Fachlich entscheidend ist zunächst Ruhe und ein offenes Gespräch – ohne Druck oder Konfrontation.
„Angehörige sollten Betroffene nicht unter Druck setzen oder versuchen, Wahnvorstellungen auszureden.“, so Rentrop. „Sinnvoller ist es, Verständnis für die Belastung zu zeigen und professionelle Unterstützung zu organisieren.“

Wichtig sei vor allem, frühe Warnzeichen ernst zu nehmen und Hilfe zu suchen – etwa über Hausärzte, psychiatrische Ambulanzen, Krisendienste oder Fachkliniken. „Hier gilt ganz klar: Lieber falscher Alarm als verspätete Hilfe.“, betont der Chefarzt.

Behandlung heute deutlich besser möglich

Auch wenn die Diagnose zunächst verunsichern kann, sind schizophrene Erkrankungen heute in vielen Fällen gut behandelbar. Medikamente können akute Symptome deutlich lindern oder ganz zurückdrängen. Ergänzend spielen Psychotherapie, sozialpädagogische Unterstützung sowie Hilfe bei Alltag, Ausbildung und Beruf eine wichtige Rolle.

„Viele Betroffene können mit der richtigen Diagnose und entsprechender Behandlung ein stabiles und selbstbestimmtes Leben führen.“, sagt Rentrop. Entscheidend sei, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und Versorgung niedrigschwellig zugänglich zu machen.

Aufklärung gegen Vorurteile

Trotz medizinischer Fortschritte bestehen weiterhin viele Vorurteile. Dabei gilt: Die meisten Menschen mit Schizophrenie sind nicht gefährlich, sondern selbst stark von der Erkrankung belastet.

Der Welt-Schizophrenie-Tag soll dazu beitragen, Wissen zu vermitteln und Stigmatisierung abzubauen. Denn ein verständnisvolles Umfeld kann entscheidend dazu beitragen, dass Betroffene Stabilität und Lebensqualität zurückgewinnen.

Schizophrene Erkrankungen betreffen im Laufe des Lebens etwa ein Prozent der Bevölkerung und treten häufig erstmals im jungen Erwachsenenalter auf.

Ein Aktionstag mit klarer Botschaft

Der Welt-Schizophrenie-Tag wird jährlich am 24. Mai begangen und erinnert an die Lebensrealität von Betroffenen und Angehörigen. Ziel ist es, frühzeitige Hilfe zu fördern, Aufklärung zu stärken und psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen.
(Quelle: Pressemittteilung kbo-Inn-Salzach-Klinikum ( Beitragsbild: Symbolfoto ai generiert)

Nachbar hört nachts Geräusche

Nachbar hört nachts Geräusche

Rosenheim – Jeden Donnerstag schreibt der Rosenheimer Dr. Alexander Wurthmann M.A. auf Innpuls.me über ein psychologisches Thema und gibt Tipps, wie man damit umgehen kann. Diesmal lautet das Thema: „Nachbar hört nachts Geräusche“.

Portrait Alexander Wurthmann

Dr. Alexander Wurthmann M. A. Fotos: re

Zu Dr. Alexander Wurthmann: Der Rosenheimer mit rheinischen Wurzeln ist Sohn eines Schriftstellers. Er hat schon im Alter von 9 Jahren seine erste handgeschriebene Zeitung verfasst. Mitte der 70er Jahre studienhalber nach München. Abschlüsse in Politologie und Geschichte (Thomas Nipperdey). Oft als Reiseleiter in Japan und China. Dann viele Bildungsprojekte auf Bundes- und Länderebene gemanaged und schließlich fast 30 Jahre eine berufsbildende Schule betrieben. Nunmehr im fünften Jahr bei einer lebensberatenden Hotline im kirchlichen Bereich tätig und betreibt in Rosenheim eine Praxis für psychologische Beratung und Coaching.
Hier gibt es dazu weitere Infos: 

Kopf

Wie soll man sich verhalten, wenn man es mit Menschen mit Wahnvorstellungen zu tun hat?

Nachbar hört nachts Geräusche

Die Oma hat Dir gesagt, dass Du dir als Jugendfußballer keine Illusionen machen sollst, irgendwann mal deutscher Meister zu werden. Und über den Betrunkenen im Park hat sie gesagt, dass der halluziniert, als der wirr von Mäusen geredet hat. Ja, was denn nun? Halluzination oder Illusion?

Zunächst einmal hat sie vermutlich mit beidem recht. Aber wo ist der Unterschied zwischen Illusion und Halluzination? Dazu ein Beispiel. Wenn ich nachts im Schlafzimmer einen dunklen Klumpen auf dem Boden liegen sehe, liegen da wahrscheinlich meine Socken. Wenn ich das Licht anmache, kann sich das als wahr herausstellen. Vielleicht hat mein Hund aber doch einen Haufen ins Schlafzimmer gepflanzt. Ich hätte dann etwas reales gesehen, es aber falsch gedeutet. Wenn beim Licht anschalten aber nichts dort lag, war das eine Halluzination. Weil eigentlich nichts da lag und ich mir das nur eingebildet habe.

So bist Du als Jugendfußballer eine reale Erscheinung, aber vermutlich täuschst Du dich – so leid es mir tut – wenn du denkst, dass du einmal deutscher Meister wirst. Und der Betrunkene hatte vermutlich Halluzinationen. Jedenfalls hat keiner außer ihm irgendwelche Mäuse gesehen.

Wenn es um deine eigenen Beobachtungen geht, kannst du leicht zwischen Illusionen und Halluzinationen unterschieden. Du musst nur das Licht anmachen. Aber so einfach ist das mit dem Nachbarn nicht, der vor kurzem behauptet hat, in der Nacht laute Geräusche gehört zu haben. Die Überzeugung, mit der er seine Beobachtung wiedergegeben hat, gibt genauso wenig einen Anhaltspunkt für den Wahrheitsgehalt wie eine etwaige Vorsicht, mit der er quasi hinter vorgehaltener Hand darüber berichtet.

Was steht also zu Auswahl? Alles von nächtlichen Renovierungsarbeiten über überlaut aufgedrehte Fernseher bis zu Halluzinationen eines möglicherweise schizophrenen Menschen. Schwierig wird es, wenn Du selbst nichts gehört hast. Den Licht-Test kannst du in diesem Fall nicht machen.
Wenn der Nachbar auf deine Nachfrage mehr und detaillierter über die nächtlichen Geräusche erzählt, ist das auch kein Hinweis auf den Wahrheitsgehalt. Schizophrene dichten oftmals etwas zu ihrer Geschichte hinzu, was auch dazu passt. Wenn die ergänzenden Schilderungen aber etwas grotesk werden und du auch merkst, dass sich der Nachbar mehr und mehr hineinsteigert, ist vielleicht etwas faul an der Sache. Erst recht, wenn der Nachbar etwas erzählt, von dem du sicher weißt, dass es nicht stimmt. Etwa, dass es vor wenigen Tagen um 1 Uhr nachts ganz laut war und Du genau zu dieser Zeit an der Quelle des vermeintlichen Lärms vorbeigekommen bist, und alles war ruhig.

„Aufdeckende Therapie“ hilft hier nichts

Nach solchen Ungereimtheiten gilt es zu suchen. Je mehr du ihn reden lässt, umso eher kommen sie zum Vorschein. Wenn Du eine entdeckt hast, versuch nicht, ihn zu belehren. Er wird das nicht annehmen. Sogenannte „aufdeckende Therapie“ geht bei wahnhaften Menschen fehl. Vielmehr besteht die Gefahr, dass ein ohnehin schon wahnhafter Mensch weitere Wahnideen entwickelt. Etwa dass in der Nacht nicht nur laute Geräusche gemacht werden, sondern auch, dass Nachbarn ihn verfolgen und ihm das ausreden wollen.
In solchen Situationen ist es wichtig, den Kontakt nicht zu verlieren. Du solltest dir klar machen, dass du allein dem Nachbarn nicht helfen kannst. Dazu benötigt man professionelle Hilfe. Eine solche dem Nachbarn vorzuschlagen, hat möglicherweise den gegenteiligen Effekt. Er könnte sich zurückziehen. Man sollte sie aber auf jeden Fall in aller Vorsicht anregen „… mal mit jemandem drüber zu reden“.

Grafik - Besuch beim Psychiater

Im Zweifel professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Kann man den Nachbarn nicht „zwangseinweisen“ lassen? Die Polizei zu holen, erscheint zunächst möglicherweise wenig sinnvoll, wenn der Nachbar keine Gefahr für sich oder andere darstellt. Das einzuschätzen, ist die Polizei jedoch ausgebildet. Vielleicht solltest Du mal mit ihr in aller Ruhe reden. Als mildere Stufe könnte man auch mit dem Krisendienst Psychiatrie Oberbayern (0800 655 3000) Kontakt aufnehmen.

Hast Du noch Fragen, frag mich. info@psychologische-beratung-rosenheim.de oder 0170/5395483.
Du kannst mir auch Themen vorschlagen, über die ich einmal schreiben sollte.

In der nächsten Woche „gerät jemand in absolute Panik“
Alexander Wurthmann M.A.
(Quelle: Kolumne Dr. Alexander Wurthmann M.A. / Beitragsbild, Fotos: re)